Lichtenstein

Die Sage vom Tränenfelsen und weitere Geschichten der Burgruine Lichtenstein

Erweckt aus dem DornröschenschlafUm die Burgruine Lichtenstein ranken sich viele Geheimnisse

Es gibt Bauwerke, deren frühere Pracht vielleicht nur noch in Konturen zu erkennen ist. Aber das macht sie interessanter – und geheimnisvoller. Der wohl sagenumwobenste Flecken im Landkreis Haßberge ist die Burgruine Lichtenstein. Es ist ein mächtiger Turm, vor dem Burgführer Horst Ruhnau steht. In Ocker und Rot setzen sich die Steine gegen den stahlblauen Himmel ab. Ruhnau lacht: „Ja, da hat sich wenig verändert in all den Jahrhunderten – heute wie damals heißt es sehen und gesehen werden.“

Ja, ein bisschen waren die Herren Stein von Lichtenstein wohl auch Angeber. Da haben sie sich vor rund acht Jahrhunderten schon einen hohen Felsen ausgesucht, um darauf ihre Burg zu bauen. Und setzten mit dem mächtigen Bergfried gleich noch eins obendrauf. Gut 15 Meter hoch ist der Bergfried. Horst Ruhnau blickt an den mächtigen Quadern nach oben und sein Blick führt noch weiter in den Himmel. Denn: Dreimal so hoch wie er jetzt ist, war der Bergfried wohl ursprünglich. Horst Ruhnau muss es wissen. Denn er war von Beginn an dabei, als vor einigen Jahren quasi aus einem Schuttplatz der Geschichte nach und nach im Auftrag des Landkreises Haßberge und unter Führung des Burgenforschers Joachim Zeune eine der am besten erforschten Burganlagen Deutschlands wurde.

Kreisheimatpfleger Günter Lipp hatte den Schatz wohl erkannt, der da im Dornröschenschlaf lag. „Richtig vernarrt“ war er in die Burgruine und hatte darauf gedrängt, sie zu erschließen, berichtet Ruhnau. Und nicht weniger fasziniert ist auch Ruhnau selbst von der Anlage. Auch nach über 300 Gruppen, die er inzwischen durch die 800-jährige Geschichte der Burgruine geführt hat.

Bei seinem Gang durch die Anlage steht Ruhnau inzwischen auf einem kleinen freien Platz: „Hier war die Kemenate“, berichtet der Burgführer. Und wie fast bei jedem Halt gibt es nicht nur Erklärungen über das, was noch zu sehen ist. Sondern auch über das, was im Mittelalter war. Etwa dass auch die Männer in der Kemenate Wolle spannen. Und die Frauen bügelten. Davon zeugt Bügelstein, der wie viele weitere Fundstücke – allein 12 000 Scherben – bei der Erforschung der Burg ans Tageslicht kam.

Bis zu sechs Meter tief wurde gegraben. So fand man unter anderem ein Turnierkrönchen. Was bedeutet, dass es auf der Burg Waffenübungen gab. Auch der Zufall bringt weiter Licht ins Dunkel der Geschichte. So vor sechs Jahren, als ein Junge bei einer Führung in einer Höhle einen winzigen Würfel, geschnitzt aus Knochen, fand. Der stammte wohl von der Wachmannschaft, die sich mit ihm die Zeit vertrieb. Höchste Handwerkskunst attestierte Ruhnau dem Würfelschnitzer nach dem Vermessen des Kunstwerks.

Ist die Geschichte der Burganlage, auf der als Ganerbenburg einmal sieben Familien lebten, schon interessant genug, wird es erst richtig spannend, wenn der Burgführer ins Reich der Sagen eintaucht. Denn wohl keine andere Burg in der Region ist so sagenumwoben wie die Burgruine Lichtenstein. Hier die Geschichte vom Schneiderloch: Unter dem Felsen, auf dem die Burgkapelle erbaut war, soll in einer Höhle in der Ritterzeit ein Schneider gewohnt haben. Er lauerte Rittern auf, tötete und beraubte sie – bis man ihn erwischte und mit glühenden Scheren und Nadeln zu Tode marterte. Des Schneiderleins Höhle ist bis heute gut zu erkunden.

