MAIDBRONN

Folge 57: Abschied des Meisters

111 Dinge, Folge 57: Die Beweinung Christi in Maidbronn gilt als das letzte und reifste Werk des Würzburger Bildhauers Tilman Riemenschneider. Lassen Sie seine Eindringlichkeit auf sich wirken.
Gesichter voller Leid: Die Bildsprache des Riemenschneideraltars in Maidbronn will den Betrachter in die Trauer um den Gekreuzigten einbeziehen.
Foto: Theresa Müller | Gesichter voller Leid: Die Bildsprache des Riemenschneideraltars in Maidbronn will den Betrachter in die Trauer um den Gekreuzigten einbeziehen.

Wer das Örtchen Maidbronn (Lkr. Würzburg) nicht kennt oder höchstens zufällig einmal durchgefahren ist, der weiß vermutlich kaum um Tilman Riemenschneiders „letztes und reifstes Werk“, wie es auf der Homepage des Bistums Würzburg zur Kuratie in Maidbronn heißt. Gemeint ist die „Beweinung Christi“, das Sandsteinrelief des Künstlers in der Kirche St. Afra, die einst zum Zisterzienserinnen-Kloster gehörte. 1525 wurde dieses Kloster von aufständischen Bauern geplündert und niedergebrannt. Fürstbischof Julius Echter löste es 1581 auf.

Ein weiterer Blick zurück: 1235 kamen die Zisterzienserinnen nach Maidbronn. Nun bestimmten die Klostergebäude das Bild des Örtchens. Von der ehemaligen Klosterkirche ist der östliche Teil erhalten geblieben und dient heute noch der Gemeinde als Gotteshaus. Der westliche Teil fehlt, sodass die Kirche hinter dem Dachreiter wie abgeschnitten scheint. An der südlichen Längsseite der Kirche schlossen sich früher im Rechteck lange Bauten des Klosters an, Monumente steinerner Kirchenkunst. Heute sind diese Mauern teilweise noch zu erkennen, allerdings überdeckt von mehr oder weniger privaten Auf- oder Ersatzbauten.

Die kleine Kirche ist fast immer den ganzen Tag für Besucher geöffnet. In den Frühjahrs- und Sommermonaten halten die dicken Mauern die Wärme draußen, und so können Besucher im kühlen Innenraum nicht nur rasten und sich von der Wärme erholen, sondern sich auch ins Gebet vertiefen oder sich nachdenklich auf die Geschichte einlassen.

Riemenschneiders Werk vermittelt Vergangenheit und Gegenwart, denn sein in Stein gebrachtes Leben und Sterben gilt damals wie heute. Der Raum ist erfüllt von der ausdrucksvollen stillen Klage um den toten Jesus. Die steinerne Szene kann den gläubigen Betrachter anregen, das Leid im eigenen Leben vor Gott zu tragen – in dem Bewusstsein, dass sich in Jesu Sterben Gott selbst an die Seite der Leidenden stellt. Tilman Riemenschneider war ein sehr gläubiger Mann, „seine Werke wurden in tiefer Frömmigkeit erst durchbetet und dann aus zartem Holz oder hartem Stein gehauen“, heißt es im Archiv des Fränkischen Volksblattes (12. Oktober 1963).

Die Beweinung Christi, ursprünglich als Votivbild für die Grabstätte der Familie von Grumbach bestellt, wurde zum Altarbild der ehemaligen Klosterkirche in Maidbronn. Diese, wie auch die Pfarrkirche im benachbarten Rimpar, waren Grablegen der Grumbachs.

Die Vorgeschichte: 1487 starb Eberhard von Grumbach und Til Riemenschneider erhielt den Auftrag für eine Grabplatte. Daraus wurde ein großer Gedenkstein für alle hier ruhenden Grumbacher, heißt es im Archiv weiter. Kunsthistoriker datieren seine Entstehung unterschiedlich etwa zwischen 1519 und 1525. Jedenfalls stürmten 1525 aufständische Bauern das Kloster. Beim Anblick der Verwüstung entschlossen sich die Grumbacher, das Votivbild den Nonnen zu übergeben. Ein Jahr nach dem Bauernsturm wurde es aufgerichtet.

Die furchtbare Tragik des Karfreitags ist erschütternd und lebensnah dargestellt. Maria kniet neben ihrem entseelten Sohn. Mit ihrer linken Hand hält sie die durchbohrte Hand ihres Sohnes, Marias Rechte legt sich um den toten Leib. Josef von Arimathäa, selbst reicher Jude, der sich im Glauben Jesus angeschlossen hatte, richtet den Leichnam auf, gleichsam, als wolle er die Unschuld Jesu aufzeigen. Der Lieblingsjünger Christi, Johannes, legt seine Hand um die Mutter, die ihm vom Meister anvertraut war. Nikodemus, hier in der Gestalt Riemenschneiders, der sich auf diese Weise selbst darstellte, bringt Myrrhe und Aloe, um den Leichnam zu salben, bevor er ins Grab gelegt würde. Maria von Magdala ist erfasst vom tiefen Schmerz, alle weinen und wehklagen über den schmerzlichen Verlust. Die Kälte des Todes lässt die Umstehenden erstarren.

Im Hintergrund wachsen drei Kreuze in den Himmel, offenbar als Tor in eine andere Welt. Über das Bild zur Sterbestunde Christi sagte Kunstkenner Max H. von Freeden: „Die Beweinung in der stillen Kirche von Maidbronn ist von einer vorher und nachher nicht wieder erreichten Innerlichkeit, von echter Größe des Gefühls beseelt.“

Steinmetze haben ihre Zeichen an der Außenfassade der Kirche angebracht. Hier allerdings bröckelt der Stein – und mit ihm die historischen Stempel, wie sie auch an anderen Bauten angebracht wurden. Damit wird es immer schwieriger zu erforschen, ob Kunstschaffende, die diese Zeichen hinterließen, auch andernorts tätig waren.

Der Altar und sein Schöpfer

„Leben und Werke des Bildhauers Tilman Riemenschneider, eines fast unbekannten aber vortrefflichen Künstlers am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts“, war der Titel eines Buches, das Carl Becker 1849 in Leipzig veröffentlichte. Der kunstverständige Laie verfasste damit die erste Monografie über den spätmittelalterlichen Würzburger Bildhauer.

Der gebürtige Heiligenstädter (um 1460) war in seiner Wahlheimat Würzburg zu Ruhm als Künstler, Wohlstand und schließlich Ansehen als Ratsherr gelangt.

Nach dem Bauernkrieg 1525, der für das Landvolk, das die Festung Marienberg stürmen wollte, verheerend ausging, wurde es still um Riemenschneider. Wie die Würzburger Bürger soll er die Sache der Bauern unterstützt und nach verlorener Schlacht im bischöflichen Kerker gefoltert worden sein. 1531 starb er in Würzburg.

Erst im 19. Jahrhundert wurden seine Figuren als spätgotische Meisterwerke wieder entdeckt. Der Maidbronner Altar vom Anfang des 16. Jahrhunderts gilt dem Kölner Kunsthistoriker Holger Simon nicht nur als ein Hauptwerk Riemenschneiders, sondern wegen seiner den Betrachter direkt einbeziehenden Bildsprache schon als Vorläufer der Renaissance nördlich der Alpen. Text: bea

111 Dinge, die Sie in Mainfranken tun müssen, erscheint bis August täglich. Die Serie finden Sie im Netz unter

www.mainpost.de/111Dinge

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