RAMSTHAL

Folge 63: Der Wald ist ein Gedicht

111 Dinge, Folge 63: Die Lyrik entlang des poetischen Wanderweges in Ramsthal hat eine heilsame Wirkung auf die Seele – weil sie zwischen Bäumen intensiver wirkt und manchmal auch zum Lachen reizt.
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In Ramsthal (Lkr. Bad Kissingen) sagt man der „Bödische“. Er gehört zu den 111 Dingen in Mainfranken, die man gesehen – oder in diesem Fall – begangen haben sollte. Nichtfränkisch – also B=P und ö=oe – heißt die Sehenswürdigkeit „Poetischer Waldwanderweg“, führt am Höhenkamm der Ramsthaler Weinbergslagen entlang und ist in dieser Form einzigartig in der Main-Franken-Region.

In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, daß mein Mund ganz im Schatten liegt.

Welch wunderbare Lyrik! Ein Zyklus des Psalms aus „Die gestundete Zeit“ von Ingeborg Bachmann, auf einer schlichten Holztafel verewigt. „Meine Lieblingsautorin“, sagt Charlotte Wahler, die Schöpferin des Poetischen Waldwanderweges. Bei einem Waldgang der Gemeinde vor zehn Jahren kam ihr die Idee, als über die Einrichtung eines Waldlehrpfades diskutiert wurde. „Da könnten doch auch Gedichte stehen“, schlug die Diplom-Soziologin vor und blickte erst einmal in verdutzte Gesichter. Doch was liegt näher als die Verbindung von Natur und Literatur? Prägte doch der arabische Philosoph Khalil Gibran den Spruch: „Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“

Der Poetische Waldwanderweg ist gesäumt von solchen Bäumen und bestückt mit 17 Gedichten. Alle haben Bezug zum Wald und gehen auf die unterschiedlichsten Stimmungen der menschlichen Seele ein. „. . . Jetzt red du! Ich lasse dir das Wort! Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen!“, heißt es im Einstiegsgedicht von Conrad Ferdinand Meyer, das den Spaziergänger auffordert, seine Gedanken unter dem grünen Dach schweifen zu lassen.

Bei der Auswahl der Gedichte half das Ramsthaler Büchereiteam mit. „Da wurde nicht gegoogelt“, sagt Charlotte Wahler, sondern das Bücherregal nach Wald und Lyrik durchstöbert. Und davon gibt es jede Menge. Denn durch alle Epochen bis heute zieht der Wald als Metapher durch die Literatur. Berühmtheiten sind genauso vertreten wie unbekannte Poeten. Von 1749 bis in die Gegenwart reicht die Lebenserfahrung der Dichterinnen und Dichter.

Vor allem zur Zeit der Romantik wurde der Wald recht häufig bedichtet. Beispielsweise von Heinrich Heine. Sein Lyrisches Intermezzo steht bewusst an einer Gabelung, an der sich viele Wege kreuzen. Heißt es doch: „Wir haben am Ende aus kindischer Lust, Verstecken gespielt in Wäldern und Gründen, und haben uns so zu verstecken gewusst, dass wir uns nimmermehr wiederfinden.“

„Jedes Gedicht hat sich seinen Platz selbst gesucht“, sagt Charlotte Wahler. Dorothee Sölle hat ihn mit ihrem Gedicht „Vom Baum lernen“ neben einem Strommasten gefunden. Denn: „. . . einmal werden die Bäume die Lehrer sein, das Wasser wird trinkbar, und das Lob so leise, wie der Wind an einem Septembermorgen.“

