aktualisiert: 27.07.2011 20:53 Uhr
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Viel Arbeit für Deutschland
Stellenmarkt: Quasi Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel hier, frustrierte Stellensuchende dort. Vom neuen deutschen Jobwunder profitieren längst nicht alle. Deutschland muss lernen, dass auch der Arbeitsmarkt nur ein Markt ist.
Vor Ferienbeginn in Bayern soll es sein. Also tritt Frank-Jürgen Weise an diesem Donnerstag in Nürnberg vor die Presse und verkündet schon mal die Arbeitsmarktzahlen für den laufenden Monat, den Juli. Und wie schon in den vergangenen Monaten hat der Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA) viel Erfreuliches zu berichten. Deutschland erlebt dank der brummenden Konjunktur eine Art neues Jobwunder: Statt über fünf wie vor wenigen Jahren sind deutlich unter drei Millionen Arbeitslose gemeldet, in einigen Regionen im Süden – etwa im Landkreis Main-Spessart – liegt die Quote klar unter drei Prozent. Experten sprechen da von Vollbeschäftigung.
Hier geht's zum IHK-Fachkräftemonitor zur Analyse und Prognose von Fachkräfteangebot und -nachfrage in Bayern...
Die Demografie aber könnte den Markt sogar kippen lassen. Denn immer stärker rückt ein Schlagwort in den Mittelpunkt: der Fachkräftemangel. Auch Weise wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass dem Land schon bald die Arbeitskräfte ausgehen. Weil die deutsche Bevölkerung altert und immer weniger Kinder nachfolgen, fehlen bis 2025 rund 6,5 Millionen Arbeitskräfte. Nein, nicht einfach nur Arbeitskräfte: Fachkräfte!
Dieser Unterschied ist wichtig – und wird mit fortschreitender Technisierung immer bedeutender. Gerade einmal jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland ist heute noch für einen nicht oder nur gering Qualifizierten geeignet. Was aber macht eine Fachkraft aus? BA-Chef Weise nennt die Kriterien: ein Schulabschuss, ein Berufsabschluss und gute anerkannte Berufserfahrung mit Referenzen.
Dieter Pfister würde sich wohl über einen solchen Bewerber freuen. Der Chef der Schweinfurter Unternehmensgruppe Maincor sucht praktisch ständig neue Mitarbeiter. Ob Außendienstmitarbeiter oder Exportmanager, ob CNC-Dreher oder Mechatroniker – in den vergangenen Monaten hatte die Maincor-Personalabteilung einiges zu tun. Pfister, seit Januar Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt, warnt denn auch vor einem Fachkräftemangel in der Region: „Das kann wirklich zum Problem werden.“ Schon heute suchen viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften. Allein in Mainfranken fehlen schon in drei Jahren 28 000 beruflich qualifizierte sowie 1000 akademisch qualifizierte Mitarbeiter, hat die IHK berechnet.
„Wir haben einen gespaltenen Arbeitsmarkt, und das bereits seit Jahren.“Eugen Hain, Chef der Arbeitsagentur Würzburg
Doch Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel, das ist nur eine Seite des Arbeitsmarkts. Auf der anderen Seite stehen fast drei Millionen offiziell als arbeitslos gemeldete Menschen. Viele, die derzeit eine Stelle suchen, verstehen die Welt nicht mehr. Und laden etwa im Internet ihren Frust ab. Vom Fachkräftemangel merke er nichts, schreibt einer: „Ich bin seit knapp einem Jahr arbeitslos. Habe zwei Berufe und finde trotzdem nichts. Und das bedeutet einen Fachkräftemangel? Aber vielleicht sind ja 2000 Euro Brutto Gehaltsvorstellung ja zu viel.“
Stimmen wie diese gibt es viele. Und Eugen Hain kennt sie nur zu gut. Der Chef der Bundesagentur Würzburg hat Verständnis für den Frust vieler Arbeitssuchender. „Ja, das stimmt schon. Wir haben einen gespaltenen Arbeitsmarkt, und das bereits seit Jahren“, sagt Hain in seinem Eckbüro mit Blick auf Käppele und Festung. Doch Muße für die schöne Aussicht hat der BA-Manager nicht. Trotz nominell weniger „Kunden“ aufgrund der niedrigeren Arbeitslosenzahl hätte man gut zu tun. Denn den strukturellen Wandel auf dem Arbeitsmarkt, den habe „die Gesellschaft noch nicht hinreichend realisiert“.
