publiziert: 02.02.2012 18:52 Uhr
aktualisiert: 02.02.2012 20:05 Uhr
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Standpunkt: Es knistert im Pulverfass

Es ist eine ägyptische Eigenart, Katastrophen mit Komplotten zu erklären. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass Diktatoren ihre Bevölkerung jahrzehntelang mit Lügen abspeisten und man die Wahrheit nur hinter vorgehaltener Hand sagen durfte – außer, die Schuldzuweisung richtete sich gegen das Ausland. So erklären die verschiedenen politischen Kräfte das Blutbad in Port Said so, wie es ihren Interessen dient und ihnen ins Weltbild passt: Das Militär meinte, ungenannte „ausländische Einmischungen“ hinter den Ereignissen zu erkennen, und will sich als notwendiger Beschützer ägyptischer Souveränität verstanden wissen. Die Muslimbrüder, die ihre Revolution graduell vorantreiben wollen, beschuldigen das alte Regime, um vorerst weiter mit den Militärs paktieren zu können. Die Verlierer der Wahlen, die säkularen Oppositionsgruppen, sehen in der Armee den Drahtzieher der Gewalt, damit sie das jetzige System stürzen können.

Man kann aber auch andere Ursachen hinter der Tragödie im Fußballstadion vermuten. Den Ägyptern ging es bereits vor der Revolution schlecht – jetzt ist die Lage noch schlimmer. Der Kornspeicher des Römischen Reichs ist der größte Weizenimporteur der Welt geworden, in einer Zeit schwindender Devisenreserven und steigender Preise. Jeder Vierte in Ägypten lebt unter der Armutsgrenze. Dazu kommt eine Kriminalitätsrate, die so hoch ist wie nie zuvor: Ein großer Teil der Kriminellen, die Mubarak vor einem Jahr freiließ, wurde nicht wieder gefasst und macht Landstraßen und Städte unsicher. Das Volk ist deswegen dazu übergegangen, sich zu bewaffnen. Das Bevölkerungswachstum ist immens. Die Explosion in Port Said ist nur das erste Knistern im Pulverfass Ägypten.

Von Gil Yaron red.politik@mainpost.de
    
    

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