publiziert: 19.08.2012 19:11 Uhr
aktualisiert: 19.08.2012 22:09 Uhr
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Widerstand gegen Biosprit E10 wächst

Umweltverbände, Verbraucherschützer und Misereor fordern den Verkaufsstopp
  • Foto: Norbert Schwarzott
    Preishoch am Wochenende: Ordentlich zugelegt haben die Spritpreise, wie hier in Würzburg. Für Benzin mit reichlich Oktan waren teils über 1,90 Euro pro Liter fällig.
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Der Druck für einen Verkaufsstopp des Biosprits E10 wird wegen Rekordständen bei Getreidepreisen immer größer. Nach Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) fordern jetzt auch die Grünen, Greenpeace und Verbraucherorganisationen ein Umdenken bei der bisherigen Bioenergie-Strategie in Deutschland. „Generell ist Biosprit ein Irrweg, sowohl in Deutschland als auch in den USA, wo bereits rund 40 Prozent der Maisernte für die Ethanolproduktion verwendet werden“, sagte der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, Thilo Bode, der Deutschen Presse-Agentur.

Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter sagte mit Blick auf ein E10-Aus: „Angesichts der weltweiten Getreideknappheit macht so ein Schritt Sinn.“ Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist für einen Stopp des Sprits mit zehn Prozent Ethanol. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) lässt bisher aber nicht erkennen, dass er eine Abkehr plant.

Foodwatch-Geschäftsführer Bode forderte ein Aus für Bioenergie-Subventionen. „Das würde ja alles gar nicht vonstattengehen, wenn der Steuerzahler nicht zur Kasse gebeten würde, um diese Aktivitäten zu subventionieren.“ Das Ganze sei „eine Subvention für die Agrarlobby und eine Beruhigungspille für die Autolobby“. In Deutschland komme als Problem der massive Maisanbau für Tausende Biogasanlagen hinzu. Auch der angebliche Klimaschutznutzen sei inzwischen klar widerlegt.

Die 2011 erfolgte Einführung von E10 geht auf EU-Vorgaben zurück. Die Regierung will durch die Beimischung von Ethanol aus Getreide, Raps und Rüben die Biokraftstoffquote von derzeit 6,25 Prozent erfüllen. Altmaier ging in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ nicht näher auf die E10-Forderungen ein, betonte aber, dass Bioenergie, besonders Biomasse, für die Strom- und Wärmegewinnung in Biogasanlagen, sinnvoll sei. Diese sei „ein sehr vielseitiger und zuverlässiger erneuerbarer Energieträger“, der eine wichtige Rolle für die künftige Energieversorgung spielen werde.

FDP-Generalsekretär Patrick Döring äußerte sich wie zuvor Minister Niebel kritisch zum massiven Anbau von Energiepflanzen. „Dass wir wertvolles Ackerland mit Pflanzen bebauen, aus denen Biosprit und Biogas hergestellt werden, ist weder sinnvoll noch nachhaltig“, sagte er der „FAS“. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte, dass „mit öffentlichen Geldern Monokultur und Raubbau gefördert werden“. Alle staatlichen Anreize für den Maisanbau seien abzuschaffen. Der Anbau von Lebensmitteln müsse Vorrang vor der Energiegewinnung haben.

    
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Greenpeace verweist darauf, dass in Deutschland jährlich aus etwa 1,5 Millionen Tonnen Getreide Ethanol hergestellt werde. Zusätzlich importiere Deutschland rund die Hälfte des eingesetzten Ethanols aus dem Ausland: „Insofern entlastet tatsächlich ein E10-Verbot den Getreidemarkt“, sagte Hofstetter. Die weltweiten Vorräte an Getreide seien auf 100 Millionen Tonnen geschmolzen. Weltweit aber würden 150 Millionen Tonnen Getreide jährlich zu Ethanol verarbeitet. Ohne die Ethanol-Erzeugung wären die Lager gut gefüllt, sagte Hofstetter. Bäckereien gehen auch für Deutschland von steigenden Preisen aus.

Auch die Verbraucherzentrale Bundesverband sieht E10 als gescheitert an. „E10 hat nie funktioniert“, sagte Verkehrsreferent Otmar Lell. Sinnvoller sei es, die CO2-Grenzwerte für Autos zu verschärfen. Mittelfristig führe kein Weg an Elektroautos vorbei.

