publiziert: 21.03.2010 18:41 Uhr
aktualisiert: 30.06.2010 11:03 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text Rom (dpa)
Dokumentation: Papstbrief zum Missbrauch in Auszügen

Nach dem jahrzehntelangen Missbrauch an tausenden Kindern hat Papst Benedikt XVI. einen «Hirtenbrief an die Katholiken in Irland» geschrieben. dpa dokumentiert die wichtigsten Passagen des veröffentlichten Schreibens in einer Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan:

  • Benedikt XVI. Papst Benedikt XVI. hat sein «aufrichtiges» Bedauern ausgedrückt.
Bild von

«Die Schwere der Vergehen und die oftmals unangemessenen Reaktionen der kirchlichen Autoritäten in Eurem Land erwägend habe ich entschieden, diesen Hirtenbrief zu schreiben, um meine Nähe zu euch auszudrücken und einen Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung vorzuschlagen.

Wie viele in Eurem Land betont haben: es ist wahr, dass das Problem des Missbrauchs von Kindern weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches ist. Trotzdem ist Eure Aufgabe nun, das Problem des Missbrauchs aufzuarbeiten, (...) mit Mut und Bestimmtheit. (...) Wirklicher Fortschritt ist gemacht worden, aber es bleibt noch viel zu tun. (...)

Gleichzeitig muss ich aber auch meine Überzeugung mitteilen, dass die Kirche in Irland, um von dieser tiefen Wunde zu genesen, die schwere Sünde gegen schutzlose Kinder vor Gott und vor anderen offen zugeben muss. (...)

In diesem Gesamtkontext müssen wir das verstörende Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu verstehen versuchen, das nicht wenig zur Schwächung des Glaubens und dem Verlust des Respekts vor der Kirche und ihren Lehren beigetragen hat. Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben, kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Abhilfemaßnahmen gefunden werden. Sicherlich können wir zu den entscheidenden Faktoren hinzuzählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminarien und Noviziaten; eine Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritäten zu favorisieren; und eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. (...)

Bereits mehrfach seit meiner Wahl auf den Stuhl Petri habe ich Opfer sexuellen Missbrauchs getroffen und ich bin bereit, das auch in Zukunft zu tun. Ich habe mit ihnen zusammen gesessen, habe ihre Geschichten gehört, ihr Leiden wahrgenommen und ich habe mit ihnen und für sie gebetet. Schon früher in meinem Pontifikat habe ich in meiner Sorge diese Frage anzusprechen, die Bischöfe Irlands aufgefordert, "die Wahrheit dessen, was in der Vergangenheit geschehen ist, festzustellen, jede notwendige Maßnahme zu ergreifen, damit das nie wieder geschehen kann, sicherzustellen, dass die Vorgaben der Justiz voll eingehalten werden und, am wichtigsten, den Opfern und allen von diesen ungeheuerlichen Verbrechen Betroffenen Heilung zu bringen" (Ansprache an die Bischöfe von Irland während des Ad Limina Besuchs, 28. Oktober 2006). (...)

An die Opfer des Missbrauchs und ihre Familien: (...) Es ist verständlich, dass es schwer für Euch ist, der Kirche zu vergeben oder sich mit ihr zu versöhnen. Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen. Gleichzeitig bitte ich Euch, die Hoffnung nicht aufzugeben. (...) Ich glaube zutiefst, dass diese heilende Kraft der aufopfernden Liebe Befreiung und die Verheißung eines Neuanfangs bringt ­ sogar in den dunkelsten und hoffnungslosesten Situationen. (...)

An die Priester und Ordensleute, die Kinder missbraucht haben: Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, verraten und Ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten. (...) Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung, aber verzweifelt nicht an der Gnade Gottes.

An die Eltern: Ihr seid zutiefst entsetzt über die furchtbaren Dinge, die an den Orten stattgefunden haben, die eigentlich die sichersten und sorgenfreiesten Orte hätten sein sollen. (...) Während Ihr Eure lebenswichtige Verantwortung wahrnehmt, möchte ich Euch versichern, dass ich Euch nahe bin und die Unterstützung meiner Gebete anbiete.

