aktualisiert: 05.02.2009 21:23 Uhr
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Leitartikel: Der Papst trägt die Verantwortung
Benedikt XVI. zeigt Nachsicht mit Erzkonservativen
Vorneweg: Das Letzte, was man Papst Benedikt XVI. nachsagen kann, ist, dass er den Holocaust als historische Tatsache infrage stellt oder das Leugnen der Verbrechen des Nationalsozialismus toleriert. Das will er sicher nicht.
Warum aber gerät das historisch gebildete Oberhaupt der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang dennoch unter Druck? Wie kann es kommen, dass katholische deutsche Bischöfe, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vertreter anderer Konfessionen klärende Worte vom Papst wegen des Genozids am jüdischen Volk verlangen?
Derzeit ist häufig die Rede von einem Fehler in der internen Kommunikation im Vatikan. Schlecht gewählt sei der Zeitpunkt der Rücknahme der Exkommunikation der vier ultrakonservativen Traditionalisten-Bischöfe gewesen – unter ihnen ein Holocaust-Leugner, der Brite Richard Williamson.
Das Interview mit den fatalen Äußerungen Williamsons war in Schweden drei Tage vor dessen Rehabilitierung gesendet worden. Unter normalen Umständen hätte sich niemand für die ungeheuerlichen Aussagen eines bis dato den meisten Zeitgenossen unbekannten exkommunizierten Mitglieds der Piusbruderschaft interessiert. Durch seine Wiederaufnahme in den Schoß der Kirche hat sich die Situation radikal geändert.
Zwei Szenarien werden gehandelt: Es wird gemutmaßt, dass innere Zirkel an der Spitze des Katholizismus durch den Zeitpunkt der Bekanntgabe dem deutschen Papst ein Bein stellen wollten, um die Aussöhnung mit den Traditionalisten zu hintertreiben. Andere gehen von einem gezielten Komplott von außen gegen das Kirchenoberhaupt aus, um ihm generell zu schaden.
Solche Mutmaßungen sind nebensächlich, haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu schaffen. Und das Problem liegt beim Papst. Es ist seine Aufgabe, das wichtigste Führungspersonal der Kirche – die Bischöfe – zu ernennen. Geistliche, die an der Spitze einer Diözese stehen, werden durch Kommissionen auf „Herz und Nieren“ geprüft. Weltweit gibt es nahezu 5000 Bischöfe. Sie alle kann der Papst nicht kennen. Aber über die, die er in seiner Amtszeit ernennt oder wie jetzt in die Kirche zurückholt, muss er sich informieren. Das insbesondere, wenn sie – wie die vier ultrakonservativen Traditionalisten in der Nachfolge des verstorbenen Erzbischofs Marcel Lef?bvre – alles andere als unumstritten sind.
Es hieße, Papst Benedikt XVI. zu unterschätzen, wenn man davon ausgeht, dass er Vorschläge aus Kommissionen einfach nur abzeichnet, ohne sich mit der Person des Bischofs zu beschäftigen. Dazu ist dieses Kirchenoberhaupt zu gewissenhaft, zu akribisch. Wer den Papst ernst nimmt, muss ihm zugestehen, dass er weiß, was er tut.
Richard Williamson ist Joseph Ratzinger sicher nicht einfach „durchgerutscht“, auch wenn er die jüngsten Holocaust-Äußerungen des Traditionalisten nicht kannte. Er wusste, wen er da in die katholische Gemeinschaft zurückholt – und er ist dafür verantwortlich. Der Papst gibt die Richtung des Katholizismus vor.
Liberale Strömungen haben es mit ihm nicht leicht. Ultrakonservative werden mit Nachsicht bedacht. Unter diesem Aspekt muss man seine Entscheidung betrachten. So liegt die Sichtweise nahe, dass er einen Konflikt bewusst einkalkuliert. Das macht dann aber auch eine Erklärung notwendig – und zwar über den Kurs der Kirche, nicht über den Standpunkt des Heiligen Stuhls zum Holocaust. Der ist hinlänglich bekannt.
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