publiziert: 21.06.2012 18:38 Uhr
aktualisiert: 21.06.2012 18:42 Uhr
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Leitartikel: Der Aufschwung im Abschwung

Deutschland und die Abkühlung der Weltkonjunktur

Vor genau sechs Jahren schwelgte Deutschland im „Sommermärchen 2006“. Die vier Wochen der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land blieben aber nicht nur wegen der tollen Atmosphäre, des herrlichen Wetters und des guten Abschneidens der Nationalmannschaft im Gedächtnis haften.

Denn der Frühsommer 2006 markierte auf erstaunliche Weise auch das Ende einer langen Durststrecke für die deutsche Wirtschaft: Mit dem Platzen der Börsenblase 2000 und den Anschlägen vom 11. September 2001 war die Weltwirtschaft in eine Abschwungphase geraten. Nicht zuletzt der bisherige Musterknabe schwächelte: Deutschland sei „der kranke Mann Europas“ schrieb etwa die „Welt“ im Januar 2003 – aus heutiger Sicht eine geradezu makabere Vorstellung.

Dann aber, eben Mitte 2006, verließ der Patient Deutschland das Krankenbett. Waren es die umstrittenen Agenda-2010-Reformen von SPD-Kanzler Gerhard Schröder oder besann sich die deutsche Wirtschaft einfach auf ihre Stärken? Darüber streiten heute noch die Experten. Jedenfalls erlebten wir einen kräftigen Aufschwung, der erst mit dem endgültigen Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 endete.

Dann aber ging es dramatisch nach unten, die deutsche Wirtschaft schrumpfte 2009 um mehrere Prozent und steckte, wie große Teile der Weltwirtschaft, in einer Rezession. Doch schon ein Jahr später war es vor allem Deutschland, das sich überraschend schnell erholte. Ob Autos oder Industrieanlagen, Chemieprodukte oder Umwelttechnik – made in Germany war weltweit begehrt. Doch ausgerechnet dieser, selbst für Experten in seiner Heftigkeit ein wenig überraschende Exportboom dürfte sich nun deutlich abschwächen.

Die Indikatoren dafür zeigen seit Wochen in eine Richtung. Ob der kräftig gesunkene Rohölpreis, die nachlassende Dynamik der chinesischen Wirtschaft oder die nun von der US-Notenbank Fed offiziell eingestandene Schwäche der amerikanischen Wirtschaft – derzeit fehlt einfach das, was Kommentatoren gerne als „Motor der Weltwirtschaft“ bezeichnen. Hinzu kommt, dass die europäische Schuldenkrise längst nicht mehr als ein Problem des Alten Kontinents gesehen wird. Fed-Chef Ben Bernanke sagte es in dieser Woche erstmals ganz klar: Die schwierige Lage in Europa bremse das Wachstum in den USA.

Und was tun die Deutschen? Kaufen Fanartikel und schauen Fußball. Warum auch nicht. Denn nach wie vor steht Deutschland auf stabilen wirtschaftlichen Füßen – und im Gegensatz zu früher sind beide Beine gut in Schuss. Da ist zum einen das sich zwar abkühlende, aber immer noch starke Exportgeschäft. Das von einem gesunkenen Eurokurs profitiert – die Unternehmen können so zu günstigeren und damit wettbewerbsfähigeren Preisen im Ausland anbieten.

Und da ist zum anderen die Renaissance der Binnennachfrage: Die Deutschen geben wieder mehr Geld aus, kaufen Möbel, Fernseher oder Immobilien – und renovieren ihre Wohnung oder ihr Häuschen. Sie tun das auch, aber sicher nicht nur aus einer unbestimmten Angst vor einer möglichen Inflation. Die jüngsten Tarifabschlüsse und ein nach wie vor stabiler Arbeitsmarkt sorgen für viel Vertrauen in die Zukunft.

Und so geht es der deutschen Wirtschaft derzeit ein wenig wie Jogis Jungs: Nominell steht man bestens da – doch der Glanz früherer Jahre, der fehlt halt ein wenig.

Von Michael Deppisch michael.deppisch@mainpost.de
    
    

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