Ein veröffentlichtes Bild der getöteten Tochter verletzt nicht Persönlichkeitsrechte leidender Eltern

Pietätlosigkeiten müssen Journalisten unterlassen, trotz Pressefreiheit. Dazu verpflichten sie sich zumindest in ethischen Grundsätzen, um Opfer oder Hinterbliebene zu schützen. Denen können Gerichte in solchen Fällen nämlich nur selten Geldentschädigung oder Schadensersatz zuerkennen.

Das zeigt eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes, getroffen nach dem Weg durch die Instanzen in diesem Jahr. Sie ist auch ein Zugeständnis an die Bedeutung der Pressefreiheit. Ihretwegen gibt es Entschädigungen nach rechtsverletzenden Beiträgen seit jeher nur in schwerwiegenden Fällen.

Kläger in diesem Fall waren Eltern, deren Tochter bei einem Unfall 2005 schuldlos ums Leben kam. Ein schleudernder Wagen hatte ihr Auto erfasst. Dessen zwei Insassen überlebten. An der Haustür der trauernden Eltern erschien zwei Tage danach ein Mitarbeiter der „Bild“-Zeitung. Er bat um Informationen über die Getötete und um ein Foto. Beides verweigerten die Eltern. Sie ließen ihn wissen, dass sie nicht einverstanden seien mit der Verbreitung eines Bildes ihrer Tochter in dem Blatt.

Aber das Foto erschien. Boulevardjournalisten hatten es wohl anderweitig beschafft. Berichtet wurde dazu über die Unfallbeteiligten, aus dem Leben der Getöteten, von deren Schwangerschaft und über den Unfallhergang. Erhöhtes Interesse entstand wegen des Beifahrers im schleudernden Wagen, einem vom „Eurovision Song Contest 2004“ bekannten Musiker.

Der Anwalt der Eltern hat zumindest erwirkt, dass sich „Bild“ verpflichtete, das Foto der Tochter nicht wieder zu veröffentlichen. Darin mag man erkennen, dass schon die Erstveröffentlichung unzulässig gewesen ist. Eine Entschädigung der Eltern lehnten die Richter trotzdem ab. Nur unmittelbar Betroffene können gegen Verletzungen ihres Persönlichkeitsrechts vorgehen. Das waren die Eltern nicht, selbst wenn Leser annehmen könnten, sie hätten der Bild-Veröffentlichung in „Bild“ zugestimmt. Der Ausgleich immaterieller Schäden steht nur lebenden Personen zu, weil die für das Opfer wichtige Genugtuung einer Verstorbenen nicht mehr verschafft werden kann. Die Foto-Veröffentlichung sei auch kein Eingriff in die Menschenwürde. Sie zeige eine sympathische junge Frau als unschuldiges Opfer eines Verkehrsunfalles.

Die Eltern erhielten auch keine Lizenzgebühr für das Veröffentlichen des Porträts, weil dem kein wirtschaftlicher Wert beigemessen werden kann. Es sei lediglich publizistisch verwertet worden, um ein zeitgeschichtliches Ereignis darzustellen, sagen die Richter (BGH, 20.3.2012 – VI ZR 123/11).

