TAUBERTAL

Folge 35: Im Taubertal ist der Weg das Ziel

Mit dem Motorrad zwischen Creglingen, Kloster Bronnbach und Wertheim herumzukurven ist ein Erlebnis, das sich nicht allein auf den Fahrspaß beschränkt.

"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen“, bekannte schon Johann Wolfgang von Goethe. Am lieblichen Taubertal hätte der Dichter bestimmt Gefallen gefunden – sei es an der herrlichen Natur, den kulinarischen Freuden – oder an beidem.

In dieser Region auf „Bayerische Wellness“ zu stoßen, ist zumindest aus geografischer Sicht erstaunlich. Und tatsächlich geht es in Tauberrettersheim lediglich um einen Werbegag im „Landgasthof zum Hirschen“, wo man im Biergarten den Blick auf Tauber und Tauberbrücke genießen kann.

Wer in dem Lokal „einmal Bayerische Wellness“ bestellt, bekommt eine Schweinshaxe mit einem Salvator-Bockbier serviert, wie der Wirt lachend erklärt. Und schon mancher Gast soll nach mehreren „Anwendungen“ heilfroh gewesen sein, dass es im Ort diverse Übernachtungsmöglichkeiten gibt.

Das malerische Taubertal, an der Romantischen Straße gelegen, gehört mit seinen Burgen und Schlössern, den mittelalterlichen Städten und Dörfern, den Weinbergen und Flüsschen zum Besten, was die Region zu bieten hat. Nicht umsonst kommen Jahr für Jahr die Touristen in Scharen, erkunden die Gegend per Bus und Bahn, mit dem Auto, per Rad oder zu Fuß. Eine richtig gute Alternative ist eine Motorradtour – auch wenn die Temperaturen in diesem Frühling noch zu wünschen übrig lassen.

Für Gerd, Karin, Jürgen, Margit und Detlef sind solche Verhältnisse kein Hindernis, sondern Routine – allenfalls eine Frage von richtiger Kleidung. Die Fünf kennen sich schon lange, treffen sich mit weiteren Bekannten oft sonntags in Kist zu Motorradtouren. Die „Moppedfreunde Kist un ausserümm“ (MF Kist) kennen folglich die schönsten Ecken der Region: Es dürfte nicht allzu viele Kurven im Spessart, in der Rhön, im Steigerwald oder eben im Taubertal geben, die sie noch nicht in Schräglage durchfahren haben.

Für mich hingegen ist dieser Ausflug so etwas wie eine Reise in die Vergangenheit – vor etwa 15 Jahren war ich das letzte Mal mit einer alten Honda 500 unterwegs. Entsprechend „hauteng“ sitz die Lederjacke aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, gekauft für einen Kerl mit zarten 70 Kilo, nicht 83.

Die Tour hat Detlef ausgeguckt, Orte und Abzweigungen übersichtlich auf ein Blatt Papier notiert: 222 Kilometer auf kleinsten Sträßchen von Kist ins Taubertal und zurück – über Aub, Creglingen, Röttingen, Bad Mergentheim, Tauberbischofsheim und Wertheim, um nur die bekanntesten Orte zu nennen.

Zum „Schlusshock“ geht es in die Kartause Grünau, eine ehemalige Klosteranlage aus dem 13./14. Jahrhundert. Nach langer Renovierungspause ist das idyllisch im Spessart gelegene Lokal wieder geöffnet, das für seine Fischgerichte bekannt ist und auf regionale Produkte setzt. Die Kartause zählt zu den Lieblingsplätzen der „Moppedfreunde“ – um den Abstecher aus dem Taubertal Richtung Schollbrunn zu erläutern. Denn gute Einkehrmöglichkeiten hätte es vorher natürlich genug gegeben.

Die intensivsten Eindrücke des Tages aber, das sei betont, gibt es bisweilen „irgendwo im Nirgendwo“: Vor Aub etwa hoppelt ein Hase übers weite Feld – als wär's ein Gruß der besonderen Art. Die engen Serpentinen der Kreisstraße 2894 hinunter nach Craintal sehen schon von oben spektakulär aus. Beim „Runterkurbeln“ bin ich heilfroh, dass Jürgen eine BMW R 1200 GS fährt: Ich sitze sicher, um nicht zu sagen komfortabel, auf dem Sozius.