An die Kinder und die Jugend Irlands: (...) Wir sind alle skandalisiert von den Sünden und dem Versagen von einigen Mitgliedern der Kirche, besonders durch die derer, die eigens dazu ausgesucht waren, jungen Menschen zu dienen und sie anzuleiten. Aber es ist die Kirche, in der Ihr Christus findet, der derselbe ist, gestern, heute und morgen (Hebräerbrief 13:8). Er liebt Euch und er hat sich am Kreuz für Euch hingegeben. Sucht eine persönliche Beziehung zu ihm in der Gemeinschaft der Kirche, denn er wird nie Euer Vertrauen missbrauchen! (...)

An die Priester und Ordensleute in Irland: Wir alle leiden als Folge der Sünden unserer Mitbrüder, die das heilige Vertrauen missbraucht haben oder versagt haben, gerecht und verantwortungsvoll mit den Missbrauchsvorwürfen umzugehen. (...) Ich weiß, dass viele von Euch von der Art und Weise, wie diese Dinge von Euren Oberen behandelt wurden, enttäuscht, verwirrt und verärgert sind. Trotzdem ist es wesentlich, dass Ihr eng mit den Autoritäten kooperiert und helft, dass die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise wirklich dem Evangelium gemäß, gerecht und effektiv sind. (...)

An meine Mitbrüder im Bischofsamt: Es kann nicht geleugnet werden, dass einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Missbrauch von Kindern versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Behandlung von Vorwürfen gemacht worden. (...) Abgesehen von der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmissbrauch: kooperiert weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Bereich. (...)

Ich möchte Euch nun auch einige konkrete Initiativen zum Umgang mit der Situation vorschlagen: Am Ende meines Treffens mit den irischen Bischöfen habe ich darum gebeten, dass diese Fastenzeit reserviert wird für das Gebet um das Ausgießen der Barmherzigkeit Gottes und der Geistesgaben der Heiligkeit und Stärke über der Kirche in Eurem Land. Ich lade Euch alle ein, die Freitagsbuße für die Dauer eines Jahres bis Ostern 2011 dieser Intention zu widmen. (...) Darüber hinaus, nachdem ich darüber beraten und gebetet habe, habe ich vor, eine Apostolische Visitation einiger Bistümer Irlands abzuhalten, ebenso von Seminarien und Ordensgemeinschaften. (...) Ich schlage ebenfalls eine gemeinsame Mission in ganz Irland für alle Bischöfe, Priester und Ordensleute vor. (...)

Seit der Zeit, als wir begonnen haben, die Schwere und das Ausmaß des Problems zu verstehen, hat die Kirche eine ungemein große Anstrengung in vielen Teilen der Welt geleistet, um sich dem zu stellen und um Abhilfe zu schaffen. Auch wenn keine Anstrengung aufgespart werden sollte, die Verfahren zu verbessern und zu aktualisieren, bin ich doch ermutigt durch die Tatsache, dass die augenblicklichen Verfahren zur Absicherung, die die Kirche eingeführt hat, in einigen Teilen der Welt als vorbildlich für andere Institutionen angesehen werden. (...) »

    
    

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hannikl (28 Kommentare) am 22.03.2010 12:58

Hirtenbrief

Papier ist geduldig ! Auge zu Auge ist ehrlicher !
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hannikl (28 Kommentare) am 22.03.2010 12:52

fam. feuertstein

Der Papst muss wörtlich bekennen , "ich habe gesündigt in Gedanken Worten und Werken ", so wie es uns von den Gottesmännern bei der Beichte gelehrt wurde. Nach den neuesten Medienberichten hat Papst Benedikt selbst als Verwantwortlicher Missbrauchsfälle vertuscht und
verheimlicht. Seine mündlichen Äußerungen sprechen Gegensätzliches.
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fam. feuerstein (2510 Kommentare) am 22.03.2010 12:30

Hirtenbrief ist excellent !

