publiziert: 02.02.2011 19:55 Uhr
aktualisiert: 02.02.2011 20:02 Uhr
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Die Griechen gehorchen nicht mehr

Mautpreller und Schwarzfahrer: Eine Welle des Widerstands schwappt über Griechenland
  • Protest in Athen: Busfahrer streiken.
    Foto: dpa
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Die gelb-roten Aufkleber sind überall: an den Wänden der Athener U-Bahnhöfe, an den Fenstern der Busse und Bahnen. „Ich bezahle nicht!“ steht darauf. Und immer mehr Griechen scheinen dem Appell zu folgen. Nach jüngsten Schätzungen sind inzwischen vier von zehn Fahrgästen der Athener Linienbusse ohne gültiges Ticket unterwegs.

    
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Eine Welle des Ungehorsams brandet in Griechenland auf. Ob an den Mautstationen auf den Autobahnen oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln: Viele Griechen zahlen einfach nicht mehr. Autofahrer schieben per Hand die Schranke hoch und geben Gas, Pendler entwerten ihre Tickets nicht mehr. Und selbst wer bezahlen will, kann es oft nicht: Immer häufiger binden Aktivisten in den Athener U-Bahnhöfen Plastiktüten über die Entwerter oder blockieren die Schlitze, in die man seinen Fahrschein stecken soll, mit Klebeband.

Der Staat muss sparen, die Bürger sollen zahlen. Um die horrenden Haushaltsdefizite abzubauen, hat Finanzminister Giorgos Papakonstantinou in den vergangenen 14 Monaten bereits dreimal die Mehrwertsteuer erhöht, ebenso oft die Abgaben auf Alkohol, Zigaretten und Treibstoffe. Das Benzin ist 50 Prozent teurer als vor einem Jahr. Zugleich wurden die Gehälter der Staatsbediensteten um rund 20 Prozent gekürzt. Im vergangenen Jahr protestierten die Gewerkschaften mit acht Generalstreiks gegen die Sparpolitik der sozialistischen Regierung. Gebracht hat es nichts. Premier Giorgos Papandreou hält an seinem Kurs fest. Anfang des Jahres wurden die Mautgebühren an den Autobahnen erhöht, und diese Woche stieg der Preis für das Einheitsticket im öffentlichen Nahverkehr von einem Euro auf 1,40. Wehren können sich die Griechen nicht gegen die Lohnkürzungen und Preiserhöhungen. Oder doch?

Immer mehr Bürger lehnen sich auf. Das Gefühl der Ohnmacht schlägt um in Wut. Selbst brave Rentner werden zu Rebellen. „Das sind Wegelagerer“, erregte sich ein greiser Autofahrer vor einer Fernsehkamera an einer Mautstation bei Athen. Mancherorts fahren bereits 15 Prozent der Automobilisten einfach durch, ohne zu bezahlen. Die Verkehrspolizei sieht untätig zu.

Auch Prominente protestieren, wie Mikis Theodorakis, einst eine Ikone des Widerstandes gegen die Obristendiktatur. Der 85-jährige Komponist hat eine „Bewegung unabhängiger Bürger“ gebildet. Er ruft zum „individuellen und kollektiven Ungehorsam“ auf. In der Provinz Achaia setzte sich sogar der Präfekt Dimitris Katsikopoulos an die Spitze einer Bürgerbewegung gegen die Maut. Bürgerinitiativen wie die „Fahrgäste von Thessaloniki“ rufen zum Schwarzfahren in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Und der Fanklub des Fußball-Erstligisten PAOK appellierte an seine Mitglieder, die Straßengebühren zu verweigern.

Unterdessen bereiten sich Bauern in Nordgriechenland darauf vor, die Grenzübergänge nach Bulgarien zu blockieren, um höhere Subventionen zu erpressen. Recht und Gesetz gelten nicht mehr viel. Anfang der Woche untersagte ein Athener Gericht geplante Streiks des Personals im Nahverkehr als „rechtswidrig und missbräuchlich“. Die Bediensteten ignorierten das Urteil.

Was auf den ersten Blick spontan wirkt, ist in Wirklichkeit straff organisiert. Hinter den meisten Protestaktionen stehen die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) und der von ihr gesteuerte Gewerkschaftsbund PAME. Griechenlands orthodoxe Kommunisten sehen die Schuldenkrise als Entscheidungsschlacht im Klassenkampf.

Von unserem Korrespondenten Gerd Höhler
    
    

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