aktualisiert: 13.07.2011 20:14 Uhr
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BERLIN/BONN
70 Prozent der Heime von sexuellem Missbrauch betroffen
Repräsentative Studie des Deutschen Jugendinstituts – Christine Bergmann: Erschreckende Zahlen
(epd/dpa) Verdachtsfälle für sexuellen Missbrauch hat es in den vergangenen drei Jahren einer Studie zufolge in 70 Prozent der Heime gegeben. Schulen sind im Vergleich nur knapp zur Hälfte betroffen, wie aus einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts hervorgeht.
Erfasst wurden dabei in den vergangenen drei Jahren Fälle, die sich auch außerhalb der Schule abspielten – meist im Elternhaus, Missbrauch unter Mitschülern, aber auch sexuelle Übergriffe von Lehrern, Betreuern und Erziehern.
Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), hatte die Studie beim Deutschen Jugendinstitut in Auftrag gegeben. Die Studie wurde vom Bundesforschungsministerium finanziert und bei einer Tagung des runden Tisches der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in Schulen und Heimen vorgelegt.
Die Zahlen seien erschreckend und Missbrauch kein Thema der Vergangenheit, sondern der Gegenwart, sagte Bergmann, die seit April vergangenen Jahres die bundesweite Anlaufstelle für Missbrauchsopfer leitet.
Für die Untersuchung befragte das Institut mit Einverständnis der Kultusminister rund 1100 Schulleitungen, 325 Heime und 100 Internate. Bayern verweigerte unter Hinweis auf datenschutzrechtliche Bedenken die Befragung.
Die deutlich höheren Raten bei den Heimen erklärte Institutsdirektor Thomas Rauschenbach durch die hohe Intimität. Heime seien eine Art Ersatzfamilie für Kinder. Wurden die Heimleitungen befragt, ob ihnen über die zurückliegenden drei Jahre hinaus ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch bekannt sei, gaben 82 Prozent dies an. Bei den Internaten waren es 69 Prozent, bei den Schulen die Hälfte.
Bergmann, hat mehr Lehrerfortbildungen zum Thema Kindesmissbrauch gefordert. Im Umgang mit Verdachtsfällen gebe es sehr viel Hilflosigkeit, sagte die Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“. „Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen fortgebildet sein, müssen in der Lage sein, damit umzugehen, müssen zumindest wissen, wo sie sich professionelle Hilfe holen können.“
Die Vize-Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ekin Deligöz, forderte unabhängige Anlaufstellen, an die sich Kinder bei Gefährdungen wenden können. Zudem müsse das Thema sexuelle Gewalt zu einem verpflichtenden Teil der Ausbildung für alle werden, die mit Schutzbefohlenen arbeiten. Deligöz mahnte entsprechende Nachbesserungen beim Entwurf zum Kinderschutzgesetz an, das voraussichtlich im Herbst die letzte parlamentarische Hürde nimmt.
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