publiziert: 05.04.2011 11:30 Uhr
aktualisiert: 05.04.2011 11:34 Uhr
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Der Wind dreht sich

Die Atomkatastrophe in Japan drängt Kernkraftgegner nicht nur auf die Straße. Immer mehr Verbraucher wollen jetzt auf Ökostrom umsteigen.
Berlin/Würzburg

Wer vom Atomkonzern zum Ökostromhändler wechselt, bringt mit seinem persönlichen Atomausstieg die Atomkonzerne unter wirtschaftlichen Druck, stellt Hans-Josef Fell fest, Energiepolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion aus Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen). Je mehr Kunden die Atomkonzerne verlören, desto schneller müssten sie Atomkraftwerke abschalten. Immer mehr Stromkunden denken wie Fell. Seit Beginn der Atomkatastrophe in Japan reißen sie sich um Ökostrom aus alternativen Energiequellen.

Das gilt besonders für auf solche Tarife spezialisierten Anbieter, aber auch klassische Energieversorger stellen einen drastischen Anstieg der Kundenzahlen fest. Bei den Würzburger Stadtwerken haben allein vergangene Woche 70 Ökostrom-Interessenten angefragt, sagt Ulrike Stöcker, Sprecherin der Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH. Im Strom-Mix der WVV ist nach Stöckers Angaben zu 24 Prozent Energie aus Wasserkraft, die in Österreich eingekauft wird. Trotz der erhöhten Nachfrage gebe es hier keinerlei Engpässe.

Auch bei den Schweinfurter Stadtwerken ist die Nachfrage nach Ökostrom stark gestiegen, so Unternehmenssprecher Jörg Sacher. Wegen der Entwicklung sei das Unternehmen gerade „in der Entscheidungsfindung, sich neu zu positionieren“. Die Produktpalette soll ökologischer werden, konkreter will Sacher erst in den kommenden Tagen werden.

Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Da werde viel geschwindelt, warnen Experten und weisen darauf hin, dass Strom teuer verkauft wird, auch wenn er etwa aus bis zu 100 Jahre alten Wasserkraftwerken stammt. Nur wenn durch den Ökostrom der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werde, sei der Strom wirklich ökologisch. Deswegen empfiehlt das Bündnis „Atomausstieg selber machen“ nur die reinen Ökostromanbieter. Wobei Experten wissen, dass Stadtwerke wie die in Würzburg und Schweinfurt in einer besonderen Situation sind. Die Gewinne aus dem verkauften Strom-Mix helfen, defizitäre Bereiche wie den Öffentlichen Personennahverkehr zu finanzieren.

Beim nach eigenen Angaben größten deutschen Ökostromanbieter, dem unabhängigen Hamburger Unternehmen Lichtblick, wurden in den vergangenen beiden Wochen rund 800 Neuverträge täglich abgeschlossen, etwa dreimal so viele wie vor den Ereignissen in Japan. Lichtblick hat bereits mehr als eine halbe Million Kunden. Ein weiterer reiner Ökostrom-Anbieter, die Genossenschaft Greenpeace Energy, berichtet von einer Verachtfachung der Kundenzahl seit Beginn der Nuklearkatastrophe. Eine Fortsetzung des Trends sei möglich, so ein Unternehmenssprecher.

„Deutlich gestiegen“ ist die Nachfrage nach Ökostrom auch bei Deutschlands größtem Energiekonzern E.ON, der auch Atomkraftwerke betreibt. Der Anteil der Kunden mit Ökostrom-Tarifen liege aber erst im einstelligen Prozentbereich. RWE, Deutschlands Energieriese Nummer zwei, sieht keinen „signifikanten Anstieg“ der Nachfrage nach Ökostrom. Bisher liegt der Anteil des entsprechenden Tarifs auch erst im Promillebereich – nur 1300 von 3,5 Millionen Kunden haben ihn gebucht.

Einen längerfristigen Anstieg der Nachfrage beobachtet das Verbraucherportal toptarif.de: 2008 entschieden sich nur zehn Prozent der Verbraucher, die über das Portal ihren Stromanbieter wechselten, für Ökostrom – 2009 waren es 20 Prozent, 2010 dann gut 30 Prozent, und seit Fukushima liegt der Anteil bei 65 Prozent. Die Preise, die Stromkunden für die grünen Tarife bezahlen, sind unterschiedlich. Portale wie toptarif.de oder verivox.de bieten Vergleichsrechner an. Häufig liegen die Angebote sogar unter den klassischen Tarifen des Grundversorgers. Über die künftige Preisentwicklung kann man nach offizieller Einschätzung der Stromunternehmen nur spekulieren. Eine wichtige Rolle spielen die schwer vorauszusagenden Preise an der Strombörse sowie die Netzentgelte. mit material von dpa

Ökostrom

In Deutschland stammt Ökostrom vor allem aus Wasser- und Windkraft. Allerdings ändert sich beim Wechsel zu einem solchen Tarif keineswegs der Strom, der aus der Steckdose kommt. Vielmehr fließt der insgesamt produzierte Strom – also aus Atomkraft, Kohle und alternativen Energien – in einen großen Pool, aus dem wiederum alle Verbraucher versorgt werden. Steigen mehr Verbraucher auf Ökostrom-Tarife um, hat dies zur Folge, dass künftig mehr Mittel in Anlagen zur alternativen Stromerzeugung investiert werden. „Ökostrom“ ist kein geschützter Begriff, deshalb ist nicht jeder Tarif gleich umweltfreundlich.

Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
    
    

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