publiziert: 27.02.2011 18:55 Uhr
aktualisiert: 28.02.2011 20:30 Uhr
» zur Übersicht Meinung
    
    
Artikel
 
    
 
    
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text
Leitartikel: Der Rücktritt ist überfällig

Zu Guttenberg hat seine Glaubwürdigkeit verspielt

Auch wenn er nach wie vor Deutschlands beliebtester Politiker ist und es viele Bürger nicht wahrhaben wollen: Karl-Theodor zu Guttenberg ist angesichts der Plagiatsaffäre als Verteidigungsminister nicht mehr tragbar. Jeder Tag, den er länger an seinem Stuhl im Ministerium klebt, schadet nicht nur dem Amt.

Auch „der Ruf Deutschlands in der Wissenschaft“ leidet zunehmend darunter, wie der Moskauer Politologe Wladislaw Below warnte. Wer sich öffentlich den Vorwurf gefallen lassen muss, ein „Betrüger“ zu sein, weil er, so der Bayreuther Juraprofessor Oliver Lepsius, „planmäßig und systematisch“ wissenschaftliche Quellen zum Plagiat zusammengetragen habe, hat ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem – mindestens.

Die Verteidiger des Ministers verweisen an dieser Stelle gerne darauf, dass Guttenberg nicht als wissenschaftlicher Assistent an der Uni wirke, sondern als untadeliger Verteidigungsminister sich fürs Vaterland verdient mache. Damit soll der Eindruck erweckt werden, dass sein „weder legitimes noch ehrenhaftes Verhalten als Doktorand“ (Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, CDU) strikt zu trennen sei von seiner Arbeit als Minister. Als ob Glaubwürdigkeit und Integrität einer Person von der jeweiligen Tätigkeit abhinge, die sie ausübt: wissenschaftlich also jemand, der dreist abschreibt, beruflich aber tugendhaft und vertrauenswürdig ist.

Davon abgesehen ist Karl-Theodor zu Guttenbergs Bilanz als Verteidigungsminister keineswegs so großartig, wie seine Unterstützer dies behaupten. Im Gegenteil.

Stichwort „Gorch Fock“: Nach dem Tod einer 25 Jahre alten Kadettin bei einer Übung in Brasilien und dem Vorwurf fragwürdiger Rituale an Bord hatte Guttenberg den Kapitän von seinen Pflichten entbunden. Vorschnell, wie Kritiker wohl zu Recht meinten. Denn im Untersuchungsbericht der Marine soll der „Gorch-Fock“-Kapitän nach „Focus“-Informationen angeblich entlastet werden. Wenn das stimmt, müsste der „Korrekturminister“ (Omid Nouripour, Grüne) ihn rehabilitieren.

Stichwort Afghanistan: Achtmal war Guttenberg während seiner Amtszeit am Hindukusch. Dort präsentierte er sich öffentlichkeitswirksam als fürsorglicher Vorgesetzter der Soldaten. Doch kaum sind die Männer und Frauen von ihrem Kriegseinsatz zurück in der Heimat, lässt die Unterstützung ihres obersten Chefs offenbar zu wünschen übrig. Das ARD-Magazin „Kontraste“ berichtete jetzt, dass zahlreiche Soldaten einen zermürbenden Kampf um die Anerkennung ihrer Traumatisierung, um Entschädigung für Verletzungen und um die Versorgung der Hinterbliebenen antreten müssen. Obwohl der Bundestag bereits entsprechende Maßnahmen beschlossen hat.

Stichwort Bundeswehrreform: Offenbar erhält der Politmanager mit Hang zu vorschnellen Entscheidungen für sein Reformwerk keine guten Noten aus dem Kanzleramt. Laut eines „Spiegel“-Berichts heißt es in einem Vermerk, die vorgelegten Eckpunkte seien eine „nur sehr rudimentäre und unausgewogene Grundlage für Entscheidungen zur Reform der Bundeswehr“. Das Kanzleramt soll eine Neuformulierung verlangt haben.

Ob geöffnete Feldpost oder die Bombardierung zweier Tanklaster in Kundus: Die Reihe Guttenbergscher wunder Punkte ließe sich fortsetzen. Doch auch so steht die Erkenntnis: Der gekonnte Selbstdarsteller Karl-Theodor zu Guttenberg verkörpert mehr Schein als Sein – nicht nur auf wissenschaftlichem Parkett. Sein Rücktritt ist überfällig.

