Münnerstadt

Der Schatz am Michelsberg

Die Ruine der Michelsbergkapelle: Auf geschichtsträchtigem Boden finden sich Spuren früher Besiedlung

Die Ruine Michelsberg bei Münnerstadt lag jahrzehntelang tief im Dornröschenschlaf. Längst hatte die Natur sich zurückgeholt, was ihr vor Hunderten von Jahren von Menschenhand genommen worden war. Seit am 6. Mai 1806 ein Blitzschlag die Wallfahrtskirche auf dem Plateau des 404 Meter hohen Berges zerstört hatte, gab es zwar immer wieder Bestrebungen zum Wiederaufbau, die immensen Kosten allerdings hatten die Realisierung stets verhindert.

Vor zwei Jahren nun entschlossen sich die beiden Kirchengemeinden von Burghausen und Reichenbach unter der Führung des Kreisheimatpflegers Bertram Becker, wenigstens die noch vorhandenen Mauerreste konservieren zu lassen. Ein Teil des Areals soll zudem bis zum Herbst diesen Jahres in eine kleine Parkanlage mit Sitzmöglichkeiten umgestaltet werden.

Das große Interesse an der Ruine kommt nicht von ungefähr. Erst sehr spät – Reichenbach 1865 und Burghausen 1875 – erhielten die beiden Ortschaften ihre eigenen Kirchen. Finanziert wurden sie zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem reichen Fonds der Michaelskapelle, der eigentlich zum Wiederaufbau gedacht war.

Der Erlass des Julius Echter

Lange Zeit hatte die Kapelle den beiden Ortschaften als Kirche gedient, auch wenn nach dem Willen des Fürstbischofs Julius Echter schon ab 1588 dort nur noch am Fest des heiligen Sankt Michael, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten Gottesdienste gefeiert werden durfte.

An den normalen Sonn- und Feiertagen mussten die Burghäuser und Reichenbacher nach Burglauer pilgern. Vor diesem Edikt war immer abwechselnd in Burglauer und auf dem Michelsberg Gottesdienst gehalten worden. Auch mehrfache Eingaben der Deutschordens-Komturen, in deren Besitz sich die beiden Dörfer und die Kapelle befanden, änderten nichts mehr daran. Erst nach dem Tod Julius Echters (1617), nachdem die Augustiner von den Deutschordensrittern für die Seelsorge eingesetzt worden waren, lockerten sich die strengen Vorschriften allmählich wieder. Sogar protestantisch war die einsam gelegene Kapelle eine Zeit lang. Die Schweden machten sie im Dreißigjährigen Krieg zur lutherischen Pfarrkirche von Reichenbach, Windheim und Burghausen. Wie schwer die Bevölkerung in dieser Zeit unter dem Krieg zu leiden hatte, wird anhand einer ganzen Reihe von Aufzeichnungen aus dem Pfarrbuch des Michelsberges deutlich, die Leonhard Rugel aus Bad Brückenau 1984 übersetzt hat.

Foltertod eines Schultheißen

Besonders dramatisch ist jene Geschichte vom Burghausener Schultheißen (Bürgermeister) Sebastian Seidt, die von dem Zisterzienser-Mönch Pater Thomas, einem Zeitzeugen, niedergeschrieben wurde. Sebastian Seidt wurde am 5. März 1637 im Alter von 70 Jahren beerdigt. „Er hätte noch viele Jahre überleben können“, heißt es in dem Bericht, „wenn er nicht von Kroaten unter Führung des Hauptmannes Plazemius mit gewalttätiger Hand zu Tode gefoltert worden wäre.“ Die Soldaten banden den als liebenswürdig und geachtet beschriebenen Mann, der 38 Jahre lang die Geschicke des Dorfes gelenkt hatte, an den Händen und warfen ihn zu Boden. Dann gossen sie ihm Weintrester, gemischt mit stinkender Flüssigkeit in den Mund und trampelten so lange auf seinem Leib herum, bis er starb.

An der 1336 zum ersten Mal urkundlich erwähnten Kapelle befindet sich ein Friedhof. Von dem Gottesacker ist nichts mehr zu sehen, längst haben Strauchwerk, Blätter, Moos und Niederholz die Gräber überwuchert. An eine Freilegung ist bislang nicht gedacht. Allerdings sollen die Reste der inneren Friedhofsmauer an zwei Stellen geöffnet werden, um das Fischgrätenmuster des Mauerwerks zu zeigen, wie man es etwa auch an der Osterburg bei Bischofsheim findet.

Auch ein neues Grab wird angelegt, um die zahlreichen Menschenknochen beizusetzen, die bei der Freilegung des Fundaments gefunden wurden. Ein großer Teil der Mauer wurde aber schon nach Auflassung des Friedhofs um 1820 abgerissen. Die Burghäuser und Reichenbacher brauchten das Material, um ihre in dieser Zeit angelegten eigenen Friedhöfe einzufrieden.

