publiziert: 24.07.2012 19:21 Uhr
aktualisiert: 24.07.2012 19:25 Uhr
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Leitartikel: Europas Gegner sind die Spekulanten

Griechenland muss weiter unterstützt werden

Europa schadet sich selbst. Die Art und Weise, wie die Debatte um die Zukunft Griechenlands geführt wird, entlarvt entweder eine erschreckende Unkenntnis oder aber eine ebenso schockierende Kurzsichtigkeit. Als ob mit dem Schlagwort „Nehmt den Griechen den Euro weg“ schon alles gelöst sei.

Von den Kosten einer solchen Aktion mal ganz zu schweigen, würde sich der Euroraum in einem kaum wiedergutzumachenden Ausmaß beschädigen, wenn er sich selbst seine Unfähigkeit, schwache Mitglieder zu stabilisieren, attestieren müsste. Gerade weil die Gemeinschaftswährung immer auch ein politisches Projekt war, käme niemand ungeschoren davon. Auch wir Deutschen nicht. Die EU ebenfalls nicht.

Weder dem Euro noch seinen starken Mitgliedern ginge es besser, wenn man Athen wieder in Richtung Drachme entlässt. Weil das Problem nicht allein die Überschuldung, sondern eben auch der ökonomische Rückstand gegenüber den starken Partnern in Europa ist. Wer den Abbau dieser Unterschiede fordert, muss wissen, dass das auch seine eigene wirtschaftliche Überlegenheit berührt.

Es ist ja kein Zufall, dass Deutschland gleich mehrfach von seinen Nachbarn übel beschimpft wurde, weil es seine Stärke der zunehmenden Schwäche anderer verdankt. Das ist zwar eine Tatsache, nur der Rückschluss, Starke sollten schwächer werden, geht völlig daneben.

Gerade deshalb aber brauchen wir andere Lösungen als nur den reinen Ausschluss europäischer Sorgenkinder aus dem Währungsverbund. Ob man jemanden saniert oder abwickelt und sich selbst überlässt, ist etwas anderes. Griechenland braucht Europa – ebenso wie Italien, Spanien, Portugal, Irland und andere. Gerade weil man sich eine Währung genehmigt hat, für die man noch nicht reif war. Die zunächst noch schemenhafte Idee, solche Kandidaten eine Stufe zurückzusetzen, hat durchaus ihren Charme. Nicht nur Polen gedeiht im Euro-Wartestand prächtig und hat sich entschließen können, die scharfen Auflagen des Fiskalpaktes zu übernehmen.

Natürlich geht das griechische Problem tiefer. Die Partner haben über 250 Milliarden Euro in das Land gepumpt. Athens Gläubiger verzichteten auf 100 Milliarden Euro. Trotzdem haben die Geberländer am Patienten Griechenland herumgedoktert, um herauszufinden, wie man eine solche Notlage am besten therapiert. Und dabei – ganz nebenbei gesagt – bisher hervorragende Geschäfte durch Zinseinnahmen gemacht.

Die Auflagen sind zu straff, die Impulse des Wachstumspaktes greifen nicht. Und die Athener Führung braucht zu lange, um Reformen wirklich irreversibel zu machen. Daran kann man arbeiten. Das kann man beheben. Aber alle Beteiligten sollten darüber die wichtigste Botschaft diese Krise nicht vergessen: Europas Gegner sitzen nicht in Athen, sondern auf dem Finanzmarkt. Spekulanten und Finanzjongleure haben die Krise zwar nicht herbeigeführt, aber sie schüren sie – und verdienen dran prächtig.

Und sie werden nicht aufgeben, nur weil es mit Griechenland ein erstes Opfer geben würde. Europa muss auch ihnen eine Lektion erteilen. Der Schlachtruf „Raus aus dem Euro“ arbeitet der falschen Seite in die Hände.

Von Detlef Drewes red.politik@mainpost.de
    
    

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Die neuesten Kommentare

closs (1762 Kommentare) am 25.07.2012 09:44

Grundsätzliche Zustimmung

Man sollte sich einmal bewusst werden, dass sich überhaupt nicht viel geändert hat. - Es gab Zeiten, in denen priviligierte SChichten (Adel/Kirchen) vom Volk den "Zehnten" (und mehr!) eingezogen haben, um ihren Besitz zu mehren. - Heute läuft das internationaler und passiert über die Finanzmärkte über die Formel "Gewinne privatisieren - Verluste sozialisieren".