Nur bei einem Poeten gab es Diskussionen. Bertolt Brechts „Über Deutschland“ hatte seinen Platz genau an der Stelle gefunden, an der der Wald den Blick Richtung Berlin über Wiesen und Felder freigibt, die die Ramsthaler vor dem Muschelkalkabbau des örtlichen Steinbruchunternehmers schützen wollten. „Ihr freundlichen bayrischen Wälder, ihr Mainstädte, Fichtenbestandene Rhön, du, schattiger Schwarzwald, Ihr sollt bleiben. . . . Nur der Abschaum der Generäle und Gauleiter, nur die Fabrikherren und Börsenmakler, . . ., das Geschmeiß der Ausbeuter, das kann nicht bleiben“, dichtet Brecht. Das war dem Bürgermeister und den Forstleuten dann doch etwas zu heftig, deshalb stand dort erst ein unverfängliches Gedicht von Theodor Fontane. Inzwischen ist der Steinbruch in Betrieb, und der Brecht steht nach einer literarischen Austauschaktion doch noch an seinem „richtigen Platz“.

Je nach Jahreszeit sprechen den Wanderer andere Gedichte an. Im Herbst ist es vielleicht Eduard Mörikes „Septembermorgen“ oder der „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke. Und bei Peter Hilles Baumgedicht, das zwischen zwei mächtigen Buchen steht, spürt man förmlich „wie's Atem holt und voller wogt und braust, und weiterzieht, und stille wird, und saust“. „Das ist mein Lieblingsgedicht“, sagt Charlotte Wahler – weil es wirkliche Sinnlichkeit beschreibe, im Gegensatz zu dem, was in den Medien als Sinnlichkeit verkauft werde. Die poetischen Worte entlang des knapp zwei Kilometer langen Weges haben eine heilsame Wirkung auf die Seele. Sie ist um ein Vielfaches intensiver als beim Lesen der Gedichte auf dem Sofa. Charlotte Wahler will einladen, dieses Leseerlebnis wahrzunehmen. Und weil kaum jemand mit dem Gedichtband in der Hand im Wald spazieren geht, gibt es den Poetischen Waldwanderweg. Hier kann sich der Spaziergänger förmlich von den poetischen Gedanken der großen Dichter und Dichterinnen anwehen lassen. Das schätzen nicht nur die Touristen, die in das idyllische Weindörfchen im Saaletal kommen, auch die Einheimischen lieben ihren „Bödischen“.

Und jeder hat so sein Lieblingsgedicht auf dem Poetischen Waldwanderweg gefunden. Für den Bürgermeister ist es das bedrückende „Im Nebel“ von Hermann Hesse, für den Förster ist es Friedrich Schiller mit seinem Rätsel, was dem „Baum“ wohl gleicht. Vielleicht ist es die Geschichte mit ihren hellen und dunklen Epochen, die wie der Baum „. . . kehrt auf einer Seite, die Blätter zu dem Licht, doch kohlschwarz ist die zweite, und sieht die Sonne nicht“. Auch die Ramsthaler Kinder haben ein Lieblingsgedicht. Man muss gut aufpassen, dass man es nicht übersieht. Denn wenn man sich nach Goethes Abschiedsgedicht „Lebet wohl, geliebte Bäume . . . Ja ich gehe! Ja, ich eile! Aber ach! Mein Herz bleibt hier“ am Ende des poetischen Ausflugs wähnt, kommt auf dem Weg hinunter ins Tal als Überraschung an der Böschung zur linken Hand plötzlich „und noch 'n Gedicht“. Sie ahnen es vielleicht, es ist von Heinz Erhardt, dem Komiker und Dichter. Viele Ramsthaler Kinder kennen es und können es rezitieren:

 

Von A bis E

Herr Afeu frug Herrn Befeu: „Wo bleibt denn bloß Herr Cefeu?“ Da sprach Herr Befeu: „Cefeu?“ „Der sitzt mit Fräulein Defeu dort unten hinterm Efeu!“

Es gab nur diese eine Stelle auf dem „Bödischen“, wo man Heinz Erhardt mit seinem Gedicht verewigen konnte, weil nur hier das besagte Efeu wächst.


Der Weg beginnt in der Ramsthaler Weinbergsanlage bei der Statue des Heiligen Urbanus und führt bis zum Kreuz am Raßthaler Weg. Führungen gibt es über die Volkshochschule Hammelburg. Weitere Informationen unter www.ramsthal.de

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