Viele Arbeitgeber, sagt Hain, verhielten sich noch so, „als habe man noch den klassischen Käufermarkt“. Darunter verstehen Volkswirte einen Markt, bei dem der Käufer die stärkere Position hat. Arbeitgeber waren das so gewohnt, konnten sich all die Jahre Kandidaten nach eigenem Gusto auswählen. Das, sagt Hain, sei in Teilen des Arbeitsmarkts heute eben nicht mehr so. „Der Arbeitsmarkt reagiert nach den gleichen Regularien wie jeder andere Markt auch.“ Die Gewichte hätten sich verändert, und der Bewerber sei nun häufig in der stärkeren Position, könne sich also seinen Arbeitgeber aussuchen. Doch egal, wer am längeren Hebel sitzt, die Entscheidung falle stets nach einem Muster: „Wir haben nach wie vor einen ausgeprägten Trend zur Besten-Auslese.“ Die Unternehmen suchten häufig den perfekten Bewerber, „und das kann sehr ungerecht gegenüber den anderen Bewerbern sein“.
Bei Vermittlungsgesprächen gehe es also darum, gemeinsam mit dem – eben nicht mit einem perfekten Lebenslauf ausgestatteten – Jobsuchenden eine Strategie zu entwickeln: Welche besonderen Qualifikationen und Eigenschaften bringe ich mit? Wie mobil bin ich? Wie hoch kann ich pokern? Die Aufgabe sei, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. „Matching“ nennt Hain den Prozess des Abgleichens von Arbeitgeberwünschen und Bewerbervorstellungen.
Sei ein Bewerber zu wählerisch und dauere die Suche zu lange, dann sei das „so wie bei einer verderblichen Ware – dann ist man irgendwann nicht mehr marktfähig“. Es gebe allerdings durchaus eine bestimmte Sucharbeitslosigkeit, die toleriert werde. Was aber ist eine Sucharbeitslosigkeit? Hain erklärt: Wenn jemand heute seinen Job verliere, dann müsse er sich sofort bei der BA melden, wenn er gekündigt ist – und nicht erst, wenn er, etwa aufgrund einer langen Kündigungsfrist, faktisch auch arbeitslos sei.
Der „Matching-Prozess“ sollte auf jeden Fall möglichst früh anlaufen. Das gelte auch für Schul- oder Hochschulabsolventen. „Wenn ich heute mein Zeugnis bekomme und mich Mitte nächsten Jahres bewerbe, dann fragt sich der Personalchef schon: Was hat der denn gemacht?“, so Hain. Vielleicht akzeptiere er eine Südamerikareise als eine Art Weiterbildung – ein Jahr auf der faulen Haut liegen aber, dass komme nicht gut an.
Und dann gibt es da noch die Problemgruppe, die nicht oder gering Qualifizierten. Hier müsse man unterscheiden: Zwei Drittel der Arbeitslosen in seinem Bezirk seien Hartz-IV-Empfänger. „Das heißt aber ja nicht, dass die alle ungelernt sind“, betont Hain. Dennoch gebe es in Deutschland „viel zu viele Ungelernte“. So verließen jedes Jahr 60 000 Jugendliche ohne jeden Abschluss die Schule. Hain greift zu einem plakativen Bild: „Wer sich heute ohne jede Ausbildung auf den Weg ins Berufsleben macht, der ist in der Rolle eines Autofahrers ohne Führerschein.“
Aber auch ein so engagierter BA-Mann wie Eugen Hain muss sich Kritik anhören, etwa die von Professor Gerhard Bosch. Der Chef des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen bezeichnet gegenüber dieser Zeitung die aktuellen BA-Maßnahmen für Ungelernte als „Fastfood“. In den 90er Jahren, sagt er, habe man Arbeitslose mit Unterstützung der Agentur (damals noch Arbeitsamt) zu Facharbeitern ausgebildet. Heute hingegen, so Bosch, „werden fast nur noch kurze Anlernmaßnahmen angeboten“.
Um Kritikern die Stirn zu bieten hat BA-Chef Weise Anfang des Jahres einen 10-Punkte-Katalog vorgelegt (siehe Kasten). Mit diesen Maßnahmen sollen sich bis zu drei Millionen zusätzliche Arbeitskräfte mobilisieren lassen. Ein wichtiger Punkt: die Erleichterung des Zuzugs von ausländischen Fachkräften. Denn bislang, so Weise, gebe es zu viele Hürden in Deutschland – die Sprache, viel Bürokratie, ungelöste Integrationsfragen. Die Zahlen erschrecken: Nach BA-Angaben waren im Jahr 2009 unter 721 000 Zuzügen nur 17 000 Fachkräfte.
