publiziert: 20.03.2012 12:02 Uhr
aktualisiert: 20.03.2012 13:32 Uhr
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Kony 2012: Verändert ein Video die Welt?

„Kony 2012“: Seit der Film über den ugandischen Bandenchef im Internet kursiert, ruft er heftige Reaktionen hervor. Er wurde über 80 Millionen Mal angeklickt. Medienexperte Patrick Breitenbach über die Macht des Netzes.

  • Patrick Breitenbach
    Breitenbach
    Medien- und Marketingexperte Patrick Breitenbach
  • Jason Russell
    BRENDAN MCDERMID (X90143)
    Regisseur Jason Russell: Der 33-Jährige leidet an Erschöpfung, so das offizielle Statement.
  • Joseph Kony
    epa Stuart Price (POOL)
    Joseph Kony (l), Befehlshaber der ugandischen «Widerstandsarmee des Herrn» (LRA), während eines Interviews in Ri-Kwamba (Archivfoto von 2006).
  • Kony 2012
    JAMES AKENA (X02107)
    Kony auf der Leinwand: In Uganda treffen sich die Menschen zur Filmvorführung.
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Joseph Kony ist der wohl meistgesuchte Kriminelle der Welt – zumindest hat man momentan diesen Eindruck. Die Kinderhilfsorganisation Invisible Children sorgt mit einem professionell gedrehten Internetvideo über den brutalen ugandischen Bandenchef für Aufregung. Kony hatte mit seiner „Lord's Resistance Army“ (Widerstandsarmee des Herrn) in den 80er und 90er Jahren versucht, in Uganda ein theokratisches Herrschaftssystem zu errichten, zehntausende Jungen zu Kindersoldaten gezwungen und Mädchen als Sexsklavinnen missbraucht. Mittlerweile ist Joseph Kony untergetaucht, der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wirft ihm unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Im Interview spricht der Würzburger Medienexperte Patrick Breitenbach über den Hype, den das Kony-Such-Video im Internet ausgelöst hat.

Frage: Herr Breitenbach, direkt gefragt: Kann man mit einem YouTube-Video die Welt verändern?

Patrick Breitenbach: Ein einzelnes Video schafft es nicht, aber YouTube als Institution kann schon ein Stück weit die Welt verändern. Das Internetportal steht für eine transparentere Welt und eine alternative und freie Medienplattform.

Das Video „Kony 2012“ ist mit über 80 Millionen Klicks zu einem Internet-Hit geworden. Ziel des Films ist es, den Bandenchef Kony zu fassen. Wie lässt sich dieser Hype erklären?

Breitenbach: Das Video ist hoch professionell gemacht. Es gleicht Hollywoodproduktionen und hat eine gewisse Werbefilm-Ästhetik. Es wird eine Geschichte erzählt, die klar zwischen Gut und Böse aufteilt, und dadurch wird die Komplexität extrem vereinfacht. Die Zuschauer bekommen klare Handlungsanweisung, wie sie die Welt besser und gerechter machen können. Danach sehnen sich die Menschen heutzutage.

In dem Video wird die Geschichte von Kony und dessen Taten einfach und verständlich dargestellt. Filmemacher Jason Russel erklärt seinem kleinen Sohn beispielsweise, dass der Bandenchef, den man fangen muss, der „böse Mann“ ist. Muss man komplexe Thematiken auf das einfachste Niveau bringen, um die Menschen zu erreichen?

Breitenbach: Wir werden mit Informationen zugemüllt, und die Welt wird immer komplexer. Ein Grundbedürfnis der Einfachheit ist vorhanden und dadurch greifen solche Mechanismen sehr gut. Kony 2012 trifft in diesem Sinne den Nerv der Zeit.

Warum unterstützen so viele junge Menschen das Projekt? Ist es der Wunsch nach dem Gefühl des Weltverbesserers per Mausklick?

Breitenbach: Ja, denn es wird einem das Gefühl gegeben, durch eine einfache Mechanik die Welt besser zu machen. Man muss sich nicht verpflichten und nicht auf der Straße demonstrieren, um Teil der großen Bewegung gegen das Böse zu sein. Das ist für junge Menschen sehr attraktiv.

Welche Zutat braucht ein Internetvideo, um erfolgreich zu sein?

Breitenbach: Emotionalität! In dem Video von Invisible Children arbeitet man beispielsweise mit einer Ikonisierung des Bösen, man gibt dem Bösen ein Gesicht: Bandenchef Kony. Die Freundschaft zu Jacob in Uganda, die Bilder der Kinder und der Unterstützer – all das steht für große Emotionen.

Das Video erhielt nicht nur positive Rückmeldung. Nach lautstarker Kritik hat die Organisation Invisible Children auf ihrer Homepage bereits ihre Finanzen offengelegt. Ist der allgemeine Internetnutzer doch nicht so naiv, wie oft behauptet wird?