Das katholische Hilfswerk Misereor erklärte: „Biosprit muss abgeschafft werden, denn er verschärft den Hunger in der Welt.“ In der „Bild am Sonntag“ betonte Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel: „Zum einen steigen die Preise für Grundnahrungsmittel, wenn wir Mais, Weizen oder Rohrzucker in den Tank kippen. Werden die Lebensmittel zu teuer, hungern Menschen in Kenia oder El Salvador. Zum anderen werden Bauern in Afrika und Asien von ihrem Land vertrieben, um Platz für neue Biospritplantagen zu schaffen.“

 

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Von den dpa-Korrespondenten G. Ismar u. M. Amborst
    
    

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OPS (1298 Kommentare) am 21.08.2012 14:21

Ein Schönes Beispiel

Biosprit ist, wie viele grüne Ideen, ein schönes Beispiel dafür wie etwas das im Kleinen funktioniert, im Großen nur Schäden anrichtet.
Ursprünglich wollte man Pflanzenreste und ungenießbare Energiepflanzen von minderwertigen Böden verwenden, um den Bedarf an ölbasiertem Benzin zu verringern.
Da so etwas viel Geld kostet, hat man es subventioniert und gefördert. Natürlich waren die Kapazitäten an Pflanzenresten und kargen Böden sehr schnell ausgereizt und es war finanziell sinnvoll, gutes Ackerland für Energiepflanzen umzuwandeln.
Was im Kleinen eine Gute Idee ist, erwies sich im Großen als ökologische und humanitäre Katastrophe.

So wie Pelletheizungen (ursprünglich Holzabfälle), Windkraftanlagen (töten Vögel, erzeugen Atommüll, verbrauchen Platz), Solaranlagen (Herstellung erzeugt hochwirksame Treibhausgase und giftige Abfälle) und Biogas.

Im Kleinen funktionieren solche grünen Projekte. Im großen Maßstab hat sich herausgestellt, dass diese Heilung schlimmer ist als die Krankheit.
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grayjohn (3610 Kommentare) am 21.08.2012 15:24

Allerdings

sei hier mal die Frage gestellt, wie hoch der Umwelt-Impact der genannten Kraftwerke im Verhältnis zu den konventionellen ist? Also ich würde z. B. jede Wette halten, dass Windkraftanlagen für 1000 MW weniger "Atommüll" bewirken als ein KKW mit 1000 MW... und dass Kohlekraftwerke (pro Leistungseinheit) mehr radioaktive Strahlung freisetzen(!) als Kernkraftwerke, ist auch schon länger bekannt...
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OPS (1298 Kommentare) am 21.08.2012 15:32

Diese Frage lässt sich erstaunlich leicht beantworten

Der Bau einer modernen Windkraftanlage erzeugt etwa eine Tonne Atommüll. Um ein Kernkraftwerk zu ersetzen benötigt man 6700 mittelgroße Windkraftanlagen.
Die Gesamtmenge von Atommüll in Deutschland bis zum Jahr 2040 beträgt etwa 17'000 Tonnen.

Sie haben die Wette verloren.
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grayjohn (3610 Kommentare) am 24.08.2012 13:01

Nanana

Es geht hier nicht nur um den Bau, sondern auch um den Betrieb. Und zum Betrieb gehört auch die "Brennstoff"gewinnung. Sie haben sozusagen ein paar Millionen Tonnen radioaktiven Abraum elegant unter den Tisch gekehrt. Natürlich können Sie jetzt argumentieren, die Sonne, die letztlich dafür sorgt, dass Wind weht, erzeuge viel mehr Radioaktivität...
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OPS (1298 Kommentare) am 21.08.2012 15:36

ach und noch was...

Ein Kernkraftwerk hält 32 (deutscher Atomausstieg) bis 100 Jahre (technisch möglich).
Für deutsche Kernkraftwerke waren beim Bau mindestens 45 Betriebsjahre vorgesehen.
Die meisten Länder rechnen mit 60 Jahren (Schweiz, Belgien, Schweden, USA).

Eine Windkraftanlage hält etwa 20 Jahre, wobei die meisten früher durch leistungsfähigere Anlagen ersetzt werden.

Der Bau einer Windkraftanlage verbraucht pro Megawatt installierter Leistung ungefähr die dreifache Menge Beton wie der Bau eines Kernkraftwerks.
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