Rückblick

  1. Zum Kickers-Fan will ich Herrn R. aus der Rhön nicht machen
  2. Gute und schlechte Nachrichten: Eine Frage der Perspektive
  3. Wird der Zustand der Welt zu schlecht eingeschätzt?
  4. Ein Gerücht, das skandalisiert
  5. Bekenner-Videos können zur Gefahr werden
  6. Nagelprobe für die Lokalzeitung: Wenn der Terror ganz nahe kommt
  7. Achtung: Menschen können auch mit verpixelten Gesichtern noch erkennbar bleiben
  8. Bei der Europameisterschaft eine Weltmeisterschaft übersehen
  9. Auch vor einer Namensnennung gilt: Im Zweifel für den Angeklagten
  10. Mustafis Einsatz als Tätowierer bei der Bischofskonferenz
  11. "Es ist schon alles gesagt, aber von uns noch nicht" - das sollte scheitern
  12. Die Reichweite von Lokalpatriotismus im Sportjournalismus
  13. Journalisten dürfen Ereignisse nicht aus den Augen verlieren
  14. Unangemessene Herabwürdigung in einer Überschrift
  15. Ein Kardinal geht in den Ruhestand, aber nicht in Rente
  16. Hate Slam: Wenn eine Zeitung von der anderen einen englischen Titel kopiert
  17. "Auch als Nichtakademiker möchte ich die Beiträge meiner Tageszeitung verstehen"
  18. Zulässige Satire für Sterbliche
  19. Der Nachrichtenfaktor Nähe
  20. Trügerische Überschrift
  21. Das Bekenntnis zu den Fehlern in der Zeitung
  22. Wenn ein Likör von öffentlichem Interesse ist
  23. Schon wieder Uli Hoeneß. Geht's noch?
  24. Ein Buch mit sieben Siegeln aufgeblättert: Die dpa
  25. Vom Bewusstsein für eine korrekte Überschrift im Stich gelassen?
  26. Journalistische Wahrhaftigkeit wiegt schwerer als eine Tendenz
  27. Endgültiges Ende einer Zeitungsente im Gewand einer falschen Prinzessin
  28. Am Wurzelwerk von Lokalredaktionen
  29. Der Wert einer Zeitung ist nicht an einem Erscheinungstag zu ermessen
  30. Vom Redakteur Emil, der es mal ganz dialogisch wissen wollte
  31. Was der Arbeitskollege von einer Bekannten erfahren haben will
  32. Aus einem misslungenen Diebstahl darf keine gelungene Diskriminierung werden
  33. Die Silvesternacht von Köln und das Vertrauen der Medien in das Publikum
  34. Der wachsende Anspruch an Schlagzeilen und die Suche nach dem Bleibenden
  35. Eine Hoffnung: Sensationslüsterner Journalismus hat keine Zukunft
  36. Die Vergebung und der Journalismus
  37. Nachrichtensprache belastet Menschen, die vor Elend, Krieg und Terror geflohen sind
  38. Wahrhaftige Darstellung von Wirklichkeit kann zur sprachlichen Grausamkeit werden
  39. Beantwortet die Polizei die Fragen eines Journalisten nicht, muss sie einen rechtlich haltbaren Grund dafür nennen
  40. So funktioniert wahrhaftiger Journalismus nicht
  41. Vertrauenswürdige Partner: Wider Falschmeldungen und Gerüchte
  42. Mehr Medienkompetenz hilft, seriöse Nachrichten von Falschmeldungen zu unterscheiden
  43. Einem Interview fehlt der Interviewer
  44. Über einen nicht alltäglichen journalistischen Erfolg
  45. Auch journalistische Erfahrungen zeigen: An Schulen fehlen meist professionelle Konfliktmanager
  46. Wenn auf Fotos zu viele Leute im Vordergrund stehen, um die es im Bericht überhaupt nicht geht
  47. Schriftwechsel mit einem Verehrer von Franz Josef Strauß
  48. Leserwunsch: Berichte über die Arbeit mit Flüchtlingen sollen auch die Angst vor dem Islam nehmen
  49. Über den journalistischen Bauchnabel hinaus auf die Wirklichkeit blicken
  50. Die Rechnung eines Lesers geht leider nicht auf
Lädt

Zu „Meine Themen“ hinzufügen

anmelden

Zu „Meine Themen“ hinzufügen

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Schlagworte

  • Bundesgerichtshof
  • Ethik und Moral
  • Hinterbliebene
  • Leseranwalt
  • Persönlichkeitsrecht
  • Pressefreiheit
  • Schadensersatz
  • Schutz und Sicherheit
Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte zu sehen.

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!