URSPRINGEN

Folge 7: Wirtshaussingen im Spessart

111 Dinge, Folge 7 Da treffen sich 70 Menschen im Wirtshaus, um die halbe Nacht nach Herzenslust zu singen. Das tut gut, das müssen Sie unbedingt einmal mitgemacht haben.

Wirtshaussingen       -  Wirtshaussingen in Urspringen
Foto: Theresa Müller | Wirtshaussingen in Urspringen
Irgendwie passt alles zusammen. Der Mond ist aufgegangen und beleuchtet heimatfilmtauglich Felder, Waldstücke und Wiesengründe rechts und links des Flurbereinigungsweges der nach Urspringen (Lkr. Main-Spessart) führt. Im Autoradio kündigt der Moderator mit warmer Stimme a lustigs Liedla an. Und dann taucht im Autoscheinwerfer auch noch ein Dachs auf. Das passt zu den Texten von traurigen Jägern im dunklen Wald, fröhlichen Buben auf weiter Fahrt und schönen Müllers-töchtern, die wir jetzt gleich beim Wirtshaussingen in Roswithas Hütte erwarten.

„Ja der Dachs ist unterwegs. Es wird Frühling“, sagt Gerhart Hart drinnen. Er ist zweiter Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik, Bezirk Unterfranken, und an diesem Abend so etwas wie der Ansänger. Um halb acht Uhr füllen schon etwa 70 Menschen auf Einladung der Urspringer Freunde des fränkischen Brauchtums die Stube. Wir finden Platz auf einer Bank am bullernden Holzofen. Im Eck steht ein großer Nadelbaum, an der Wand hängen Dreschflegel, und Reisigbesen, alte Bierkrüge stehen auf den Balken.

Stadl-Dekoration für Herzschmerz- und Heimatschlager. Oder traditionelle Musik aus dem Volk, mal rührselig, mal derb, mal politisch, mal traurig. Mal sehen, was uns erwartet. Mit am Tisch auf der Bierbank gegenüber sitzt Edwin Ehehalt aus Urspringen. Er ist 56 und vermutet: „Ich bin heute hier fast der Jüngste.“ Er könnte recht haben. Nicht viele sind jünger als er. „Wir wissen nie, wer kommt“, sagt Hart. Diesmal fehlen eben die Jüngeren. Grundsätzlich sei das Wirtshaussingen aber ein Phänomen, das Generationen übergreift, sagt später Dr. Armin Griebel, Leiter der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik in Uffenheim (Landkreis Neustadt-Aisch).

Edwin Ehehalt schlägt die letzte Seite seines Liederheftchens auf und nickt uns aufmunternd zu. Jetzt wird gesungen, laut, kräftig und ohne Zögern das Frankenlied. „Wohlauf die Luft geht frisch und rein...“, erfüllt die Hütte. Es geht um Sommerszeit, um Wein, Main und Wallfahrer. „Seite 54!“, ruft dann Gerhart Hart. „Kommt die schöne Frühjahrszeit heran, fangen alle Leute mit dem Flohfangen an“, singen Frau und Mann und besonders fröhlich beim Refrain „sst-ta sst-ta sst-ta-ral-la-la.“

Und schon da wird klar: Da steht der Spaß am Singen im Vordergrund, nicht etwa die Pflege eines traditionellen Liedes oder ein heimattümelnder Text. Freilich, Heimatlieder, um die Volksmusikforscher sonst einen großen Bogen machen, werden im Wirtshaus auch gesungen, sagt Griebel. Je nachdem, wer das Singen organisiere und wer sich da treffe, werden von der Volksmusikpflege verbreitete regionale Lieder und generations- und gruppenspezifisches Liedgut angestimmt. „Auch Schlager oder englischsprachige Songs.“

Wichtig sei offenbar allein der Rahmen: Die Wirtsstube, die für Nähe und Gemeinschaft stehe. „Denn es gibt offenbar ein Bedürfnis, zu singen, ohne die Leistungserwartung eines Gesangvereins, just for fun“, sagt Griebel. Und es gebe ein Bedürfnis, das gemeinsam zu tun. Es ist die Freude am dadurch entstehenden Klang. Das Singen stiftet Identität, ermöglicht den Sängern den authentischen Ausdruck ihrer selbst, sagt der Forscher.

„Es geht um die Stimmung“, sagt ein Urspringer an unserem Tisch. Die müsse nicht immer lustig sein. Auch ernste oder traurige Lieder singen alle mit. Kein Mund, der geschlossen bleibt. Die einen singen engagierter, die anderen zurückhaltender. Es macht Spaß, die zweite Stimme zu probieren. In der Masse muss nicht jeder Ton sitzen. Treffen sich Blicke beim Singen, gibt es ein kleines Lächeln. Und als zwischendurch immer mal wieder einer Witze erzählt, sind sie nur gerade so anzüglich, dass auch die neunjährige Hannah zuhören kann. Gemeinsam lachen und singen, das entspannt.

