publiziert: 03.04.2013 18:28 Uhr
aktualisiert: 03.04.2013 20:40 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text BERLIN/SCHWEINFURT
Studie: 3100 Tote durch Feinstaub

Greenpeace prangert Kohlekraftwerke an – GKS Schweinfurt unter den Grenzwerten

Feinstaubpartikel aus deutschen Kohlekraftwerken verursachen jährlich etwa 3100 vorzeitige Todesfälle in Deutschland und Europa. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Universität Stuttgart im Auftrag von Greenpeace. Im Gemeinschaftskraftwerk (GKS) in Schweinfurt, wo jährlich 40 000 Tonnen Steinkohle verbrannt werden, wurde 2012 nach Angaben des Unternehmens eine mittlere Staubbelastung von einem Milligramm pro Kubikmeter Abluft gemessen, ein Bruchteil der zulässigen Menge.

Laut Greenpeace breiten sich die Schadstoffe europaweit über Tausende Kilometer aus. „Bei Kohlekraftwerken kommt der Tod aus dem Schlot“, sagt Gerald Neubauer, Energieexperte von Greenpeace.

Das Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart untersuchte erstmals die atmosphärische Ausbreitung der Schadstoffemissionen und zeigt auf, welche Gesundheitsschäden die 67 leistungsstärksten deutschen Kohlekraftwerke verursachen. Grundlage für die Berechnungen lieferten Emissionsdaten aus dem Europäischen Schadstofffreisetzungs- und Verbringungsregister für das Jahr 2010 und bekannte epidemiologische Studien zu den Gesundheitsfolgen von Feinstaub. Die 67 Kohlekraftwerke führten danach zum Verlust von insgesamt 33 000 Lebensjahren. Dies entspricht einer statistischen Zahl von 3100 Todesfällen.

Kritik an der Stuttgarter Studie äußert der europäische technische Fachverband der Strom- und Wärmeerzeugung VGB PowerTech mit Sitz in Essen. Der Anteil von Feinstaub aus allen europäischen Kohlekraftwerken betrage nur wenige Prozent der vom Menschen hervorgerufenen Feinstaubemissionen, erklärte der Fachverband unter Berufung auf Messungen des Umweltbundesamtes.

Unter den zehn schädlichsten Anlagen sind neun Braunkohlekraftwerke. Keine Braunkohle, sondern 40 000 Tonnen Steinkohle landen pro Jahr auf den Rosten der zwei Kohledampfkessel-Anlagen des Gemeinschaftskraftwerks am Hafenbecken in Schweinfurt (GKS). Die Feinstaubbelastung wird am GKS nicht gemessen – die gesamte Staubbelastung der Luft, zu der der Feinstaub gehört, dagegen schon. Permanent aufgezeichnet wird die Staubbelastung am Kamin. Der Grenzwert für den Kohleteil liegt bei 20 Milligramm je Kubikmeter Abluft. Notiert wurde für das Jahr 2012 eine mittlere Belastung von einem Milligramm – also von fünf Prozent der zulässigen Menge.

Für den Müllteil am GKS gilt ein Grenzwert von zehn Milligramm je Kubikmeter. Ermittelt wurde für 2012 ein Langzeitwert von 1,2 Milligramm, erklärte am Mittwoch auf Anfrage Prokurist Otmar Walter, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des GKS.

Kohle- wie Müllteil erfüllen die Hocheffizienzkriterien der EU, weshalb die Fernwärme aus dem GKS als Ersatz für Wärme aus erneuerbaren Energien zählt. Mit der Inbetriebnahme des GKS vor 25 Jahren ging die Staubbelastung in Schweinfurt zurück, da moderne Technik in die Jahre gekommene Heizkraftwerke der Stadtwerke, fünf Heizwerke der Industrie und das Heizwerk der Amerikaner am John-F.-Kennedy-Ring ablöste.

Die Filtertechnik am GKS wurde mehrfach nachgerüstet und gilt als „auf dem modernsten Stand der Technik“, so Walter. Herzstück sind die Gewebefilter. Der Rauch aus den Kesseln wandert zuerst durch die Entstickung, wird anschließend grob entstaubt, ehe er nach dem Sprühtrockner in die Gewebefilter gelangt. Der von den Feststoffen befreite Rauch durchläuft zuletzt die Nassreinigung, in der Gase ausgewaschen werden.

Derzeit wird im GKS Importkohle aus Südafrika, Polen, Australien, Russland und Amerika getestet, da im Jahr 2018 der deutsche Steinkohleabbau nicht mehr subventioniert wird und die Zechen schließen. Das GKS wird 2016 auf Importkohle umstellen. „Billig wird die Nachrüstung hierfür nicht“, sagt Geschäftsführer Ragnar Warnecke, der die Brennwerte der Auslandskohle schlechter einstuft als die der Kohle aus dem Ruhrpott. Mit Informationen von dpa

Unsichtbare Gefahr

Feinstaub ist nicht mit dem bloßen Auge erkennbar. Man unterteilt ihn nach seiner Größe in inhalierbaren Feinstaub (aerodynamischer Durchmesser unter zehn Mikrometer) und lungengängigen Feinstaub (aerodynamischer Durchmesser unter 2,5 Mikrometer beziehungsweise unter einem Mikrometer). Je kleiner die Partikel, desto leichter und tiefer dringen sie in die Atemwege ein.

