aktualisiert: 27.07.2012 19:16 Uhr
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Seehofer zu Besuch in Warschau
Ein nachdenklicher Bundesratspräsident wird mit der polnischen Geschichte konfrontiert
Horst Seehofer lässt sich Zeit. Er hat einen schwarzen Kugelschreiber in der Hand. Sein Blick zeigt die tiefe Betroffenheit. Gerade hat er einen Rundgang durch das Museum des Warschauer Aufstands in einem ehemaligen Elektrizitätswerk hinter sich. Es ist vielleicht der emotionalste Programmteil seines zweitägigen Polen-Besuchs.
Seit zwölf Jahren war kein bayerischer Ministerpräsident mehr offiziell in Warschau. Jetzt ist Seehofer gleichzeitig auch Bundesratspräsident und damit in der deutschen Hierarchie fast ganz oben angesiedelt. Ihm öffnen sich also die Türen fast aller führenden polnischen Politiker bis hinauf zu Staatspräsident Bronislaw Komorowski.
Jetzt aber sitzt der bayerische Ministerpräsident vor einem großen digital rekonstruierten Bild, das das zerstörte Warschau nach der deutschen Besetzung zeigt. Kaum ein Gebäude ist hier stehen geblieben, Hitlers Truppen haben in den Jahren 1939 bis 1944 auf brutalste Art ganze Arbeit geleistet. Vor Seehofer liegt das Gästebuch des Museums. Er schreibt: „Das Gedenken an den Tod so vieler Menschen beim Warschauer Aufstand, unter ihnen viele Frauen und Kinder, und an die aus blinder Rachsucht erfolgte Zerstörung der Stadt ist schmerzlich.“
Dazwischen immer wieder ein kurzes Innehalten. Später wird er berichten, dass ihm die Begegnung mit vielen jungen Menschen am Sonntag davor im ehemaligen bayerischen Konzentrationslager Flossenbürg durch den Kopf gegangen sei und die Botschaft, die auch von dort ausgegangen ist: „Nie wieder“ dürfe so etwas passieren. „Das große Wort vom 'Nie wieder' soll für alle Zeiten gelten“, sagt Seehofer gegenüber mitreisenden Journalisten.
Am Denkmal für Opfer des Warschauer Aufstands mit den Namen aller dort gefallenen Soldaten – eingemeißelt in dunkle Marmorplatten – stellt der deutsche Gast zum Gedenken ein Kerzenlicht auf. Anschließend rast die Kolonne noch durch den Berufsverkehr zum Denkmal für den Unbekannten Soldaten, wo Seehofer nochmals seinen Respekt gegenüber dem polnischen Volk zum Ausdruck bringt. Er legt während einer militärischen Zeremonie einen Kranz nieder. „Wir verneigen uns vor all denen, die im Kampf für die Freiheit Polens ihr Leben gelassen haben“, schreibt er ins dortige Gästebuch.
Die in Warschau allgegenwärtige Geschichte ist nur der eine Teil des Besuches. Und so schreibt Seehofer im Museum des Aufstands noch einen zweiten Satz, der in die Gegenwart führt: „Umso mehr freue ich mich über den Anblick der wiederaufgebauten Altstadt von Warschau und das Erleben der heutigen Freundschaft zwischen Polen und Deutschen.“
El¿bieta Sobótka weiß, was ihre Landsleute seit 1945 geleistet haben, um die Hauptstadt wieder erstehen zu lassen. „wie Phoenix aus der Asche“, sagt sie. Sobótka ist in Warschau geboren und aufgewachsen. Für die Polen sei Warschau „die Stadt der Energie“, anderswo würde man Boomtown sagen. Es habe überlebt dank der Kraft der Menschen. Sobótka ist heute ausnahmsweise „zu Gast“ in Warschau. Sie gehört als „Ehrenbegleitung“ der bayerischen Delegation an, denn sie war in den vergangenen sechs Jahren polnische Generalkonsulin in München. Heute wird sie sich dort verabschieden. Ihre Zeit, so bedauert sie, ist vorbei. Was danach kommt? „Wir werden sehen,“ sagt sie.
Tatsächlich scheint Warschau Energie zu verbreiten. Überall stehen Kräne. Im Zentrum schießen „Wolkenkratzer“ in die Höhe, die das Stalin-Geschenk „Kulturpalast“ zu überragen scheinen und ihm damit seine einstige Dominanz für das Stadtbild rauben. Horst Seehofer – ausgestattet mit den Privilegien eines hohen Staatsgastes – rast im Audi mit dem deutschen Stander am rechten Kotflügel an den Baustellen vorbei.
„Faszinierend, was Polen aus eigener Kraft und eingebettet in die EU geschaffen hat“, wird der Bundesratspräsident später seinem polnischen Pendant, Senatsmarschall Bogdan Borusewicz, sagen. Er hebt mit Blick auf die europäische Schuldenkrise auch mehrfach hervor, warum die Fortschritte in dem noch relativ jungen EU-Mitgliedsland (seit 2006) möglich sind: Es habe früher als andere die notwendigen Reformen begonnen. Die krisengeschüttelten südeuropäischen Länder könnten sich hier ein Vorbild nehmen. Seehofers intensivste Erinnerungen an Warschau liegen 20 Jahre zurück. Da handelte er als Bonner Staatssekretär für Norbert Blüm das Sozialabkommen mit dem gerade demokratisch gewordenen Polen aus. „Es kommt mir vor wie ein Märchen“, beschreibt er die Entwicklung.
Das Belweder ist ein Stück historisches Warschau. Das Palais liegt am südlichen Ende der zentralen Straße der Könige. Dort hat Staatspräsident Bronislaw Komorowski seinen zweiten Amtssitz, dort wohnt er auch. Der Blick aus den Fenstern geht hinunter in den unter Polens Sachsen-Königen geschaffenen Bäder-Park mit den kleinen Schlösschen. Ein kurzer Händedruck für die Kameraleute und die Fotografen, dann wird hinter Komorowski und Horst Seehofer die Tür geschlossen.
Die Zeit ist knapp. Die polnische Innenpolitik bestimmt an diesem Tag die politischen Schlagzeilen. Gleich wird Komorowski den Landwirtschaftsminister entlassen, weil er unter dem Verdacht der Vetternwirtschaft steht. In Warschau ist von einer „kleinen Koalitionskrise“ die Rede. Die bestimmt auch am nächsten Tag noch den Zeitpunkt für das Gespräch mit Außenminister Radoslaw Sikorski, der eigentlich schon auf dem Sprung ist, weil auch die Nachfolgefrage sehr umstritten ist. Seehofer zeigt Verständnis.
„Der Ursprung Europas liegt hier“, habe Komorowski ihm gesagt, erzählt Seehofer. Der Botaniker und Physiker Wojciech Bogumil Jastrzebowski habe hier bereits 1831 eine europäische Verfassung mit gemeinsamer Regierung und Währung verfasst. Seehofer trifft auf einen bestens informierten Präsidenten, auch was Bayern betrifft. Er lernt, dass es für die Stoiber-Bayernformel „Laptop und Lederhose“ auch eine polnische Übersetzung und eine vergleichbare Denkweise gibt: Überlieferte Wertvorstellungen in die Moderne zu übertragen „als Grundlage für den Erfolg“.
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