publiziert: 04.06.2011 16:38 Uhr
aktualisiert: 04.06.2011 16:43 Uhr
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Katja war Armin

Eine glückliche Frau: Katja Zeitler entschied sich zur geschlechtsangleichenden Operation. Sie erzählt über innere Kämpfe, schwarze Zeiten, Glücksgefühle und erstaunliche Erfahrungen.

  • „Ich wollte als Frau leben oder gar nicht“ – Katja Zeitler, die früher ein Mann war.Foto: Thomas Obermeier
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Auf viele wirkten Armin und Lisa Zeitler wie ein Vorzeigepaar, sportlich, umgänglich, unkompliziert – bis aus Armin Katja wurde.

26 Jahre waren sie verheiratet. Die Schwedin Lisa hatte den Stuttgarter 1980 bei einem Sprachkurs in England kennengelernt. In der Nacht, nachdem er sein Abiturzeugnis in der Hand hatte, zog Armin von zu Hause aus. Er fuhr nach Schweden. „Es war eine Flucht.“ Armin floh vor den Eltern, die nicht verstanden, dass der Sohn sich seit der Kindheit irgendwie anders fühlte. Die ihn als Nachfolger für das Architekturbüro des Vaters wollten. So empfand es Armin. Katja ist nun Küchenchefin in der Würzburger Uniklinik.

Armin floh auch vor der eigenen Verwirrung. Als kleiner Junge spürte er, was mit ihm los war, ohne es benennen zu können. Mit Beginn der Pubertät wurde es ihm klarer. Als sich Armin seiner Männlichkeit bewusst wurde, überkam ihn Ekel. „Das war nicht meins. Das ist mir jeden Tag aufgefallen.“

Trotzdem kamen irgendwann Mädchen ins Spiel. „Aber ich konnte den Freundinnen keine Körperlichkeit bieten.“ Höchstens einen Kuss. Doch den empfand Armin nicht als berauschend. Als er versuchte, mit dem besten Freund Händchen zu halten, stieß er auf Abscheu. Die Freundschaft erkaltete.

So floh Armin nach dem Abi zu dem Menschen, zu dem er sich seelisch hingezogen fühlte, der ihn geistig faszinierte: Lisa. „Geschlechtlichkeit ist bei der Liebe nur ein kleiner Teil“, sagt Katja. Vielleicht habe ihn auch Lisas damals androgynes Wesen angezogen. Mit 15 habe sie sich an Zeitler gebunden, sagt Lisa. „Ich habe keine anderen Erfahrungen gemacht.“ So habe sie nur einen Teil von sich kennengelernt.

Mit der Ehe begann der Prozess, der nach einem Vierteljahrhundert zur Entscheidung führte. Lisa ging den Weg mit, solange sie die Kraft dazu hatte. Nach der ersten Operation, die Katja den Körper zu ihrem Bewusstsein gab, zog Lisa aus der gemeinsamen Wohnung aus. Viel Glück hatte das Paar erlebt, aber auch viel Verzweiflung. Nur wenig erzählt Lisa über gemeinsames und einsames Ringen um den jeweils richtigen Platz im Leben, über Verletzungen durch Angehörige, über die Hilflosigkeit mancher, von denen die beiden professionelle Hilfe erwarteten, über nagende Selbstzweifel. „Das ist Katjas Geschichte“, sagt sie. Auch deshalb möchte sie ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Es ist skurril“, sagt Katja Zeitler. Fremd war es, als sie zum ersten Mal mit Langhaarfrisur und in Frauenkleidern zu einer Feier ging und sich furchtbar lächerlich fühlte. Eigenartig ist es, dass manche das Bild des Mannes Armin im Kopf haben, wenn sie mit der Frau Katja sprechen. Seltsam, dass das Geschlecht so viel bestimmt.