„Geht's euch gut?“, fragt die Wirtin. Uns gehts gut. Eine Waldzellerin an unserem Tisch freut sich. Mit ihrem Mann geht sie gerne zu diesen Wirtshaussingen. „Wir waren schon in Helmstadt, Sendelbach, Steinbach, Hausen, Neubrunn...“, zählt sie auf. Ihr gefallen die alten Lieder, die sie an Feiern in der Jugend erinnern. „Und dass man die Texte hat.“

Sie wedelt mit dem roten Wirtshauslieder-Heftchen der Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik. 2010 wurde es aufgelegt. Die Stücke im Heftchen für die Hosentasche, sind hundert Prozent gemafrei, sagt Gerhart Hart. Von den 15 000 gedruckten seien schon über 10 000 weg. „Und sie werden deutschlandweit bestellt.“ Möglicherweise habe das Heftchen sogar dazu beigetragen, dass das Wirtshaussingen in Unterfranken besonders beliebt ist, wie Forscher Griebel bestätigt. Er beobachtete außerdem in ganz Franken einen Aufschwung bei diesen Singgelegenheiten. Zahlen dafür gebe es allerdings keine. Nicht alle Termine werden groß publik gemacht, sondern mündlich weitergegeben, sind manchmal nur Eingeweihten bekannt. „Es gibt offenbar einen Bedarf, ein Bedürfnis zu singen“, sagt Griebel. „Und es ist für Gastronomen ein gutes Geschäft“, sagt Hart. Denn die Singen, die Ende der 1970er Jahre von der Volksmusikpflege initiiert wurden, nehmen manche jetzt gerne in ihr Marketingkonzept auf.

Gerhart Hart aber ist einfach ein begeisterter Sänger. Anfang der 1980er Jahre, bei einem Volkstanzkurs auf Burg Rothenfels saßen ein paar Urspringer die halbe Nacht beisammen und sangen. Das gefiel ihnen so gut, dass sie künftig nicht nur das Tanzen, sondern auch das Singen pflegen wollten. „Das ist wie eine Sucht“, sagt Hart. Und so begannen die Urspringer Brauchtumsfreunde vor 20 Jahren mit den Wirtshaussingen einmal im Jahr.

Mit Stammtischrunden alter Zeiten hat das wenig gemein. Früher begann das Singen spontan, wenn die Situation passte, die richtigen Leute beieinander saßen, der Alkoholpegel schon ein bisschen gestiegen war, weiß Armin Griebel. Zu vorgerückter Stunde sangen da fast ausschließlich Männer. „Es ging also nicht primär ums Singen, sondern das Singen diente der Steigerung des geselligen Beisammenseins.“ Wenn sich heute 70 Menschen an einem Abend treffen, braucht es Liederbücher und einen, der organisiert und Stimmung macht. Aus der Menge kommen Rufe: „Seite 59 ... 44 ...56...“ Einer sagt ein Textstück, doch niemand kennt das Lied. Schließlich entscheidet Hart für Seite 60, „Lustig, lustig“. Jagdlieder wechseln mit Soldatenliedern, Wanderlieder mit Juxliedern. Für das Stück vom Hammerschmied teilt Marie-Luise Hart kleine Hämmerchen aus. „Hat ein Kollege von mir extra für das Lied gemacht.“

Was gleich geblieben ist wie in früherer Zeit, sind die Musikanten, die an diesem Abend unorganisiert kommen. „Sie lesen den Termin in der Zeitung und kommen, weil sie Lust haben zu spielen“, sagt Hart. Eine Handvoll Männer sitzt am Eingang beisammen. Immer mal wieder ein anderer greift zum Instrument. Mal finden sich zwei zusammen. Dann spielt einer allein. Stets musizieren sie ohne Noten, die Finger fliegen über Saiten und Tasten.

Adolf Benz aus Schollbrunn spielt nur einmal. Er hat ein eigenes Lied gemacht von schweigenden Wipfeln, duftenden Wiesen, trillernden Vögeln und dem jungen Frühling. Er steht von seinem Platz an unserem Tisch auf, holt sich ein Akkordeon und etwa 69 Kehlen singen mit ihm: „Spessart meine Heimat, immer bleibst du schön.“ Wer will, kann zur Unterhaltung beitragen. Norbert Köhler aus Bischbrunn bringt ein Gedicht vom Zauber des Spessarts. Er habe es vom Vater, erzählt er später. „Und der war 1904 geboren. Es ist ein sehr altes Gedicht.“

Doch es ist nicht nur das Frühere, Vergangene, das an diesem Abend ankommt. „Jetzt trinken wir noch eins. Was morgen ist, das ist uns wurscht.“ Auch solche kurzen Gesänge, die mit immer lauteren Prost-Rufen enden, werden häufiger. Als der Esselbacher Klaus Väth mit der Gitarre und Jürgen Vogel aus Urspringen mit seiner „Steirischen Ziech“, einer Knopfgriffharmonika, spielen, ist es zwischendurch ganz ruhig.

„Wenn die Franken lustig sind, singen sie immer traurigere Lieder“, sagt Wirtin Roswitha Schmitt, die an unseren Tisch gekommen ist. Sie stammt aus einer Familie, die der musikalischen Überlieferung zugetan ist. Geige, Tuba, Gitarre, Posaune und Klarinette ihres Vaters hängen an der Wand über dem Eingang zum Gastraum. Man sieht den Instrumenten an, dass sie genutzt wurden. Das Blech hat Beulen, das Holz ist abgewetzt.

Als wir gehen, sind uns die alten Dinge an den Wänden vertraut geworden. Ihre Romantik wärmt. Dass die helle Nacht draußen so idyllisch und die Welt so heil wirkt, liegt daran, dass es uns schlicht gut geht. Wir stimmen der kleinen Hannah zu. Bevor sie müde wurde, hat sie gesagt: „Ich finde Singen einfach schön.“

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