publiziert: 06.02.2012 19:42 Uhr
aktualisiert: 06.02.2012 19:43 Uhr
» zur Übersicht Zeitgeschehen
    
    
Artikel
 
    
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text WÜRZBURG/SCHWEINFURT
Mehr Feinstaub in der Stadtluft

Autoabgase sind nur ein Teil des Problems – Viele alte Öfen dürfen weiter qualmen

In deutschen Städten hat sich die Luftqualität nicht verbessert – trotz der mittlerweile 54 Umweltzonen, in denen Fahrverbote für ältere Autos gelten. 2011 lag der Mittelwert der Feinstaubbelastung nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) in Dessau (Sachsen-Anhalt) erneut über denen des Vorjahres.

Der von der EU festgelegte Grenzwert für Feinstaub liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, das Emissionsschutzrecht lässt pro Jahr höchstens 35 Überschreitungen des Tagesimmissionsgrenzwertes zu. Am Stuttgarter Neckartor wurde der Grenzwert nach Angaben des UBA am häufigsten überschritten, insgesamt 95 Mal. Drei Viertel der Messstationen zählten nach Angaben der Behörde mehr Überschreitungen als 2010, genaue Zahlen will das Amt Ende des Monats veröffentlichen.

Über Sinn und Unsinn der Umweltzonen, in die nur schadstoffarme Autos einfahren dürfen, wird vielerorts gestritten. Die neuen Werte dürften die Debatte auch in Würzburg verschärfen. Der Grenzwert an der Messstelle Stadtring Süd wurde 2011 erneut häufiger überschritten als zulässig – an 36 Tagen. Der Kreisverband Main-Rhön des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) fordert Tempo 30 in der Würzburger Innenstadt und eine Umweltzone für die Stadtteile im Talkessel.

Noch im Herbst 2011 hatte Würzburgs Umweltreferent Wolfgang Kleiner eine Umweltzone als „unverhältnismäßig“ bezeichnet, Anfang 2012 beschloss ein „Runder Tisch“ mit Vertretern der Regierung von Unterfranken und der Stadtratsfraktionen, dass die Verwaltung bis zum Frühjahr eine Vorlage zu möglichen Umweltzonen ausarbeiten soll. In Schweinfurt ist das kein Thema. Die Stadt liegt nicht im Talkessel und meldete in den vergangenen Jahren lediglich neun bis 14 Überschreitungen des Grenzwertes.

Umweltzonen gibt es in drei Stufen. Rot bedeutet, dass es nur für wenige Autos Einschränkungen gibt. In der zweiten Stufe dürfen nur Autos einfahren, die mindestens eine gelbe Plakette haben. In der dritten Stufe der Umweltzone dürfen nur noch Fahrzeuge unterwegs sein, die mit der grünen Plakette ausgestattet sind. „Wegen erwiesener Wirkungslosigkeit“ will der Automobilclub von Deutschland (AvD) Umweltzonen abschaffen, der ADAC sieht ihren „Nutzen quasi gleich null“. Dass die Feinstaubwerte zuletzt wieder steigen, lenkt Wasser auf die Mühlen der Gegner solcher Zonen.

Umweltexperten sehen zu Umweltzonen hingegen kaum Alternativen. Schon deshalb nicht, weil die EU-Kommission von Deutschland konkrete Vorschläge fordert, wie die Luftqualität verbessert werden kann.

Autoabgase sind laut einer Studie des Berliner Senats allerdings nur für knapp ein Fünftel der Feinstaubbelastung verantwortlich. Auch UBA-Präsident Jochen Flasbarth geht davon aus, dass Umweltzonen nur „ein Teil der Lösung“ sind. Große Mengen von Feinstaub und Stickoxiden würden auch bei Verbrennungsprozessen in Industrie und Haushalten entstehen, so Flasbarth am Montag.

Die seit 2010 geltende Immissionsschutz-Verordnung verhindert nicht, dass alte Heizkessel und Holzöfen die Umwelt einräuchern. Sie gilt nämlich für viele alte „Einzelfeuerungsanlagen“ überhaupt nicht und gewährt im Übrigen lange Fristen für Nachrüstung oder Austausch. Messgeräte für Schadstoffe sind zwar in der Erprobung, aber noch nicht zu kaufen, sagt Reinhold Noe von der Kaminkehrerinnung Unterfranken. Noe glaubt, dass das Wissen um die richtige Feuerung von Öfen größer geworden ist. Er sieht aber Lücken in der Gesetzeslage. Alte Automatiköfen für Kohle unter 15 Kilowatt Leistung dürften bis ans Ende ihrer Tage mit Holz betrieben werden. Und Noe riecht Verstöße: Naturgemäß sei aber schwer zu überführen, wer Plastikmüll verbrennt.

Gefährliche Luftverschmutzung

Feinstaub sind winzige Teilchen, die lange in der Luft schweben. Nach einer EU-Richtlinie liegt der Tagesgrenzwert bei 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Er darf an maximal 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Viele Kommunen und Bundesländer arbeiten daher Luftreinhaltungspläne aus. Die Risiken der Luftverschmutzung haben Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen untersucht. Erhöhte Feinstaubwerte sorgen bei Menschen in städtischen Gebieten für erhöhten Blutdruck, fanden sie heraus, selbst bei Konzentrationen unterhalb der Grenzwerte. Damit steige das Risiko von Arteriosklerose und die Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Umweltzonen können laut Umweltbundesamt die Feinstaubbelastung um bis zu zehn Prozent mindern. Laut Umweltbundesamt gibt es 54 solcher Zonen in Deutschland, darunter 20 in Baden-Württemberg und drei in Bayern. Wer gegen die Vorschriften verstößt, muss mit 40 Euro Strafe und einem Punkt in Flensburg rechnen.

ONLINE-TIPP

Einen Überblick über Städte mit Umweltzone sowie aktuelle Luftwerte: www.mainpost.de/zeitgeschehen

Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
    
    

Diesen Artikel

  • Webnews einstellen
  • Teilen
Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

Die neuesten Kommentare

Hingucker (1481 Kommentare) am 07.02.2012 10:06

Feinstaub

die Stadt Würzburg schafft es nicht einmal, den LKW Durchgangsverkehr auf der B 19, zu kontrollieren. Das Geld für die Schilder hätte man sich sparen können. Also was soll das alles
(1)
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
    

Rubriken

    
Anzeige
    

Zeichen setzen 

Förderpreis für
engagierte Bürger
Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr
    
    

Leserbriefe 

Schreiben Sie uns
Wenn Sie uns einen Leserbrief schreiben wollen, dann können Sie das direkt hier tun. »mehr