publiziert: 22.06.2009 12:10 Uhr
aktualisiert: 22.06.2009 12:14 Uhr
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Kormoran unter Beschuss

Der Kormoran war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland fast ausgerottet. Dann wurde er unter Schutz gestellt und vermehrte sich. Und das so stark, dass er nun wieder auf der Abschussliste steht.

Fischereiverband zieht gegen den Vogel zu Felde

Seit gut zehn Jahren tobt der Streit zwischen Angelfischern und Teichwirten einerseits und Vogelschützern auf der anderen Seite. Die einen sprechen davon, dass die Kormoranbestände dramatisch zunehmen, was Fischwelt und Fischer existenziell bedrohe. Die anderen bestreiten sowohl Zunahme wie auch Bedrohung. Die Politik in Bayern stellt sich auf die Seite der Unterwasserfauna und Fischer.

Im März diesen Jahres haben 833 Angelfischer in Unterfranken die Fischerprüfung abgelegt. Mehr als 11 000 Mitglieder zählt der Fischereiverband Unterfranken. Die Zahlen belegen, wie beliebt das Hobby Fischen ist. Allerdings gibt es, so klagen Verbandsfunktionäre, immer weniger Fische zu fangen. Sie sprechen von 2000 Kormoranen, die in unserer Region überwintern und pro Tag eine Tonne Fisch vertilgen. „Das können wir durch Besatzmaßnahmen nicht mehr ausgleichen“, sagt der Präsident des Fischereiverbandes Unterfranken, Peter Wondrak.

Wondrak ist sich sicher: „Wenn es so weitergeht, ist in zehn Jahren die Fischerei in Bayern am Ende.“ Der 62-jährige promovierte Biologe und ehemalige Fischereifachberater des Bezirks Unterfranken führt den Fischereiverband seit etwa einem Vierteljahr. Er hat um ein Gespräch mit dieser Zeitung gebeten, damit „die Mitglieder wissen, was der Verband für sie tut“. Selbstbewusst sagt er: „Wir sorgen dafür, dass weiterhin gefischt werden kann.“

„Früher hat es im Main von Weißfischen nur so gewimmelt“, schwärmt Wondrak. Georg Göß, 84-jähriger Vorsitzender der traditionsreichen Würzburger Fischerzunft, nickt. Beide können sich noch gut erinnern, dass den Angelfischern Anfang der 80er Jahre so viele Rotaugen, Brachsen, Aitel und Elritzen an den Haken und ins Netz gingen, dass entlang des Mains Kühltruhen als Sammelboxen aufgestellt wurden und die Fische als Tierfutter an Zoos abgegeben wurden. Von weither seien Fliegenfischer die Rhön gekommen, um an Sinn und Brend den zahlreichen Äschen nachzustellen.

Heute ist das nicht mehr so, und das legt Wondrak dem schifffahrtsgerechten Ausbau des Mains, den Kraftwerken mit ihren Turbinen, vor allem aber dem Kormoran zur Last. Er spricht von einem „beispiellosen Aderlass seit 20 Jahren“. Diesen Winter sei es besonders schlimm gewesen, weil der Main teilweise zugefroren war. Deshalb seien die Vögel an die Oberläufe der Flüsse ausgewichen. „Jetzt gibt es keine Äschen mehr in der Brend“, sagt Wondrak.

Immer lautstärker werden die Klagen der Teichwirte und Angelfischer. Sie fordern eine ganzjährige Jagdzeit für den Kormoran sowie eine Ausdehnung der Jagd auch auf bisherige Schutzgebiete. Derzeit darf der Wasservogel von 16. August bis 14. März bejagt werden, in Fischschonbezirken und Teichanlagen bis 31. März. Nach Angaben von Peter Wondrak wurden im Winter 2008/2009 in Unterfranken etwa 800 Kormorane geschossen, im Winter zuvor waren es nach Angaben der Regierung von Unterfranken 433.

Der Fischereiverband Unterfranken hat im April 600 Unterschriften gesammelt und Bayerns Umweltminister Markus Söder übergeben, auch etliche Nichtfischer stellen sich hinter die Forderung nach einer Dezimierung des „gefiederten Schädlings, der bei uns nie heimisch war“.

Bernhard Neckermann, Kreisvorsitzender des Landesbunds für Vogelschutz in Würzburg, findet das Thema Kormoran „nur noch ermüdend“. Seiner Meinung nach muss der Vogel zu Unrecht „seinen Schnabel herhalten“. Er kritisiert den Ausbau der Flüsse und falschen Fischbesatz. „Am Main zwischen Goßmannsdorf und Zell wurden jetzt mehrere Waller gefangen mit zwei Metern Länge und über 50 Kilogramm Gewicht. Das sind reine Fressmaschinen“, sagt Neckermann.

Jetzt bekommt die Fischereiwirtschaft politische Rückendeckung. Dass etwas für die Fische und Teichwirte getan werden muss, darüber besteht im bayerischen Landtag fraktionsübergreifende Einigkeit. Nur über das Wie gehen die Meinungen auseinander. Fast zeitgleich haben CSU/FDP, Freie Wähler und SPD Anfang Mai Dringlichkeitsanträge eingebracht.

Bei der Plenardebatte am 7. Mai offenbarten sich ähnlich unversöhnliche Gegensätze zwischen den Fraktionen wie zwischen Fischern und Vogelschützern. Die SPD sprach sich gegen eine Lösung „mit der Knarre in der Hand“ (Ludwig Wörner) und für eine Überspannung der Teiche mit Netzen aus. CSU und FDP forderten ganzjährige Abschussmöglichkeiten für Kormoran-Jungvögel, verlängerte Abschussmöglichkeiten für nicht brütende Altvögel bis 30. April, Abschuss auch an Schlafbäumen, Verhinderung neuer Brutkolonien und Reduzierung bestehender Kolonien. Die Freien Wähler wollen den „Schutz der heimischen Fischereiwirtschaft vor erheblichen Schäden durch Kormorane“ gar dadurch erreichen, dass sie die Schutzwürdigkeit des Kormorans grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt wissen wollen. Die Tötung von Kormoranen solle im Umkreis von 300 Metern um Gewässer generell erlaubt, Ausnahmeregelungen durch Allgemeinverfügungen ersetzt werden.

Die Abstimmung endete den Mehrheitsverhältnissen im bayerischen Landtag entsprechend zugunsten des CSU/FDP-Vorstoßes und zuungunsten des Kormorans. Die Staatsregierung wurde aufgefordert, „die Regelungen zum Abschuss von Kormoranen so zu gestalten, dass ein noch wirksameres Vorgehen gegen die Kormorane ermöglicht wird“.

Die Regierung von Oberbayern hat bereits reagiert und am Lech einen erweiterten Kormoranabschuss zugelassen. In den Landkreisen Landsberg und Weilheim-Schongau dürfen jetzt ganzjährig Kormoran-Jungvögel geschossen werden. Neugründungen von Brutkolonien dürfen vor Beginn der Eiablage verhindert werden.

Unterfrankens einzige Kormoran-Brutkolonie befindet sich laut Auskunft der Oberen Naturschutzbehörde an der Regierung von Unterfranken im Vogelschutzgebiet Garstadt bei Grafenrheinfeld. Dort brüten zur Zeit 50 bis 60 Paare ihre Jungen aus.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerlinde Hartel
    
    

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