publiziert: 05.05.2010 15:23 Uhr
aktualisiert: 05.05.2010 15:28 Uhr
» zur Übersicht Zeitgeschehen
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text JERUSALEM
Der Jordan ist nur noch ein Abwasserkanal

Auch dem stinkenden Rinnsal droht das Aus
  • Foto: dpa
    Nase zuhalten: das empfiehlt der Direktor der Umweltorganisation FoEME, Gidon Bromberg, an der heutigen Quelle des Unterlaufs des Jordans, weil aus Rohren unbehandeltes Ab- und Schmutzwasser aus israelischen Haushalten eingeleitet wird.
Bild von
2 Bilder

Bald wird es unmöglich sein, jemand über den Jordan zu bringen. Aus dem einst wichtigsten Fluss des Heiligen Landes ist ein schmaler Abwasserkanal geworden. Doch selbst diesem trüben, schmalen Rinnsal droht das Aus, wenn nicht massiv eingegriffen wird.

Sollte Jesus wieder erscheinen und sich an derselben Stelle von Johannes taufen lassen wie vor zweitausend Jahren, müsste er mit Gesundheitsschäden rechnen: „Das Wasser ist gefährlich. Die hohe Konzentration von Fäkalbakterien kann Bauchschmerzen, Durchfall und Hautschäden verursachen“, warnt Gidon Bromberg, Direktor des israelischen Arms der Umweltschutzorganisation „Friends of the Earth – Middle East“ (FoEME). Seine Organisation, die einzige Bewegung im Nahen Osten mit Mitgliedern aus Israel, Jordanien und Palästina, hat erstmals einen Bericht zur Lage des Jordans erstellt. Das Fazit ist besorgniserregend: Den einst wichtigsten Fluss der Region könnte es bald nicht mehr geben.

Historische und religiöse Rolle

Nur wenig war bisher über den Fluss bekannt, der für die Geschichte der Menschheit ein Angelpunkt war. „Im Jordantal gehörte Weizen zur natürlichen Flora. Hier lernte der Mensch Getreide anzubauen, hier vollzog sich der Wandel vom Sammler und Jäger zum Bauern, was die ersten Ansiedlungen ermöglichte“, sagt Bromberg. Die Stadt Jericho in der Jordansenke könnte also zu Recht von sich behaupten, die älteste Stadt der Welt zu sein. Die Armeen der Ägypter, Babylonier, Römer, Araber, Mongolen oder Briten tranken das Wasser des Jordan auf ihren Eroberungsmärschen nach Europa, Afrika und Asien. Für Juden, Christen und Muslime spielt der Fluss nicht nur eine historische, sondern auch eine religiöse Rolle.

Die erste wissenschaftliche Studie fertigte der amerikanische Marineoffizier William Lynch auf einer Expedition im Jahr 1847 an. „Lynchs Studie bildet bis heute die Grundlage für unsere Vergleiche, denn es gibt nur wenige Berichte über den Zustand des Jordans“, sagt Bromberg.

Einst ein beeindruckender Fluss

Bis vor knapp 80 Jahren war der Jordan ein beeindruckender Fluss. 1,3 Milliarden Kubikmeter Wasser strömten jährlich mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde durch den Jordan ins Tote Meer. An seiner schmalsten Stelle war der 200 Kilometer lange Fluss 25 Meter breit, an seiner breitesten über 60. Davon ist nichts geblieben. Die einst schmalste Stelle des Jordans, an der schon die Römer eine noch erhaltene Steinbrücke errichteten, ist jetzt die breiteste. Der Strom ist heute ein dünnes Rinnsal, das man mit einem kleinen Sprung überwinden kann. Das stinkende Gewässer steht mit einer Strömung von 0,05 m pro Sekunde praktisch still.

In der wasserknappen Region haben Syrien, Israel und Jordanien seit den sechziger Jahren alle Zuflüsse des Jordans umgeleitet oder eingedämmt. „Nur noch zwei Prozent der ursprünglichen Wassermenge erreicht den Fluss“, erläutert Bromberg. Stattdessen nutzten die Anrainer ihn als Abwasserkanal: 250 000 Jordanier, 60 000 Palästinenser und 30 000 Israelis leiten ihre Abwässer ungeklärt in den Fluss, dessen „heiliges Wasser“ in der Altstadt Jerusalems in kleinen Fläschchen verkauft wird. Andernorts leiten die Wasserbehörden den Ausfluss salziger Quellen ins Flussbett. An den meisten Stellen, auch da, wo Pilger prustend untertauchen um sich an derselben Stelle wie Jesus taufen zu lassen, ist Baden offiziell verboten.

„Politischer Nutzen“

Doch selbst diesem Rinnsal droht das Aus. Israel will im kommenden Jahr große Klärwerke fertigstellen: „Wenn die ihr geklärtes Wasser nicht in den Jordan leiten, wird er fast gar kein Wasser mehr führen“, warnt Bromberg. Dazu wollen es die Umweltschützer nicht kommen lassen. Laut dem Bericht von FoEME kann der Jordan gerettet werden: „Israel und Jordanien haben die Option, eine Milliarde Kubikmeter Wasser jährlich einzusparen. Das würde sie weniger Geld kosten, als Wasserentsalzungsanlagen zu errichten. Bromberg ist zuversichtlich: „Wir schätzen, dass man mit nur 400 Million Kubikmeter Wasser im Jahr den Jordan retten und dabei noch verdienen kann.“

Ebenso, wie heute die „Friedensinsel“ an der israelisch-jordanischen Grenze zu einer Touristenattraktion geworden ist, träumt Bromberg davon, den trüben Jordan in einen fröhlichen friedlichen Touristen- und Pilgerpark zu verwandeln.

Und er sieht auch politischen Nutzen für die Krisenregion Nahost: „Das hier ist ein regionales Problem, dass die Anrainer nur gemeinsam lösen können. Die Notwendigkeit, die Wasserversorgung sicherzustellen, ist ein gutes Mittel, um politische Barrieren zu überwinden“, sagt Bromberg. Er muss es wissen: Seit Jahren bringt seine Organisation palästinensische, israelische und jordanische Kinder in Umweltfragen zusammen.

Von unserem Korrespondenten Gil Yaron
    
    

Diesen Artikel

Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

Die neuesten Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben...
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen.
Benutzername Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
    

Rubriken

    
Anzeige

Zeichen setzen 

Förderpreis für
engagierte Bürger
Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr

Leserbriefe 

Schreiben Sie uns
Wenn Sie uns einen Leserbrief schreiben wollen, dann können Sie das direkt hier tun. »mehr