aktualisiert: 19.06.2012 19:55 Uhr
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BERLIN/MÜNCHEN/WÜRZBURG
Zahl der Arztfehler steigt
Patienten reichten mehr Anträge bei Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen ein
Immer mehr Patienten fühlen sich fehlerhaft behandelt und wenden sich mit ihren Klagen an Gutachter der Ärzteschaft. Zudem steigt die Zahl der offiziell registrierten Kunstfehler von Ärzten in Deutschland. Nach der aktuellen Statistik der Bundesärztekammer in Berlin wurden im vergangenen Jahr 11 107 Anträge zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern eingereicht, davon haben die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den jeweiligen Landesärztekammern 7452 Anträge bearbeitet, 97 mehr als im Jahr 2010.
Die Gutachter stellten bei fast 70 Prozent ihrer Entscheidungen allerdings keinen Behandlungsfehler fest. In 2287 Fällen ermittelten sie einen Behandlungsfehler oder Risikoaufklärungsmangel (88 mehr als in 2010). Davon hätten in 1901 Fällen die Patienten Anspruch auf Entschädigung (2010 in 1821 Fällen), in den anderen dagegen nicht. Bei 99 Patienten habe der Behandlungsfehler zum Tod geführt.
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An die Gutachterstelle bei der bayerischen Landesärztekammer wandten sich 1023 Patienten, um eine ärztliche Behandlung überprüfen zu lassen. Das sei die höchste Zahl seit der Gründung der Einrichtung im Jahr 1975, hieß es aus München.
Die Dunkelziffer der Behandlungsfehler wird weit höher vermutet, ebenso die Zahl der Todesfälle. Ewald Kraus aus Margetshöchheim, Vorsitzender der Notgemeinschaft Medizingeschädigter in Bayern, berät täglich am Telefon Betroffene. Er glaubt, dass die Schätzungen des Aktionsbündnisses Patientensicherheit eher der Realität entsprechen. Danach kommt es pro Jahr in Deutschlands Krankenhäusern bei rund 184 000 Patienten zu Behandlungsfehlern, 18 400 Menschen sterben wegen „Schäden durch fehlende Sorgfalt“, so Kraus. Die Angaben in der Bundesärztekammerstatistik zeigten nur die „Spitze des Eisbergs“. Zudem würden viele Patienten gar keinen Antrag stellen.
Davon gehen auch die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen aus. Sie schätzen, dass durch sie nur „gut ein Viertel aller vermuteten Arzthaftungsfälle in Deutschland“ bewertet wird – und das, obwohl das Verfahren für den Patienten gebührenfrei ist. Ewald Kraus rät allerdings: „Wer es sich leisten kann, sollte für die Klärung eines Schadensfalls einen privaten Gutachter beauftragen.“ Das Aktionsbündnis Patientensicherheit empfiehlt zuerst das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder dem leitenden Klinikdirektorium. Viele Krankenhäuser hätten auch eigene Beschwerdestellen eingerichtet. Neben den Gutachter- und Schlichtungsstellen bei den Ärzte-, Zahnärzte- oder Psychotherapeutenkammern böten teilweise auch die Krankenkassen Betroffenen kostenfreie Unterstützung an.
„Überall wo Menschen arbeiten, passieren Fehler – auch in der Medizin“, räumte Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik für 2011 in Berlin ein. „Eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es nie geben. Die leichte Steigerung der Patientenanträge wie der Behandlungsfehler führte Crusius auf wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema „Ärztepfusch“ zurück.
Wie in den vergangenen Jahren gab es die häufigsten Vorwürfe von Patienten nach Hüft- und Knieoperationen sowie nach Behandlungen von Armbrüchen und Brustkrebs. Viele der 99 Todesfälle gingen darauf zurück, dass es nach einer Klinikoperation zu einer Infektion mit Blutvergiftung kam, wie der Geschäftsführer der norddeutschen Schlichtungsstelle, Johann Neu, erläuterte.
Mit Material von dpa
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