Bei Menschen mit Atemwegserkrankungen verstärkt Feinstaub die Symptome. Die Partikel können sich unter anderem an den Bronchien ablagern und bei Asthmatikern zu Kurzatmigkeit führen. Außerdem können sie in die Lungenbläschen eindringen. Der Körper wehrt sich dann gegen den Fremdkörper und beschädigt dabei das Lungengewebe. Dadurch steigt unter anderem das Lungenkrebsrisiko. Text: schsa

Von unserem Redaktionsmitglied Gerd Landgraf
    
    

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»Alle 11 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

m.engelmann (70 Kommentare) am 07.04.2013 11:25

Mehr Fakten bitte @ Du_di_ned_oo

Spanien verbraucht weniger als die Hälfte der Primarenergie Deutschlands und kann durch (weitgehend beständige!) Wasserkraft 4,73% seines Primärenergiebedarfs decken, Deutschland nur zu 1,44% ohne bedeutende Steigerungsmöglichkeiten.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Staaten_mit_dem_h%C3%B6chsten_Energieverbrauch#L.C3.A4nder_nach_Energietr.C3.A4gern
Abgeschaltet wurde in Spanien das älteste KKW mit einer Leistung von 446 MW, nach Angaben des Betreibers wegen der Energiesteuer ab 2013! (Das KKW Grafenrheinfeld hat z. b. eine Nettoleistung von 1275 Megawatt!)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_kerntechnischen_Anlagen_in_Spanien
Zudem weiß niemand von uns, welche Überkapazität in Spanien bestehen, angesichts der stagnierenden Wirtschaft. Und Portugal spielt im Energieverbrauch und Erzeugung unter den ersten 40 der Welt keine Rolle! Was soll also der Hinweis auf Portugal?
Wo kommt hier der Strom her, wenn WKA und PV große Teile des Tages nichts liefern?
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grayjohn (3485 Kommentare) am 04.04.2013 11:14

Sensation & Katastrophen...

weniger wäre manchmal mehr.

Anstatt dass sie ständig die Menschen mit irgendwelchen extrapolierten Zahlen schocken "bis es nicht mehr geht", wünsche ich mir von Organisationen wie auch Greenpeace Ernst zu nehmende Analysen und Prognosen.

Ich will die Feinstaub-Problematik nicht ignorieren, aber dadurch dass man gegen "alles" protestiert, wird die Sache nicht besser.

Liebe Verantwortliche: hat Euch schon mal jemand die Geschichte von dem Jungen erzählt, der immer gerufen hat: "der Wolf ist da"? Bis der eines Tages wirklich kam und das niemand mehr glauben wollte?

Schärft den Menschen den Blick auf das Wesentliche: Zerstörung der Ökosysteme durch Raubbau, Verunreinigung der Luft und des Wassers, Verknappung und Verteuerung der Ressourcen. Aber bitte nicht hochstlisieren - das ist genau so wenig nachhaltig wie die derzeitige Art des globalen Wirtschaftens!

Zeigt auf, was gemacht bzw. bleiben gelassen werden muss/ was jede/r von uns dazu tun kann! Das ist, was ich mir wünsche.
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m.engelmann (70 Kommentare) am 04.04.2013 09:42

Ergänzung und Fragen

Was soll uns dieser Artikel eigentlich sagen?
Daß das Wohnen neben solchen Anlagen lebensgefährlich ist?
Ich verstehe schon seit 25 Jahren nicht, daß meine vergleichsweise saubere Ölheizung jährlich für teures Geld (und bisher "für die Katz") auf Abgase und Russ überprüft wird, während wir oft vor Gestank und Ruß die Fenster nicht zum Lüften aufmachen können, glühenden Rußflocken Polster auf dem Balkon durchlöchern, nur weil in der Umgebung ohne jegliche Kontrolle "umweltfreundliche nachwachsende Rohstoffe" verschürt werden. Noch dazu muss man den Mund halten und dies alles ertragen, um den Nachbarnschaftsfrieden zu wahren. So sieht es in unserem Land aus.
Liebe Redaktion: Sachliche Aufklärung tut not!
Vielleicht lesen Sie mal in nachfolgenden Artikel nach, der bereits 2006 in der ZEIT erschien: http://www.zeit.de/2006/19/U-Holz_fen_xml
Vielleicht relativiert sich dann so manche Todesangst, die mit diesem Artikel und der heutigen Karikatur wieder geschürt wird.
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ropel (678 Kommentare) am 04.04.2013 21:09

hallo m.engelmann

vor jahren hat bei einem haus der schlot ganz dunkel gequalmt. ich habe dann sofort am haus geläutet und den eigentümer darauf aufmerksam gemacht. ihn hat es wenig berührt, er wußte anscheinend daß die heizung nicht richtig funktioniert, bzw. er verschürt altreifen.
der dunkle qualm hat aber dann doch einmal aufgehört und der nachbarschaftsfrieden hat nicht gelitten.

wenn Sie sich nicht trauen den nachbarn darauf anzusprechen, dann durch die hintertür, d.h. anonym beim kaminkehrermeister etc.
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OPS (1298 Kommentare) am 04.04.2013 08:53

Übrigens...

Die Deutsche Energiewende führte zu einem starken ansteigen der Kohlekraftnutzung in Deutschland. Diese ist deutlich stärker gestiegen als die Nutzung Erneuerbarer Energien. Überhaupt ist Kohlekraft der am schnellsten steigende Energieträger der Welt.

Die Proteste von "Umweltschützern" (Greenpeace an vorderster Front) gegen Neubauvorhaben bei der Kohlekraft führt dazu, dass neue, feinstaubarme Kohlekraftwerke nicht gebaut werden, und uralte Dreckschleudern weiter betrieben werden.

Außerdem: Jährlich 3100 Tote durch den Feinstaub aus Kohlekraftwerken in Europa. Die Anzahl der Toten durch Unfälle in der westlichen Kernkraft liegen seit 1960 bei unter 10 (insgesamt, nicht pro Jahr).

Ich sag's nur.
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