aktualisiert: 22.01.2012 20:09 Uhr
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EHINGEN
Schlecker-Zukunft ist ungewiss
Konkurrent Rossmann winkt ab: Tausende Mitarbeiter bangen um ihre Existenz
(dpa/rtr) Nach der angekündigten Insolvenz von Deutschlands größter Drogeriekette Schlecker gehen die Spekulationen über die Zukunft des Familienunternehmens weiter. Konkurrent Rossmann hat nur an 50 bis 80 Schlecker-Märkten Interesse. Das sagte Unternehmenschef Dirk Roßmann dem Nachrichtenmagazin „Focus“.
„Ich wage die Prophezeiung, dass der Insolvenzverwalter nicht viele Läden wird weiter betreiben können“, sagte Roßmann weiter. Die allermeisten der noch rund 7000 Märkte in Deutschland müssten schließen, weil sie nicht mehr zeitgemäß seien. „Die Wettbewerber Rossmann, dm und Müller sind dieser Kette schon vor Jahren meilenweit enteilt“, so Roßmann.
Das bestätigen auch Umfragen bei Verbrauchern: Demnach ist Schlecker seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Aktuell lägen die Imagewerte von Schlecker mit minus 37,8 Punkten „dramatisch unter“ den äußerst beliebten Marken Rossmann (plus 79,4) und dm (88,3), heißt es in einer Markenstudie des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Das Institut befragt für aktuelle Markenstudien in Deutschland täglich mehr als 2000 Personen. Demnach befand sich der Image-Wert von Schlecker Anfang 2008 noch im positiven Bereich. „Seitdem zeigt sich ein schleichender aber weitgehend kontinuierlicher Abstieg.“
Das gleiche Bild zeichnet eine Marktuntersuchung des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, der zufolge Schlecker noch 2006 den Drogeriemarkt mit weitem Abstand dominiert hat, binnen weniger Jahre aber die Konkurrenten dm und Rossmann mit Riesenschritten aufgeholt haben. Am deutlichsten zeigen sich die Verhältnisse beim Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche, der so genannten Flächenproduktivität. Diese betrug EHI zufolge 2010 bei dm 6500 Euro, bei Rossmann 5000 Euro, bei Schlecker dagegen nur 2200 Euro.
Das Familienunternehmen aus Ehingen hatte, wie berichtet, am Freitag eine so genannte Planinsolvenz angekündigt. Ein solches Verfahren ist in der Insolvenzordnung ausdrücklich vorgesehen, wenn es darum gehen soll, ein Unternehmen möglichst zu erhalten. „Wir haben ein gutes Konzept, aber es hängt natürlich von den Gläubigern ab“, sagte ein Sprecher. Denn sie entscheiden danach, wo sie die größeren Chancen sehen, ihr Geld wiederzusehen: wenn Schlecker weitermacht wie bisher, verkauft oder zerschlagen wird.
Ausschlaggebend war nach Informationen der „Südwest Presse“ eine Rückstufung Schleckers: Ein großer deutscher Rückversicherer, über den der Einkaufsverband Markant seine Bestellungen absichert, habe wohl das Schlecker zugestandene Volumen drastisch reduziert. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete, Schlecker habe am Freitag einen fälligen Betrag zwischen 20 und 30 Millionen Euro nicht bezahlen können. „Weil die Schwierigkeiten in Branchenkreisen bekannt waren, war die Zahlung in bar oder als Bundesbankscheck eingefordert worden.“
Im schlimmsten Fall könnten die Lieferanten ihre Waren wieder aus den Filialen oder Lagern abholen. Dann stünden die Kunden vor leeren Regalen. Der Schlecker-Sprecher äußerte sich aber zuversichtlich, dass es dazu nicht kommen werde. Discount-Ketten profitieren davon, dass immer viel Geld in die Kasse kommt, die eingekaufte Ware aber nur mit Verzögerung bezahlt werden muss.
Für die zweite Marke im Schlecker-Reich ist die Insolvenz besonders bitter: Denn die Drogeriekette „Ihr Platz“ musste bereits 2006 Insolvenz anmelden, bevor sie von Schlecker übernommen wurde. „Ihr Platz“ verfügt aber meist über bessere Standorte als die Schlecker-Märkte.
Schlecker kann Tarifverträge kündigen
Die Planinsolvenz kann der Drogeriekette Schlecker nach Einschätzung eines Rechtsexperten auch dazu dienen, die teuren Tarifverträge mit der Gewerkschaft ver.di zu kündigen. „Der größte Vorteil ist, dass Schlecker nicht zerschlagen wird“, sagte der Bremer Insol- venz-Anwalt Klaus Klöker dem „Spiegel“ (Montag). „Das Unternehmen bleibt als Rechtsträger erhalten und kann sich von allen nicht lukrativen Geschäften trennen, die lukrativen aber kann es behalten.“ Bei der Planinsolvenz kann der Insolvenzverwalter laut „Spiegel“ helfen, im Planverfahren das Unternehmen von allen langfristigen Verträgen durch Sonderkündigungsrechte zu entlasten. Dazu gehören demnach neben Miet-, Pacht-, Leasing- und Lieferverträgen insbesondere auch die Arbeits- und Tarifverträge. „Gerade hier liegen die Vorteile gegenüber einer außergerichtlichen Unternehmenssanierung“, so Klöker. Schlecker wäre ohne Planinsolvenz bis Juni an einen sogenannten Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag gebunden, der Entlassungen unmöglich macht.
ONLINE-TIPP
Schlecker war bis vor kurzem die Nummer eins – Hintergründe und Zahlen über die drei deutschen Drogerieriesen: www.mainpost.de/zeitgeschehen
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