publiziert: 02.02.2012 18:52 Uhr
aktualisiert: 02.02.2012 20:03 Uhr
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„Das ist nicht Fußball, das ist Krieg“

Opposition in Ägypten sieht die Militärs als Drahtzieher hinter dem Blutbad von Port Said
  • Szenen wie im Krieg:Ausschreitungen mit 74 Toten und Hunderten Verletzten nach einem Fußballspiel in Port Said in Ägypten.
    Foto: dpa
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Die Rivalität zwischen den Kairoer Spitzenfußballern von Al Ahli und dem Außenseiterclub Al Masri aus Port Said ist in Ägypten altbekannt. Aber so etwas hatte Ahmed Nagy, Torwarttrainer bei Al Ahli, noch nie gesehen: „Der Umkleideraum ist ein Leichenhaus“, berichtete er Mittwochabend einem Fernsehsender, während vor den Türen des Raums im Stadion von Port Said die Hölle tobte.

Rund 17 000 Fußballfans lieferten sich nach einem Match zwischen Al Ahli und dem Lokalmatador Al Masri eine Schlacht, gingen mit Knüppeln und Messern aufeinander los, warfen Steine und prügelten mit bloßen Händen. Dabei kamen 74 Personen ums Leben, Hunderte, laut manchen Schätzungen bis zu 1000, wurden verletzt. „Das ist nicht Fußball, das ist Krieg und Menschen sterben vor unseren Augen“, sagte der Ahli-Spieler Muhammad Abu Treika. Angaben ägyptischer Medien zufolge rannten Anhänger von Al Masri nach dem Sieg ihrer Mannschaft zu Hunderten aufs Spielfeld und griffen zuerst die Spieler und danach die Fans von Al Ahli an.

Einen Tag später war das Land am Nil in Aufruhr. Neben der menschlichen Dimension hat das Blutbad in Port Said aus Sicht vieler Ägypter eine politische Komponente, die die Herrschaft des Obersten Militärrats (SCAF) gefährden könnte. Vergangenen Januar waren die Generäle Volkshelden. Damals schützten sie Demonstranten vor der Willkür des Regimes von Präsident Hosni Mubaraks, und halfen somit, ihn zu stürzen.

Doch seither wachsen die Spannungen zwischen dem Militär, das nach dem Sturz Mubaraks die Macht übernahm, und Oppositionsgruppen, die fordern, dass Ägypten von gewählten Volksvertretern regiert wird. Die Diskussion rankt sich dabei um den Ausnahmezustand, der Sicherheitskräften seit Jahrzehnten fast uneingeschränkte Vollmachten verlieh. Zwar hob der SCAF ihn vor wenigen Tagen auf, ließ aber eine Ausnahme in Kraft: Er könne weiterhin gegen Randalierer angewandt werden, erklärte Feldmarschall Muhammad Hussein Tantawi, der oberste Militär. Was genau das bedeute, erläuterte er trotz eines Aufschreis der Opposition nicht.

Die wertete das Blutbad in Port Said vielfach als Versuch der Militärs, ihre Macht mit einem Komplott erhalten zu wollen. „Was geschehen ist, kann kein Zufall sein“, sagte Siad al Elaimi, Abgeordneter der Sozialdemokraten. Zeitungen zitierten Augenzeugen, die behaupteten, Sicherheitskräfte vor Ort hätten nichts getan, um die Gewalt zu verhindern. Bewaffnete Banden seien ins Stadion eingelassen worden, um die Gewalt anzustacheln. Die Polizei habe Anzeichen der sich anbahnenden Gewalt ignoriert, „obschon sie Hinweise darauf besaß, dass bewaffnete Kriminelle sich auf dem Weg zum Stadion befanden“, schrieb der Journalist Wael Kandil. Für den Einsatz von Kriminellen für politische Zwecke gibt es hier einen Präzedenzfall: Genau vor einem Jahr ließ Mubarak in „der Schlacht der Kamele“ seine Anhänger gegen die Demonstranten aufreiten, um sie mit roher Gewalt aus Kairos Innenstadt zu vertreiben. Später entließen seine Schergen Tausende Häftlinge in der Hoffnung, das Sicherheitschaos würde die Menschen dazu bewegen, sich ihren starken Präsidenten zurückzuwünschen.

Dasselbe Motiv stünde auch hinter den Ereignissen in Port Said, meinten die Fußballfans mehrerer Kairoer Clubs, die sich mit Al Ahli solidarisierten und gemeinsam zum Gebäude des Staatsfernsehens marschierten. Die „Ultras“, wie Ägypter hartgesottene Fans nennen, haben Erfahrung in Straßenschlachten gegen die Polizei, und bildeten vor einem Jahr die Speerspitze bei den Protesten gegen Mubarak. Nun wenden sie sich gegen den SCAF, und fordern lauthals den Abgang der Militärs: „Wir wollen deinen Kopf, Tantawi, du Verräter!“, hieß es auf der Webseite der Fußballfans. „Militärpolizei, ihr seid Hunde wie das Innenministerium! Nieder mit dem Regime der Armee!“, skandierte die Masse Tausender Demonstranten, die ständig wuchs.

Die Muslimbrüder, die im neuen Parlament die größte Partei stellen, wollen eine Eskalation verhindern. Sie wollen die Militärs sanft entmachten und sind an keiner Konfrontation interessiert. Einer ihrer Vertreter, der Abgeordnete Issam al Arian, verurteilte die Gewalt, aber nicht das Militär, und bezeichnete die Ereignisse als „Botschaft des alten Regimes“.

Von unserem Korrespondenten Gil Yaron
    
    

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