aktualisiert: 22.02.2011 19:51 Uhr
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BERLIN
Demenzfälle in Deutschland nehmen zu
Osten stärker betroffen
Am Anfang kann das Vergessen kürzlich erlebter Ereignisse stehen. Später kommt vielleicht eine Sprachstörung hinzu, die mit körperlicher Aggressivität einhergeht. Ärzte sprechen dann von Demenz, einer Erkrankung, die in der Öffentlichkeit stark tabuisiert wird. „Dabei ist Demenz eine ganz normale Begleiterscheinung der alternden Gesellschaft“, sagt Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.
Die wissenschaftliche Einrichtung hat jetzt einen „Demenz-Atlas“ veröffentlicht. Und danach ist der auch als Altersverwirrung bezeichnete Ausfall wichtiger Gehirnfunktionen regional sehr unterschiedlich verbreitet. Besonders rasch wächst der Anteil Demenzkranker in Abwanderungsgebieten. Boom-Regionen sind deutlich weniger betroffen.
Regionale Unterschiede
Schätzungen zufolge leben heute etwa 1,3 Millionen Demenzkranke in Deutschland. Auf 100 000 Einwohner kommen damit etwa 1600 Betroffene. Klingholz geht davon aus, dass sich diese Zahl in den nächsten 30 Jahren verdoppeln wird. Denn nach dem 65. Lebensjahr steigt die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, deutlich an. Unter den 80- bis 84-Jährigen ist etwa jeder Siebte gefährdet, unter den 90- bis 94-Jährigen schon jeder Dritte. Da immer weniger junge Menschen nachwachsen, ergibt sich ein weiteres Problem: Auch die Zahl derer, die sich um das wachsende Heer von Demenzkranken kümmern könnten, geht zurück.
Besonders der Osten Deutschlands ist vor diesem Hintergrund gleich doppelt gebeutelt: Bereits in 15 Jahren dürfte sich die Zahl der Demenzkranken je 100 000 Einwohner verglichen mit heute um 100 Prozent erhöht haben. Und das in einem Gebiet, in dem wegen starker Abwanderung schon jetzt relativ wenige Personen als potenzielle Betreuer in Frage kommen. Geradezu dramatisch ist die Lage in und um Hoyerswerda in Sachsen. Dort leben die meisten Demenzkranken bezogen auf 100 000 Einwohner. Rund ein Drittel der dortigen Bevölkerung ist über 65. Ein ungünstiges Verhältnis zwischen sehr alten Menschen und potenziellen Pflegern weisen aber auch einige Regionen im Westen auf. Dazu zählen Wilhelmshaven, das Ruhrgebiet sowie das Saarland. Weniger Sorgen müssen sich laut Studie dagegen die niedersächsischen Kreise Cloppenburg und Vechta machen. Dort werden seit Jahren anhaltend hohe Geburtenzahlen registriert. Auch der Speckgürtel um München sowie die baden-württembergischen Universitätsstädte Heidelberg, Tübingen und Freiberg werden dank ihrer Attraktivität für junge Leute weitgehend vom Trend verschont bleiben.
Ursachen unbekannt
Der lässt sich nach Einschätzung von Klingholz auch nicht durch den medizinischen Fortschritt beeinflussen. In naher Zukunft seien keine therapeutischen Durchbrüche zur Heilung von Alzheimer und anderen Formen der Demenz zu erwarten. „Die Ursachen sind noch nicht bekannt“. Und selbst wenn es in Kürze dazu käme, würden immer noch „Jahrzehnte“ bis zur Einführung entsprechender Medikamente vergehen, so Klingholz. Muss sich die alternde Gesellschaft also in ihr Schicksal fügen? Zumindest könne man sich auf die Herausforderungen vorbereiten, sagen die Wissenschaftler. Dazu gehöre in erster Linie Aufklärung.
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