„Geschlechtlichkeit ist alles in unserer Gesellschaft“, sagt Zeitler. Nur als Frau oder Mann habe der Mensch einen Wert. Das gefällt ihr nicht. Auch deshalb ist ihr der Begriff transidentisch für sich lieber als transsexuell. „Hätte ich auf einer einsamen Insel gewohnt, wäre für mich alles in Ordnung gewesen.“ So aber muss sie zwischen anderen Menschen, mit gängigen Normen und Vorstellungen zurechtkommen. Ein Frauenkörper mit all seinen Attributen gehört dazu.

Wie würde sich das anfühlen, als Frau zu erscheinen? Zeitler ließ die Haare wachsen. Die Einladung zu einer Feier vor vier Jahren war der Praxistest in Frauenkleidern. Der Abend endete mit Angst und Zweifeln. „Ich wäre so froh gewesen, wenn jemand gesagt hätte: Wie siehst du denn aus? Was ist los mit dir?“ Doch es blieb bei freundlichem Geplauder. Niemand wagte sich an das Thema heran. Und Zeitler blieb mit sich allein. „Ich fühlte mich nach diesem ersten Auftritt gedemütigt und deprimiert.“ Der innere Kampf führte trotzdem zur Entscheidung: „Ich wollte als Frau leben oder gar nicht.“

Drei Operationen waren nötig. Anfang August 2008 war der erste Termin im Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main. Als Katja Zeitler die Klinik verließ, war sie auch äußerlich eine Frau. 46 Jahre nach ihrer Geburt als scheinbar kleiner Junge.

Eine ganz schwarze Zeit begann. Lisa war gegangen. Katja war frisch operiert und allein. „Ich saß vier Wochen daheim, niemand rief mich an, niemand besuchte mich.“ Nicht nur Zeitler hatte einen großen Schritt getan. Auch die Menschen der Umgebung mussten Schritte ins Unbekannte wagen. „Für sie war es schwerer als für mich. Sie erwarteten einen ganz anderen Menschen.“ Und an den wagten sich alte Bekannte zunächst nicht heran. Weitere Operationen folgten, zur Korrektur und wegen Komplikationen. „Nun könnte mich optisch niemand mehr von einer biologischen Frau unterscheiden“, sagt Katja Zeitler. Bei der ersten Operation entfernte Professor Michael Sohn in fünfeinhalb Stunden Hoden und Penis und bildete aus dessen Haut und Nerven Klitoris und Vagina. „Alles ist voll funktionstüchtig“, sagt Katja Zeitler.

Ihre Weiblichkeit fühle sie mit Lebenslust. Sie freue sich über ihre Brüste. „Inneres und Äußeres passen jetzt zusammen.“ Mit ihrem Körper setzt sie sich intensiv auseinander. Das muss sie, denn er braucht viel Pflege. „Es hat ein Jahr gedauert, bis sich alles beruhigt hat und schmerzfrei war.“ Jeden Tag müsse sie Hormone nehmen. Nun sei ihr der Körper eine Freude.

„Frauen empfinden subtiler, differenzierter, was die Körperlichkeit angeht“, sagt Zeitler. „Das sind Erfahrungen, über die ich glücklich bin.“ Männer seien stärker auf den Trieb ausgerichtet, mechanischer. Als Frau empfinde sie Sinneserfahrungen stärker. Sie liebt Parfüms. Sie liebt Kleider. „Aber besonders irre Erfahrungen habe ich im Arbeitsleben gemacht.“ Als die Kollegen sie als Frau sahen, hatten sie ganz andere Erwartungen an ihre Arbeit als früher. „Als Frau wird einem die Kompetenz generell erst einmal aberkannt. Meine klare Erkenntnis ist: Als Frau muss man für berufliche Anerkennung mehr tun“, sagt Katja Zeitler. Nun habe sie sich im Beruf mit Frauen umgeben.