Insofern ist der internationale Finanzmarkt die Enteignungs-Plattform der Bevölkerung zugunsten der Priviligierten. Gäbe es diesen Bereicherungsmechanismus nicht (wir reden hier ausdrücklich NICHT von Investitionsgeldern) und würden zudem alle SChwarzkonten der Welt ordentlich versteuert werden, gäbe es keine Staats-SChuldenkrise.

Es wird wieder einmal zu einer Revolution kommen müssen wie 1789 in Frankreich. - Aber das dauert wahrscheinlich noch 2 Generationen.
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mumbel (329 Kommentare) am 24.07.2012 22:30

@Du_di_ned_oo

Ich wollte mit meinem Beitrag nur herausstellen, daß der Begriff "Spekulant" ein so weit gefasster ist, daß er dem Sachverhalt Finanzkrise nicht gerecht wird.

Man könnte die betroffenen Akteure ebenso Insider oder Arbitrageure nennen.
Das Rezept für das derzeitige Finanzchaos sind Inkompetenz, "sich nicht an Regeln halten", das "Nicht-Verfolgen derer, die sich nicht an Regeln halten". Heraus kommen dann Gewinne, die kein Spekulant erwirtschaften kann, wenn er nicht gleichzeitig Insider ist.

Eine Aufarbeitung der Fehler ist dringend nötig. Spätestens Steinbrück hätte damit anfangen müssen. Dann erst kann man Schuldige benennen (Spekulanten sind wir alle- Alle sind aber nicht als schuldig zu benennen) und erst dann können die benannt werden, die die Hauptlasten zu tragen haben.

Der Kern des Problems ist doch die Abstimmung zwischen Politik und Finanzindustrie. Dort wurden und werden die größten Fehler gemacht.Dort müssen auch die Lasten am stärksten verteilf werden.
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mumbel (329 Kommentare) am 24.07.2012 19:46

Spekulanten

Jeder sollte sich selbst einmal klarmachen, daß er auch spekuliert. Allein wenn er Sonderangebote kauft (in der Erwartung, daß er ein Schnäppchen macht).Wenn er bei eBay schaut, ob er einen Artikel günstiger als im Laden kaufen kann, oder bei der nächsten Ölbestellung, bei der er herauszufinden hofft, den günstigsten Zeitpunkt zu erwischen.

Was haben Spekulanten mit Griechenland zu tun? Nichts.

Sind Journalisten etwa angehalten, vom Versagen der Politik abzulenken und das Volk darauf vorzubereiten, wie "gerecht" es ist den sie den bösen Kapitalanleger weiter höher zu besteuern?

Warum wird nicht konkretisiert, wenn es darum geht die Spezies von Spekulanten zu benennen, die prächtig am Griechenland-Desaster verdient haben?

Ist man etwa zu feige sich mit den großen Institutionellen, die ihre Gewinne oft in Steueroasen ins Trockene bringen anzulegen?

Welche Maßnahmen sieht denn der Autor gegen Institutionelle vor? Hier wäre in der Tat ein Angriff auf die Steuerprivilegien angebracht.
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Du_di_ned_oo (4415 Kommentare) am 24.07.2012 21:47

@mumpel - Die Rolle der Spekulanten zur Lage Griechenlands

Ich stimme Ihnen weitgehend zu - jedoch nicht wenn Sie behaupten:
Zitat von mumpel
Was haben Spekulanten mit Griechenland zu tun? Nichts.


Indem Spekulanten u.A. auch Versicherungen auf das "Abbrennen fremder Häuser" abschließen können (siehe CDS) treiben sie die Renditen von Staatsanleihen.

siehe z.B:
Was haben Spekulanten mit Griechenland Krise zu tun?
[gute Frage ..]

Griechenland im Griff der Spekulanten
Banken und Hedge-Funds haben kein Interesse an Beruhigung
Banken und Hedge-Funds profitieren von der griechischen Krise. Sie haben kein Interesse an einer Beruhigung. Ein Insider erklärt die Mechanismen und leuchtet die fragwürdige Doppelrolle aus, die etwa Goldman Sachs spielt.
[Artikel in der Neuen Züricher Zeitung]
Aber sicherlich sind nicht nur Spekulanten schuld.
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