Mehr an Demut, Einfühlsamkeit und Reue kann man nicht formulieren. Oder hätte der Hl. Vater alle Opfer namentlich aufführen und sich dann entschuldigen sollen? - Doch einer vielmals rachsüchtigen Welt, denen das Wort Gnade wie Gift vorkommt, deren Ansinnen darauf abzielt all das Gute, das himmelhoch höher wägt, wie die schlechten Angelegenheiten innerhalb der röm.-kathol. Kirche, unter dem Mantel der Missbrauchsvorwürfe (aus den letzten Jahrzehnten zusammengesucht), zu ersticken, einer solchen Welt mit ihrer eigendynamischen Doppelmoral traurig ist natürlich ein so hervorragend formulierter Hirtenbrief ein Dorn im Auge.

Nicht nur Therapie und Selbstfindung, sondern auch GEGENSEITIGES VERGEBEN WOLLEN und KÖNNEN sind wichtige SCHLÜSSEL um mit sich, Gott und denen Friede schliessen zu können, denen wir was vorzuwerfen haben. Dass dies eine oft ganz schwere Forderung ist, beweist das Wort unseres Heilandes und Erlösers am Kreuze: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun..." - Im Kreuz ist Heil. In gegenseitger Vergebung aus der Erfahrung eines indiviuduellen schweren Kreuztragens heraus ist AUFERSTEHUNG zu einem neuen in Gottes Liebe und Kraft befreiten Leben. DIESE Dimensionen von Heilung durch Selbstreinigung sind AUFGABE jedes Christen zwinkern , sei er nun Täter oder Opfer... - Dazu muss sich weder der HEILIGE VATER von der Kuppel des Petersdoms stürzen noch der Vatikan an sich aufgelöst werden. Dazu genügt es ein hörendes Herz, ein tief reumütiges Schuldbekenntnis und die Vergebung von Gott für sich oder auch für andere zuzulassen. Denn dazu sind wir aufgerufen: "...und vergib uns unsere Schuld, WIE AUCH WIR vergeben unseren Schuldigern"... Das kann weh tun, doch es führt uns durch Kreuz zur Erlösung. - Im übrigen kann man nur nochmals sehr darum ersuchen, den kompletten Hirtenbrief des HEILIGEN VATERS in aller Ruhe und voller Länge und Tiefe zu studieren. - Wer also strenger als der Papst in Rom sein will soll sein eigenes Gewissen aufrichtig erforschen und dann muss er oder sie sagen: "JA, auch ich bin ein Sünder und nicht wert Dein Kind zu heissen, doch weiss ich, Du verstößt mich nicht. Darum lasse ich mich von Deiner Güte umschliessen und gebe sie weiter an alle, denen ich selbst vergeben soll... Mein Herr und mein Gott, gütiger Vater aller."
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hannikl (28 Kommentare) am 22.03.2010 11:09

Hirtenbrief

Dieser Hirtenbrief ist ein Armutszeugnis und Heuchelei!
Die einzige Konsequenz muss der Rücktritt von Papst Benedikt und die
Auflösung des Vatikanstaates sein. Im Bericht von Spiegel TV am Sonntag war der Papst z.B. im Missbrauchsfall eines Priesters von Tölz als damals Verantwortlicher auch schuldig und hat alles vertuscht. Wäre er Politiker hätte er schon längst abtreten müssen.
Als Papst ist er nicht mehr unfehlbar. Uns genügen die ehrlichen Priester und Bischöfe an der Basis der Gläubigen. Für den Erlös des Vatikans können wir dann viel, viel gutes Tun für die Armen und Bedüftigen. Das wäre wirklich im Sinne Von Jesus !
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fam. feuerstein (2510 Kommentare) am 22.03.2010 10:22

Sites der dt. Bischofskonferenz aufrufen!

Dort kann jeder in aller Ruhe das gesamte hochlobenswerte Hirtenwort in seiner vollen Länger studieren... grinsen
Auch die Leitlinien bei sex. Missbrauch von 2002 sind dort Wort für Wort zu lesen... grinsen
Wer nach einem objektiven Lesen beider Dokumente immer noch was an diesen auszusetzen hat traurig , der sollte mal besser vor der eingenen Haustüre kehren - denn: es gibt ja nicht nur sex. Sünden in dieser hochmütigen und alles außer sich selbst infragestellenden Welt aus Doppelmoral und Überheblichkeit traurig
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