Ausländerin, hoch qualifiziert – das trifft auf die 32-Jährige aus Kamerun zu, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Vor neun Jahren ist sie nach Deutschland gekommen, hat im Februar ihr Elektrotechnik-Studium abgeschlossen. Nun lebt sie in Würzburg – und findet keinen Job, obwohl sie durchaus mobil wäre. „Schweinfurt oder Nürnberg, das ginge schon“, sagt sie in sehr gutem Deutsch. „Ich verstehe das nicht. Da heißt es, es fehlen Ingenieure und man wolle sogar welche aus dem Ausland holen. Aber ich bin doch schon da.“ Vielleicht liege es an der mangelnden Berufserfahrung, meint sie.
Die hat Ute Schmitt reichlich. Ende vergangenen Jahres verlor die 55-Jährige ihren Job bei einem Textilunternehmen, nach 24 Jahren. Arbeitssuchend mit über 50? Für Ute Schmitt standen die Chancen in ihrem alten Beruf nicht gut, das war ihr klar. Doch der Wechsel in ein anderes Metier brachte die Lösung: Seit Februar leitete sie die Würzburger Filiale eines Baby-Fachmarktes. Ihr Alter ist da kein Nachteil, im Gegenteil. Ihr Chef schwärmt von ihrer Erfahrung, ihrem Auftreten und ihrer Menschenkenntnis.
Der deutsche Arbeitsmarkt im Jahr 2011 – bisweilen ein Mirakel. Für alle Beteiligten.
Der 10-Punkte-Plan gegen den Fachkräftemangel
Deutschland gehen die Arbeitnehmer aus. Die Demografie auf der einen und die boomende Wirtschaft auf der anderen Seite sorgen dafür, dass immer mehr Arbeitsplätze unbesetzt bleiben. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg hat Anfang des Jahres einen 10-Punkte-Plan vorgelegt, der Handlungsfelder gegen den Fachkräftemangel aufzeigt.
1. Weniger Schulabgänger ohne Abschluss Rund 60 000 Schüler verlassen jährlich die Schule ohne Abschluss. Gelänge es, diese Quote zu halbieren, würde dies über die Jahre mehrere Hunderttausend zusätzliche Fachkräfte bedeuten.
2. Ausbildungsabbrecher reduzieren Jeder Fünfte bricht seine Ausbildung ab. Für etwa die Hälfte, so die BA, beginnt danach auch keine Ausbildung mehr. Auch hier ließen sich mit einer Reduzierung der Abbrecherquote viele weitere Fachkräfte gewinnen.
3. Studienabbrecher reduzieren Auch Studenten brechen häufig ab, obwohl der Bedarf nach hoch qualifizierten Akademikern weiter steigen wird. Auch hier gilt: Eine spürbare Reduzierung der Abbrecherquote würde helfen.
4. Lebensarbeitszeit erhöhen Die Deutschen werden im Schnitt immer älter. Früh in Rente, das ist passé. Auch 55-Jährige, so die BA, haben noch ein längeres Berufsleben vor sich – und das hilft dem Arbeitsmarkt.
5. Arbeitszeitvolumen von Frauen erhöhen Ein gewaltiges Potenzial für den Arbeitsmarkt. Tatsächlich hat Deutschland im internationalen Vergleich hier Nachholbedarf. Viele Frauen (derzeitige Durchschnittsarbeitszeit: 18,5 Stunden die Woche) würden gerne länger arbeiten. Doch dafür braucht es die Voraussetzungen.
6. Zuwanderung von Fachkräften steuern Ließe sich die Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland erhöhen, könnte man durch gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften bis zu 800 000 zusätzliche Arbeitnehmer ins Land holen. Dies bedarf, so die BA, allerdings einer umfassenden „Willkommenskultur“.
7. Arbeitszeit der Beschäftigen erhöhen Entsprechende Anreize vorausgesetzt, ließe sich durch die Erhöhung der Arbeitszeit von jetzt schon Vollzeitbeschäftigten die Gesamtzahl der Arbeit erhöhen, die BA spricht hier von sogenannten Vollzeitäquivalenten.
8. Weiterbildung vorantreiben Fast jeder Fünfte (17 Prozent) gilt in Deutschland offiziell als gering qualifiziert. Ließe sich diese Quote reduzieren, stünden dem Arbeitsmarkt viele zusätzliche Fachkräfte zur Verfügung.
9. Transparenz des Arbeitsmarktes erhöhen Dieser Punkt bringe zwar keine messbaren Effekte, würde aber die Suchzeiten verkürzen.
10. Steuern- und Abgabenlast reduzieren Hier schreibt die BA diplomatisch davon, dass man „flankierende Maßnahmen im Steuer- und Abgabenbereich prüfen“ solle. Gemeint ist schlicht: Mehr Netto vom Brutto für die Arbeitnehmer – und damit ein höherer Anreiz. Text: md
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IHK-Fachkräftemonitor zur Analyse und Prognose von Fachkräfteangebot und -nachfrage in Bayern: www.mainpost.de/zeitgeschehen
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