Im eigenen Verhalten spüre sie ebenfalls Unterschiede. Armin Zeitler sei das Argument Fachkompetenz wichtig gewesen, sein Führungsstil eher autoritär. Für Katja Zeitler seien soziale Fähigkeiten elementar. „Ich kann jetzt emotionaler führen. Früher hätte das lächerlich und aufgesetzt gewirkt.“

Die Weiblichkeit im Inneren konnte Armin noch nicht leben. „Ich konnte selbst keine Möglichkeiten finden.“ So habe er auch eher konservativ und mit Unverständnis auf Transvestiten oder Menschen, die seinem Wesen entsprachen, reagiert, ja sie diskriminiert. „Ich war der größte Kritiker dessen, was mich selbst ausmachte.“ Armin floh in den Sport, ins Laufen und Radfahren, gab sich betont männlich.

Nun findet Katja Männer erotisch. Einen Partner habe sie noch nicht. „Doch ich finde, ich habe das Recht, auch diese Erfahrung zu machen.“ Ein Rendezvous mit einem Mann hatte sie kurz zuvor allerdings abgesagt. Noch sei sie wohl nicht so weit. Gegenwärtig lebt sie mit einer Frau zusammen, die sie in schwerer Zeit unterstützt habe. Diese Verbundenheit sei im Moment stärker als die Sehnsucht nach Geschlechtlichkeit.

„Aber man kommt nie an.“ Immer wieder ergeben sich neue Fragestellungen und Anforderungen. Auch die Vergangenheit als biologischer Mann ist nicht gelöscht. „Den Fehler versuchte ich am Anfang zu machen, doch mir würde viel fehlen, würde ich das Alte nicht akzeptieren.“ Armin Zeitler ist nicht tot. Katja Zeitler freut sich ihres Lebens. „Ich stehe jeden Morgen mit einem Glücksgefühl auf.“ Und die Beziehung zu den Eltern sei nun frei und unverkrampft.

Transsexualität

Einige Menschen fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, mit dessen Merkmalen sie geboren wurden. Über die Zahl gibt es keine genauen Erkenntnisse. Ann Marini, Pressesprecherin beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen sagt: „Nach unseren Daten gab es 2009 rund 470 vollstationäre Fälle mit geschlechtsumwandelnden Operationen.“

Über die Ursachen des Phänomens rätseln Wissenschaftler. Angenommen wird ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Einflüsse.

Der Begriff für diesen Zustand ist Transsexualität. Oft wird auch Transidentität verwendet, um den Blick darauf zu lenken, dass es vor allem um Probleme der Persönlichkeit geht.

Das Transsexuellengesetz gibt es seit 1981 in Deutschland. Es regelt die Änderung von Vornamen und Personenstand in den Standesamtsregistern. Für Unterfranken entscheidet das Bamberger Amtsgericht über entsprechende Anträge, sagt Christian Weiß, Pressesprecher der Stadt Würzburg. In den vergangenen Jahren gab es in Würzburg jeweils drei bis vier Fälle von Namens- oder Personenstandsänderungen. Professor Michael Sohn vom Frankfurter Markus-Krankenhaus, der geschlechtsangleichende Operationen ausführt, geht von etwa einem Betroffenen pro 42 000 Einwohner im Jahr aus. Im Markus-Krankenhaus werden jährlich 30 bis 40 Mann-zu-Frau und 15 bis 20 Frau-zu-Mann Genitalangleichungen durchgeführt.

Von unserem Redaktionsmitglied Angelika Becker
    
    

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Die neuesten Kommentare

Sandra-Isabell (1 Kommentare) am 04.06.2011 19:21

Geschlechtlichkeit ist alles in unserer Gesellschaft

Im Artikel steht das Zitat, Geschlechtlichkeit sei alles in unserer Gesellschaft. Präzise das ist der Grund, warum Transidente die diskriminierteste demographische Gruppe von allen sind. Denn wir stellen quasi das Fundament dessen in Frage, was Menschsein überhaupt ausmacht -- das Geschlecht. Daher reagieren so viele derart unerklärbar aggressiv. In Deutschland übrigens nicht so sehr, aber wer die Situation z. B. in Südamerika, Afrika, Asien, Arabien beobachtet, da fällt das ganz krass auf. Der einzige Ansatzpunkt, der mich auf eine Verbesserung hoffen lässt, ist Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit.
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