Oder die Geschichte vom Teufelsstein, einem haushohen Felsblock etwa 300 Meter südlich von Lichtenstein. Oben ist eine Zwickmühle in den Stein gemeißelt. Hier soll einer der Herren von Lichtenstein um seine Seele mit dem Teufel Zwickmühle gespielt haben. Mit einem Trick überlistete er den Teufel. Vor Wut stapfte der mit dem Fuß derart auf den Felsen auf, dass davon noch heute ein Loch im Fels zeugt.

Dass Sagen auch ein bisschen Wahrheit enthalten können, zeigt eine andere Geschichte, die Ruhnau erzählt: die Sage vom Tränenfelsen. Unterhalb eines der Burgtore ragt aus der Grundmauer ein Felsen, aus dem auch in trockenen Sommern Wasser tropft. Der Sage zufolge saß dort ein Burgfräulein und blickte zu ihrem Geliebten nach Burg Raueneck hinüber. Doch weil sie verschiedenen Glaubens waren, durften das Paar nicht heiraten. Viele Tränen vergoss deshalb das Fräulein und seither auch der Felsen. Wahrer Hintergrund: Das Felsgestein saugt Regen auf und gibt ihn wieder ab – auch dann noch, wenn es schon längst wieder trocken ist.

Auch Geologie bringt Ruhnau Besuchern nahe. Sein Steckenpferd: die besondere Flora und Fauna, die auf der Burg zu finden sind. Was die Herren Ritter und Burgfräuleins früher zum Würzen nahmen, führt er mit den Pflanzen genauso vor wie den Erste-Hilfe-Kasten, den Mutter Natur den Menschen des Mittelalters gegen allerlei Leiden bot.

Dazu weiß Ruhnau von geheimnisvollen Geschichten über das Leben auf der Burg. Etwa von dem Fluchttunnel, der vom Brunnen aus weit hinaus in die sichere Umgebung führen sollte. War aber nicht so, berichtet er nach den Untersuchungen. Es gab vielmehr einen kleinen Fluchtgang, der am Brunnen startete, nun aber verbaut ist.

Was die Erforschung der Burg ebenfalls zutage brachte: Es gibt keinerlei Anzeichen, dass die Anlage bereits vormittelalterlich genutzt wurde. Lichtenstein als keltischer Kult- und Heilplatz hatte ab den 1980er Jahren zu einem regelrechten Esoterik-Tourismus geführt. Zeichen und Runen und gar ein Schamanenkopf zeugten davon, führten Esoterikanhänger als Argumente an. Die sogenannten Runen seien nachweislich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, berichtet Ruhnau. Und der sogenannte Schamanenkopf sei als Maskaron (Fratzenkopf) um 1845 angebracht worden.

Ruhnaus Rundgang führt auch immer an einem riesigen Felsblock im Zentrum der Anlage vorbei. Nur auf den ersten Blick ist dies eine Einheit – ein dünner Spalt trennt zwei Blöcke. Und nachdem Lichtenstein die Burg der Sagen ist, gibt es auch dazu eine: Solange sich die beiden Blöcke nicht berühren, wird auch das Geschlecht der Herren Stein von Lichtenstein nicht aussterben. Die Prophezeiung ging daneben: Anno 1691 erlosch mit Wilhelm Ulrich von Lichtenstein die Hauptlinie der Familie auf der Stammburg. 1845 starb auch der letzte Spross einer Nebenlinie.

Burgruine Lichtenstein
Trotz sinkender "geführter" Wanderungen bleibt die Burgruine Lichtenstein ein Besuchermagnet. Wie bei der Jahresversamml... Foto: Simon Albrecht

Schlagworte

Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0