Frühe Funde

Wann der Michelsberg tatsächlich das erste Mal besiedelt wurde, darüber gibt es nur Spekulationen. Bei zaghaften archäologischen Untersuchungen im Jahre 1968 entdeckte der Kreisheimatpfleger Josef Wabra nicht nur Hinweise auf Erweiterungs- und Umbauphasen an der Kapelle, sondern auch eine ganze Reihe von Fundstücken, die eine viel ältere Geschichte vermuten lassen. So fanden sich unter anderem Gegenstände aus der Jungsteinzeit (5500 bis 2000 vor Christus), der Hallstattzeit (1200 bis 475 vor Christus) und dem frühen Mittelalter (700 bis 900). Richtig wissenschaftlich untersucht wurden das Plateau und die Umgebung der Ruine aber noch nicht. „Das wäre ein ideales Feld für Archäologiestudenten“, ist Heimatpfleger Becker überzeugt.

Die Kapelle selbst prägen drei Bauabschnitte. Der älteste geht auf die Ottonen- und Karolingerzeit (800 bis 1000) zurück. Von der einstmaligen Hallenkirche mit halbrunder Apsis ist nur noch das Fundament erhalten. Der mittlere Bauabschnitt wird in die Gotik datiert. Bis zu 1,30 Meter dick sind hier die Mauern, angedeutet sind auch vier Säulen mit Kapitellen, über die das Kreuzrippengewölbe gespannt war.

Der große Erdwall

Auf eine frühe Besiedlung des wohl einstmals unbewaldeten Plateaus lässt auch der große Erdwall auf dem Areal vermuten, der nur für das geübte Auge erkennbar ist. Von drei Seiten her war der Berg wegen seiner bis zu 100 Meter steil abfallenden Hänge von Feinden kaum einzunehmen. Lediglich zum jetzigen Thoraxzentrum und Schindberg hin in südliche Richtung öffnet sich die Hochfläche. Wilder Wein, der auf früheren Weinbau schließen lässt, Reste eines Fischteichs und schließlich die Überbleibsel des einst tiefen Trichterbrunnens innerhalb des Walls ermöglichten einen längeren Aufenthalt.

Ab Herbst sollen Schrifttafeln die Besucher auf die Existenz des Walls hinweisen. Mit interessierten Menschen wird schon deswegen gerechnet, weil an der Ruine zwei überregionale Wanderwege vorbeiführen: der Karolinger- und der Marienweg. Ersterer führt von Karlburg am Main über Hammelburg bis nach Bad Königshofen. Auch wer auf dem Fränkischen Marienweg pilgert, wird demnächst an der Ruine vorbeikommen. Seit 2002 gibt es diesen etwa 800 Kilometer langen beschilderten Wander- und Radweg, der 50 Wallfahrtsorte und somit auch eine ganze Anzahl reizvoller Landschaften verbindet.

Geheimer Tunnel

Eine Reihe von Geschichten ranken sich um den Michelsberg. So erzählt man sich, dass oben auf dem Berg ein Schatz vergraben ist und dass ein unterirdischer Fluchttunnel angelegt worden sein soll, der bis Burghausen reicht. Neue Nahrung erhielt die Sage, als in den 1960er Jahren die innerörtlichen Straßen für den Kanalbau aufgegraben wurden. Tatsächlich habe man damals höhlenartige Gänge gefunden, sagt Becker, der trotzdem nicht an die Geschichte glaubt. Für viel wahrscheinlicher hält er es, dass es sich um ganz normale Ausspülungen handelt.

 

Wanderwege Die Kirchenruine liegt auf über 400 Meter Höhe auf dem Michelsberg bei Münnerstadt und ist nur zu Fuß zu erreichen. Wer nicht einen der beiden Wanderwege, den Karolingerweg oder den Marienweg nehmen will, der kann auch mit dem Auto zumindest in die Nähe gelangen.

 

Anfahrt Wer von auswärts – über die A 71 – kommt, nimmt die Ausfahrt Münnerstadt und folgt der sehr guten Beschilderung zum Thoraxzentrum Michelsberg. Unmittelbar vor der eigentlichen Einfahrt zur Klinik, die optisch durch zwei Straßenlampen kenntlich gemacht ist, fährt man nach links auf die Fläche am Waldrand und stellt dort sein Auto ab. An einem der Bäume befinden sich diverse Hinweisschilder, von denen eines auch den Weg zur Ruine weist. Von dort aus ist es dann noch gut ein Kilometer Wegstrecke. Auf dem Weg dorthin gibt es auch eine hölzerne Aussichtsplattform, die etwas abseits links vom Waldweg liegt. Bei klarem Wetter hat man von dort eine herrliche Fernsicht bis in die Rhön.

Schlagworte

Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0