Nach kurzer Eingewöhnungsphase ist mein Vertrauen zum Mann vor mir so groß, dass ich mich ohne Bauchschmerzen mit in die Kurven lege. Unten in Craintal geht es vorbei am Fachwerk-Rathaus mit seinem Glockentürmchen sowie an der alten Walzenmühle, in der Piloten und Stewardessen geschult werden.

Sehenswürdigkeiten und Motorradtour – das passt nicht zwangsläufig gut zusammen. Natürlich wäre es reizvoll, am Auber Schloss einen Stopp einzulegen oder in Creglingen das weltberühmte holzgeschnitzte Altarbild von Tilman Riemenschneider zu betrachten.

Aber irgendwie treibt es einen immer weiter, der Weg ist das Ziel, Kurven, Fahrtwind und Ausblicke machen auf ihre ganz eigene Art glücklich. Und schließlich lässt sich Sehenswertes wie beispielsweise der Wildpark in Bad Mergentheim, Schloss Weikersheim, der Stammsitz derer von Hohenlohe oder das weithin bekannte Kloster Bronnbach ja auch bei anderer Gelegenheit angemessen würdigen.

Es sind die Blicke in die Landschaft, die begeistern: etwa in Alleen, wo man zwischen den Bäumen fast schon kitschig schöne Täler überblicken kann. Oder die terrassierten Weinberge auf dem Sträßlein zwischen Bronnbach und Reicholzheim, die nicht mehr bewirtschaftet werden.

An diesem frösteligen Sonntag doppelt gefordert ist Fotograf Thomas Obermeier: Er hat nach der langen Winterpause gut zu tun, sich und seine Enduro heil durchs kurvige Geläuf zu bringen – und soll nebenbei auch noch gute Stopps für Aufnahmen erspähen. Eine Illusion, „die Strecke hat meine volle Konzentration gefordert“, bekennt er freimütig. Also beschränken wir uns letztlich auf ein paar Panoramapunkte und nutzen die drei Stopps für Fotos.

In Tauberrettersheim bestellen wir aus naheliegenden Gründen Suppe und Kaffee statt Wellness mit Haxe und Salvator. Wer von der Romantischen Straße abbiegt Richtung Ort, passiert die Balthasar-Neumann-Brücke, eine der schönsten Brückenanlagen des Taubertals. 1733 wieder errichtet, gibt eine Schrift der Nachwelt Kunde vom Einsturz im Jahr zuvor: „Gott wolle alle gnädlich bewahren, die über diese Brücken gehen, reiten oder fahren“.

„Die Strecke hat meine volle Konzentration gefordert.“
Fotograf Thomas Obermeier

Stopp zwei ist für die Kister sozusagen ein Pflichttermin – ohne ein Stück Torte aus dem Schlosscafé in Tauberbischofsheim geht eine Tour in diese Gegend eigentlich nie aus. Dort gegenüber grüßen das Kurmainzische Schloss und der Türmersturm, das Wahrzeichen der Stadt.

Für einen Rundgang durch die engen Gassen des Zentrums mit fränkischen Fachwerkhäusern, Kirchen und Kapellen sollte auf alle Fälle Zeit sein. Bei dieser Tour streifen wir Bad Mergentheim nur, lassen das größte Kur- und Heilbad Baden-Württembergs links liegen. Die Stadt hat sich in den vergangenen 20 Jahren einen Namen gemacht durch ihre sommerliche Konzertreihe „Lieder im Schloss“ mit Größen wie Bryan Adams, Sting, Supertramp oder Santana. Heuer kommt am 6. Juli Bob Dylan in die Stadt.

Am Ende dieses Ausflugs steht für mich fest: Einzelne Passagen dieser 222 Taubertal-Kilometer muss ich unbedingt noch mal in Etappen mit dem Mountainbike abfahren und ausführlicher genießen. Und insgeheim gebe ich zu: Bei Gelegenheit wäre ich auch gern wieder bei einer Motorradtour mit dem MF Kist mit von der Partie. Ja ich habe sogar wieder richtig Lust bekommen, Motorradfahren selbst wieder auszuprobieren. Genau das hatte ich beim Start in Kist noch definitiv ausgeschlossen.

Aber, um es erneut mit Goethe zu sagen: „Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen.“

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Balthasar Neumann
Bob Dylan
Bryan Adams
Fotografinnen und Fotografen
Geographie
Honda
Johann Wolfgang von Goethe
Klöster
Sting
Supertramp
Taubertal
Tilman Riemenschneider
Wellness
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen