publiziert: 28.05.2010 18:32 Uhr
aktualisiert: 28.05.2010 18:33 Uhr
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Eine unbekannte Schöne

Im Süden Ungarns: Als Kulturhauptstadt Europas 2010 wurde Pécs aus dem Dornröschenschlaf geküsst

Die grenzenlose Stadt. Unter diesem Motto präsentiert sich Pécs, die erste ungarische Kulturhauptstadt Europas und zugleich die unbekannteste – im Vergleich zu Essen und Istanbul, mit denen Pécs den Titel in diesem Jahr teilt. Hunderte Veranstaltungen stehen noch bis Jahresende auf dem Programm und sollen viele Besucher nach Südtransdanubien locken. Pécs, Tor zum Balkan genannt, ist jedoch nicht nur deshalb eine Reise wert.

Mit dem Kulturhauptstadttitel kommen nicht nur Kultur, sondern auch die Eigenheiten der Pécser ans Licht. Grenzenlos soll in der Stadt selbst die Liebe sein, endlos, für immer. Da die Liebe sich aber bekanntlich nicht vorschreiben lässt, wo sie hinfällt oder wie lange sie anhält, wollen ihr verliebte Pärchen ein Schnippchen schlagen. Sie kaufen ein Vorhängeschloss, schreiben darauf ihre Namen, gehen unweit des Domes in die Janus Pannonius Straße und schließen fest entschlossen ihre Liebe an einen Zaun – als Symbol dafür, dass sie fortan untrennbar miteinander verbunden sind. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird der Schlüssel in den nächsten Gully geworfen. Mittlerweile hängen in der Straße Tausende Schlösser an mehreren Zäunen, sogar Handschellen. Nicht bekannt ist, ob mit dieser Tradition sich tatsächlich die Liebe für immer anketten ließ, oder ob nicht doch so manches Schloss wieder geknackt wurde – weil es sich als Luftschloss entpuppte.

Mediterranes Flair

Auch so manche Bauvorhaben in der Stadt sind noch Luftschlösser. Sie werden jedoch, so wird vom Pécser Kulturhauptstadtchef Csaba Ruzsa versichert, dank der mit dem Titel verbundenen EU-Gelder auf den Boden geholt und verwirklicht – nicht komplett im Jahr 2010, aber vielleicht im nächsten Jahr. Oder noch später. Denn etliche Hürden mussten überwunden werden. Deshalb begann die „Schönheitskur“ einfach zu spät. Aber eine Stadt wie Pécs, eine der ältesten in Ungarn, die im Lauf ihrer Geschichte etliche Umwälzungen erlebt hat, hat Zeit oder nimmt sich eben die Zeit. Schließlich sind die Ziele hochgesteckt und zukunftsweisend: weniger Autoverkehr in der Stadt, Wiederbelebung toter Plätze, ein rund fünf Hektar großes neues Kulturviertel, ein Konferenz- und Konzertzentrum, eine Bibliothek, die als Wissenszentrum der Region fungieren soll.

Mit diesen Planungen wurde die Stadt nicht gerade sanft aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Der Kuss des Prinzen in Gestalt des Kulturhauptstadttitels verwandelte Pécs an vielen Stellen zur hektischen Baustelle. So war zum Beispiel bis in den April hinein der zentrale Platz, der Széchenyi Platz, von Bauzäunen umstellt, ein Teil der Fußgängerzone gesperrt und sogar der Haupteingang des Kulturhauptstadtbüros noch nicht fertig geplattet. Was sich jedoch bereits im neuen Gewand präsentiert, macht Laune und hebt den mediterranen Charakter der Stadt zusätzlich hervor. Wer in einem der vielen Straßencafés sitzt, fühlt sich südlicher als in der südlichsten Region Ungarns – und an manchen Stellen auch viel östlicher – im Orient. In Ungarn gibt es keine Stadt, in der sich mehr Bauwerke aus der Osmanenzeit erhalten haben als in Pécs. 1526 vernichteten die Türken bei Mohács das Heer des Königreichs Ungarn. Der Name der kleinen Stadt an der Donau, rund 40 Kilometer östlich von Pécs, wurde zum geflügelten Wort. Noch heute heißt es bei einschneidenden und tragischen Ereignissen, bei einer persönlichen Katastrophe: „Das ist mein Mohács.“ Auch Pécs geriet nach und nach unter osmanische Herrschaft. Fast eineinhalb Jahrhunderte waren Sultane die Herren der Stadt. Am Széchenyi Platz steht ein Zeugnis aus dieser Zeit. Die innerstädtische Pfarrkirche war unverkennbar einst eine große Moschee, eine Dschami, benannt nach dem Pascha Gasi Khasim. Er ließ 1579 die gotische Bartholomäuskirche abtragen und erbaute an gleicher Stelle ein mohammedanisches Gotteshaus. 1686 endete die Herrschaft der Osmanen in Pécs. Die Stadt wurde wieder katholisch, in den Halbmond auf der Kuppel der Moschee ein Kreuz eingearbeitet, das Minarett in einen Kirchturm verwandelt. Heute zeigt sich die Kirche weitgehend im ursprünglichen Zustand.

Die Türkenkriege hinterließen wüstes Land. Im von Pécs verwalteten Komitat Baranya gab es Ende des 17. Jahrhunderts nur noch rund 3000 Einwohner. Deshalb wurden deutsche Bauern angeworben. Sie wurden einheitlich Schwaben genannt, obwohl auch viele Pfälzer und Hessen darunter waren. Das Gebiet um Pécs wurde zur „Schwäbischen Türkei“. Doch auch andere Ethnien zog es im Lauf der Zeit in den Süden Ungarns und nach Pécs. Heute sind dort unter anderen Serben, Kroaten, Roma, Griechen und Ukrainer zu Hause. Die größte Gruppe sind die Donauschwaben: 100 000 leben in ganz Ungarn, allein in Pécs 15 000.

Womöglich leben auch Nachfahren der Römer in der Stadt, die vor über 2000 Jahren die günstig gelegene Siedlung am südlichen Abhang der Mecsek-Berge eroberten. Damals hieß Peæs Sopianae. Später nannten die Römer den Ort „Quinque basilicae“ und machten ihn zum Zentrum der Provinz Valeria innerhalb Pannoniens. Aus Quinque basilicae wurde im Mittelalter Quinque Ecclesiae, zu Deutsch: Fünfkirchen. 1235 tauchte erstmals in einer Urkunde der Name Pechut (Péscer Straße) auf. Die Bedeutung des heutigen Namens Peæs ist umstritten.

Während der Römerzeit entwickelte sich Sopianae zum frühchristlichen Zentrum. Aus spätrömischer Zeit hat sich unterhalb des heutigen Domhügels ein Friedhof mit ausgemalten Grabkammern erhalten. Er zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Damit befindet sich Pécs mit seinen Kulturhauptstadtkolleginnen Essen und Istanbul auf gleicher Höhe. Ihr südliches Flair und ihre lange Geschichte müssen nur noch entdeckt werden. Wenn nicht in diesem Jahr, dann später. Die unbekannte Schöne hat Zeit.

Tipps zum Trip

Information: Ungarisches Tourismusamt, Lyoner Straße 44 - 48, 60528 Frankfurt; Tel. (069) 92 88 460. Internet: www.ungarn-tourismus.de Infos zum Veranstaltungsprogramm im Kulturhauptstadtjahr: www:pecs2010.hu (auch auf Deutsch). Tipp: Am 15. August beginnt zum Beispiel die Bauhaus-Ausstellung, die ab 15. November auch in Berlin zu sehen ist. Pécs (sprich Peetsch) ist mit fast 160 000 Einwohnern (davon 30 000 Studenten) die fünftgrößte Stadt Ungarns. Sie liegt 200 Kilometer südlich von Budapest und ist von dort aus per Zug oder über die neue Autobahn erreichbar. Das östliche Ufer des Plattensees ist 150 Kilometer entfernt. Berühmte Söhne der Stadt sind der Bauhaus-Architekt und -Designer Marcel Breuer sowie der Op-Art-Künstler Victor Vasarely (mit Museum mitten in der Stadt). Unterkunft: Der Reiseveranstalter Dertour zum Beispiel bietet im Städtereisen-Katalog Transfers vom Budapester Flughafen zum gebuchten Hotel in Pécs wie das Jugendstil-Hotel Palatinus mitten in der Altstadt oder das Bauhaus-Hotel Kikelet hoch über der Stadt. Zsolnay: Weithin bekannt ist die 1852 in Pécs gegründete Steingut- und Porzellanmanufaktur der Familie Zsolnay. Der künstlerische Vilmos Zsolnay entwickelte neue Keramikmaterialien und Glasuren; etwa den gefrierfesten Pyrogranit und die metallisch-grün-schimmernde Eosin-Glasur. In Pécs gibt es viele Häuser mit Dekorelementen aus dem Hause Zsolnay. Im Zsolnay-Museum mitten in Pécs sind kunstgewerbliche Produkte zu sehen. Auf dem Fabrikgelände im Osten der Stadt entsteht das neue Kulturviertel. Wein: 30 Kilometer südöstlich von Pécs befindet sich rund um Villány Ungarn südlichstes Weinanbaugebiet, bekannt vor allem für seine Rotweine. Führungen und Verkostungen in deutscher Sprache bietet zum Beispiel das Weingut Vylyan an: www.vylyan.hu

Von unserem Redaktionsmitglied Christine Jeske
    
    

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