Von MICHAEL REINHARD michael.reinhard@mainpost.de
    
    

Diesen Artikel

Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

»Alle 132 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

terrain (165 Kommentare) am 01.03.2011 11:55

Konsequenz richtig, Zeitpunkt zu spät!

Jetzt hat er also die Konsequenz gezogen. Für eine zeitnahe Rückkehr als zweite Chance aber viel zu spät. Die Verteidiger des KTzG haben ihm keinen guten Dienst erwiesen.
(2)
reutjo (2227 Kommentare) am 01.03.2011 13:49

nun kann der "junge Mann" 39 ...

und Halb-Jurist (mit nur einen Staats-Examen) sein Studium erfolgreich
beenden und Voll-Jurist (mit den zweiten Staats-Examen werden. Eine neue
ehrliche Doktor-Arbeit lässt ihn inzwischen zum Manne reifen.
Dann ............ darf er geläutert wieder zurückkommen. Schaun mer mal ...
(0)
fam. feuerstein (2510 Kommentare) am 01.03.2011 10:06

Das formuliert ausgerechnet ein Schweizer Blatt !!!

So ein moralischer grinsen Kommentar aus einem Land, dem Trittin noch vor kurzem vorwarf sich permanent der "Hehlerei" beim Bunkern von Diktatorblutgeld schuldig gemacht zu haben, klingt echt besonders "glaubwürdig": zwinkern

"....die Unverfrorenheit, mit der hier ein Politiker jeglicher Moral entsagt, hat auch etwas Extremes. Das ist beunruhigend." zwinkern
(0)
terrain (165 Kommentare) am 01.03.2011 09:46

Respekt Herr Reinhardt

für den klaren Standpunkt. Selbst wenn man KTzG nachsehen wollte, dass er sich den Dr.-Titel mit strafbaren Handlungen erschlichen hatte ist für mich entscheidend. Er stand / steht nicht zu seinen Verfehlungen. Nein er streitet den Vorsatz ab, ohne den eine solche Arbeit gar nicht entstehen könnte. Er lügt uns alle an und bittet dafür auch noch um Verständnis. Und genau diese aktuelle Verhalten des Herrn KTzG ist es, das ihn für ein Ministeramt disqualifiziert!
PS: Wie sagte doch Gaddafi: Aber mein ganzes Volk liebt mich doch ....
(2)
unbekannt (1 Kommentare) am 01.03.2011 08:44

Die Verfehlungen des Karl- Theodor

Es ist leider so, dass wir vom unteren Mittelmaß regiert werden. Die Situation in dieser Zeit für alle Führungspersönlichkeiten ist äußerst schwierig weil kaum ein Graubereich vorhanden ist. Darum will ein/e erstklassiger/ge Leistungsträger auch lieber in der Wirtschaft arbeiten, weil hier mehr der Erfolg zählt und nicht die Presse alles beleuchtet. Es gibt keinen Menschen der perfekt ist und das sage ich ohne das Verhalten um die Doktorarbeit schön reden zu wollen. Aber für mich ist eine andere Frage wesentlich entscheidender: Was ist für den Staat BRD gut? Wir haben hier den ersten Minister der sich an das Militär mit einer Reform traut, die den Namen Reform verdient. Betrachten wir mal im Gegenzug die Lüge mit dem Rapsanbau. Die Blüte dieser Pflanze erzeugt Lachgas. Lachgas ist 30 mal schädlicher als CO². Diese Lüge wird von Herrn Trittin verleugnet. Wenn ich die Lachgasproduktion der Pflanze in Rechnung stelle ist die Ökobilanz von Raps kaputt. Oder nehmen wir die Produktion von Ethanol für unser E10 Benzin. Dafür werden Regenwälder abgeholzt um Zuckerrohr zur Gewinnung von Ethanol anzubauen! Dabei vertragen es die meisten Motoren nicht. Das sind Probleme! Darum hoffe ich, dass dieser Minister nicht aufgibt sondern sein Reform umsetzt, denn ich sehe keinen anderen Politiker der das könnte!
(1)
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen.
Benutzername Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    

Zeichen setzen 

Förderpreis für
engagierte Bürger
Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr

Leserbriefe 

Schreiben Sie uns
Wenn Sie uns einen Leserbrief schreiben wollen, dann können Sie das direkt hier tun. »mehr
Anzeige