Breitenbach: Eine große Aufmerksamkeit zieht auch Reaktionen nach sich. Viele wollen auf den Zug aufspringen und ihre Meinung kundtun. Die große Masse klickt blind und ist schnell emotional erfasst, aber es gibt immer mehr, die recherchieren und Fragen stellen und somit eine Kontrollinstanz innerhalb des Internets bilden.

Der Regisseur des Films, Jason Russel, wurde in der vergangenen Woche nach einem Zusammenbruch in Polizeigewahrsam genommen und dann in ein Krankenhaus gebracht. Können Sie sich denn erklären, warum es dazu gekommen ist?

Breitenbach: Der Druck scheint gigantisch gewesen zu sein. Wer das Gefühl der medialen Aufmerksamkeit kennt, beschreibt es oft wie einen Adrenalinrausch. Man ist aufgekratzt und gleichzeitig auch überempfindlich für jeden neuen Impuls in diesem Zusammenhang. Wenn dann auch noch die eigene Persönlichkeit angegriffen wird, wie im Fall von Russel, ist ein psychischer Zusammenbruch nicht ungewöhnlich.



Wird die Kampagne „Kony 2012“ Erfolg haben?

Breitenbach: Das erste Ziel, weltweite Aufmerksamkeit, hat das Projekt ja bereits erreicht. Wahrscheinlich wird es sich allerdings langsam verlaufen. Ich glaube nicht, dass Kony tatsächlich gefangen genommen und dem Internationalen Strafgerichtshof vorgeführt wird.

Im Internet wird die Wichtigkeit eines Themas anhand der Anzahl der Klicks gemessen. Zwei Babys, die sich in Windeln bekleidet vor einem Kühlschrank „unterhalten“, landen mit fast 67 Millionen Aufrufen nicht weit hinter „Kony 2012“. Was ist im Internet wirklich wichtig?

Breitenbach: Die Klicks verraten letztendlich nur, wie viele Leute ein Video gesehen haben. Die Wichtigkeit hängt davon ab, inwieweit ein Thema die Nutzer berührt und betrifft. Die Entscheidung über die Wichtigkeit wird auch hier wieder auf der emotionalen Ebene gefällt.

Hat jeder von uns die Möglichkeit, mit seinem Video Millionen zu erreichen?

Breitenbach: Theoretisch ja, aber nur wenn die Zutaten richtig kombiniert sind. Man muss den Zuschauer berühren, egal ob man ihn zum Lachen oder Weinen bringt. Eine gewisse Professionalität hilft, ist aber nicht zwingend notwendig. Am Ende braucht man ein wenig Glück und im besten Fall eine breite Fan-Basis, die in jedem Fall auf das Video zugreift und es verteilen kann. Dieser Multiplikator-Effekt führt dann zu Rekordzahlen.

Seitdem das Video „Kony 2012“ veröffentlicht wurde, ist der Name des gewalttätigen Bandenchefs auf einmal in aller Munde und zahlreiche Berichte wurden zu dem Thema veröffentlicht. Bestimmen einzelne User, Blogger oder private Filmemacher heutzutage die Nachrichtenagenda?

Breitenbach: Sie haben zumindest einen großen Einfluss darauf. In vielen Bereichen bestimmen sie die Agenda mit, beispielsweise bei Themen wie ACTA. Auch die Politik hat gemerkt, wie wichtig die Netzmeinung mittlerweile ist und muss – im Hinblick auf Wahlen – immer mehr auf die Internetgemeinde eingehen.

Was können die klassischen Medien aus dem Phänomen „Kony 2012“ lernen?

Breitenbach: Sie könnten sich in Zukunft mehr emotionaler Elemente bedienen, denn das zieht die Massen an. Auf der anderen Seite ist es eine Chance für die klassischen Medien, solche Internetphänomene gründlich unter die Lupe zu nehmen und die Thematiken tiefgründig zu recherchieren und zu hinterfragen. Dann können sie mit Hintergrundberichten und Zusatzmaterialien die Diskussion bereichern.

Und andersrum, was könnten sich Internetnutzer von der klassischen Berichterstattung abschauen?

Breitenbach: Richtiges Recherchieren. Manche Nutzer leiten blinde Information weiter, ohne sie zu hinterfragen oder zu reflektieren. Insgesamt ist es ein gegenseitiges Lernen. Die Medien sollten von Internetnutzern profitieren und umgekehrt genauso.

Wagen wir abschließend einen Ausblick: Wie informiert sich der Bürger im Jahr 2020?

Breitenbach: Ich persönlich würde mir eine Art Wikipedia-Zeitung wünschen. Dafür müssten sich die Medien mehr öffnen und die aktiven Internetnutzer einbeziehen. Eine Mischung von Angestellten und freiwilligen Helfern sollte sich um die Internetseiten der klassischen Medien kümmern, um die Aktualität und, wenn nötig, die Überarbeitung aller Artikel zu gewährleisten.

Das Gespräch führte Meike Rost
    
    

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