publiziert: 02.08.2012 18:42 Uhr
aktualisiert: 02.08.2012 18:43 Uhr
» zur Übersicht Meinung
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text
Leitartikel: Mitt Romneys verpasste Gelegenheit

Präsidentschaftskandidat der USA auf Auslandsreise

Manchmal ist man einfach froh wegzukommen. Mitt Romneys Reise nach Europa und Israel war mehr als der traditionelle Auslandstrip, mit dem Präsidentschaftsbewerber in den USA ihre Eignung als Staatsmann beweisen. Sie sollte auch von den Schwierigkeiten daheim ablenken, wo Romney sich partout weigert, Steuererklärungen aus der Zeit offenzulegen, als er noch keine Kandidatur beschlossen hatte. Das Ergebnis ist gemischt.

Mit Großbritannien, Israel und Po- len hatte Romney unbeirrbare Verbündete ausgesucht. Die Pressefragen waren limitiert, es gab Fernsehinszenierungen vor symbolträchtigen Bauten, was konnte da schiefgehen? In London bot sich dem Kandidaten sogar die Gelegenheit, elegant an seine Verdienste als Olympia-Mana-ger von Salt Lake City zu erinnern. Stattdessen schaffte er es, seine Gastgeber so zu beleidigen, dass Premierminister David Cameron sich zu einer Retourkutsche veranlasst sah. Obwohl Romney sich in London drei Tage aufhielt, hatte er den wichtigsten Verbündeten der USA keine besondere Botschaft mitgebracht. Dass ließ den US-Medien Zeit, sich mit dem Dressurpferd der schwerreichen Familie und mit den Schlagzeilen der britischen Kollegen zu beschäftigen („Mitt, der Tölpel“, „Wer hat den Spaßverderber eingeladen?“).

Israelischen Geldgebern erklärte Romney anschließend das Wohlstandsgefälle zwischen ihrem Land und demjenigen der Palästinenser mit der unterschiedlichen „Kultur“ der Bewohner. Seine Kampagne brauchte Stunden um zurückzurudern; dabei hatte sie gerade erst ein Statement von Romneys Team weichgespült, das Israel zum Erstschlag gegen Iran einzuladen schien.

Romneys Reise hat ihm Bilder ge-bracht, die polnischstämmigen Wählern, Juden, Katholiken und Evangelikalen in den USA gefallen dürften. In Israel hat er Spenden ge-sammelt und Lob von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eingeheimst, in Polen gute Wünsche von Nationalheld Lech Walesa. Aber ins- gesamt reagierten selbst konservative US-Kommentatoren mit einer Mischung aus Unglauben und Resignation.

Außenpolitik ist bei dieser Wahl so unwichtig wie lange nicht mehr, in Umfragen liegt Romney mit Präsident Barack Obama weiter Kopf an Kopf. Sein Hauptproblem ist, dass diese Ausrutscher kein Einzelfall waren: Naivität, fehlendes Gespür für Benachteiligte und ein Mangel an Botschaft haben seine Kampagne auch bisher schon gekennzeichnet.

Romneys Wahlkampf lebt vom Wirtschaftsthema, aber selbst diese Pläne sind vage. Darüber hinaus gibt es keinen Entwurf für die Zukunft des Landes, der Kandidat persönlich bleibt ebenfalls farblos. Noch weniger als über soziale Themen oder die Konflikte der USA spricht Romney über sich selbst. Sogar seine Qualifikation als Wirtschaftsmann ist tabu, seit die Obama-Kampagne darauf verweist, dass Romney als Investmentbanker Jobs ins Ausland verlagert hat. Die US-Bürger sollen einen Präsidenten wählen, der sich ihnen nach Kräften entzieht.

Obamas Leute haben in den vergangenen Monaten erfolgreich daran gearbeitet, dieses Vakuum mit unvorteilhaften Informationen zu füllen. Die Auslandsreise war eine verpasste Gelegenheit, dem zu begegnen. Stattdessen begrüßte der Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Harry Reid, den Heimkehrer mit dem Verdacht, dass Romney zehn Jahre lang überhaupt keine Steuern bezahlt habe. Noch am Tag seiner Ankunft stand er damit wieder da, wo er abgeflogen war – unter Druck.

Von Jens Schmitz red.politik@mainpost.de
    
    

Diesen Artikel

Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

Die neuesten Kommentare

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen. Sie können daher keine Beiträge zu diesem Artikel verfassen.
    
    

Zeichen setzen 

Förderpreis für
engagierte Bürger
Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr
    
    

Leserbriefe 

Schreiben Sie uns
Wenn Sie uns einen Leserbrief schreiben wollen, dann können Sie das direkt hier tun. »mehr
    
Anzeige