FRANKEN

Das Creglinger Lichtwunder

Tilman Riemenschneider: In loser Folge stellen wir die bedeutenden Altäre des Würzburger Holzschnitzers und Steinbildhauers vor. Heute ist es Riemenschneiders Marienaltar in der Creglinger Herrgottskirche.
Wundervoll: Das Sonnenlicht scheint durch das Rosettenfenster der Creglinger Herrgottskirche und beleuchtet das Antlitz der himmelfahrenden Maria. Foto: Gerhard Meißner

Am 15. August ist es wieder soweit: Dann geschieht ein paar Tage lang jeweils am späten Nachmittag das Creglinger Lichtwunder. Das Sonnenlicht scheint durch das Rosettenfenster der Herrgottskirche und beleuchtet das Antlitz der himmelfahrenden Maria. Wie genial das vom Lichtkünstler Tilman Riemenschneider geplant wurde, erzählen die Touristenführer gerne. Tatsächlich ist aber gar nicht so klar, ob der Altaraufsatz ursprünglich für das Creglinger Kirchlein gedacht war, denn es gibt keinerlei Zeugnisse über seine Entstehung. Umso zahlreicher sind die Legenden, die sich um den Marienaltar ranken, der jedes Jahr um die 50 000 Besucher nach Creglingen lockt und als Meisterwerk des Künstlers gilt.

Eine peinliche Geschichte sei das, sagt Pfarrer Thomas Burk und blickt kopfschüttelnd auf die Rückansicht des Marienaltars. Wer sich von der Pracht der Bilder auf der Vorderseite für einen Moment lösen kann, sieht, dass die Figuren von hinten aussehen wie Schweizer Käse. In den Fünfzigern habe man eine besonders radikale Holzwurmkur durchgeführt und dafür Maria und Apostel von hinten mit dem Bohrer malträtiert. Was der Creglinger Pfarrer aber viel spannender findet: Maria ist von hinten ausgehöhlt. Und das war kein Holzwurm, sondern der Bildhauer selbst. „Es wäre leicht gewesen, das zu verkleiden“, meint Burk. Für ihn spricht die unansehnliche Rückansicht dagegen, dass der Altar ursprünglich für Creglingen gedacht war. Ob das Retabel (= Altaraufsatz) für eine andere Kirche konzipiert wurde und dann aus irgendwelchen Gründen doch in Creglingen landete, oder ob es vorher woanders aufgestellt war – Burk kennt die Antwort nicht. Klar hätte er gern, dass das alles so stimmt mit dem Lichtwunder und so weiter. Glauben kann er es aber nicht so recht.

Um die Geschichte des Marienaltars zu verstehen, muss man weit zurückgehen, bis zum 9. August 1334. An diesem Tag soll ein Bauer beim Pflügen im Acker eine Hostie gefunden haben. An der Fundstelle baute man eine Kirche, und schon bald begannen die Wallfahrten zu der wundertätigen Hostie. Dafür gab es sogar den päpstlichen Segen: Wer nach Creglingen pilgerte, bekam offiziell 100 Tage im Fegefeuer erlassen, an bestimmten Tagen sogar drei Jahre. An der Fundstelle stellte man einen steinernen Altar auf – dort, wo heute noch, mitten im Schiff der kleinen Kirche, der gut neun Meter hohe und 3,60 Meter breite hölzerne Altaraufsatz steht.

Das Hauptmotiv des Altars, Marias Auffahrt in den Himmel, ist keine Geschichte aus der Bibel, sondern eine Legende. Maria Himmelfahrt ist zwar ein Hochfest der katholischen Kirche, wurde aber erst 1950 zum Dogma erhoben. Nur in apokryphen, mithin nicht in der Bibel anerkannten Evangelien findet man Berichte davon, wie die Apostel von ihren Missionsorten durch die Luft geflogen kamen, um am Grab Mariens zugegen zu sein, wenn diese von Gott in den Himmel geholt wird. Engel sollen sie emporgetragen haben. Und so ist es auch bei Riemenschneider. Er zeigt Maria ein Stück weit über dem Boden schwebend, von Engeln flankiert. Zu ihren Füßen stehen die zwölf Apostel, trauernd, ratlos, hilfesuchend. Durch die Lücke, die Maria zwischen den Männern lässt, entsteht der Eindruck, dass sie sich tatsächlich nach oben bewegt. Durch die Durchbrechungen in der Rückwand des Schreins und das filigrane Gesprenge erscheint der riesige Altar leicht und luftig. „Hier berührt der Himmel die Erde“, beschreibt Pfarrer Thomas Burk seine persönliche Quintessenz des Kunstwerks.

Wie aber passen Hostie und Himmelfahrt zusammen? Dafür muss man den Blick noch weiter nach oben richten. In der zweiten „Etage“ sieht man Maria, wie sie im Himmel gekrönt wird. Oberhalb von ihr steht, thronend über dem gesamten Geschehen, Jesus als „Schmerzensmann“. Damit steht er nicht nur über Maria, sondern auch über der Nische ganz unten in der Mitte der Predella. Dort, vor einem hölzernen Baldachin, wurde wohl jene Hostie aufbewahrt, wegen der die Pilger einst nach Creglingen kamen.

Vielleicht wollte man sie durch das Retabel besser zur Geltung bringen, vielleicht drohte der Strom der Pilger nachzulassen. Die himmelfahrende Maria wäre dann als Bindeglied zwischen Mensch und Gott zu sehen, ihre Aufnahme in den Himmel als Hoffnung auf Erlösung. Letztere fanden die Menschen im 15. Jahrhundert zum Beispiel in einer wundertätigen Hostie, die ihnen, wenn schon keine Himmelfahrt, so doch einen etwas direkteren Weg ins Paradies versprach.

Weitere Geschichten aus dem Leben Mariä sind auf den beiden Altarflügeln und in der Predella dargestellt. Interessant ist dabei der rechte Teil der Predella. Jesus erteilt als Fünfjähriger den Gelehrten, die ihm eigentlich das Alphabet beibringen sollen, eine Lehrstunde in Symbolik. Neben Zachäus, dem Lehrer, hat Riemenschneider sich hier selbst verewigt: als Gelehrten mit Buch in der Hand und Barett auf dem Kopf – der typischen Kopfbedeckung der Bildhauer. Die Botschaft: Durch mein Werk will ich das Wort Gottes verbreiten.

Für das Creglinger Retabel war diese Selbstdarstellung von großer Bedeutung. Als man 1822 Riemenschneiders Grabstein wiederfand und nach seinen Werken suchte, wurde man wohl hellhörig und öffnete den Schrein, der bis dato 300 Jahre lang verschlossen gewesen sein soll. Als Creglingen 1530 evangelisch wurde, hatten die Bürger den Altar, der auf den Rückseiten nicht bemalt ist, einfach zugeklappt, um ihn vor der Zerstörung durch Bilderstürmer zu bewahren. Das würde auch erklären, warum das Holz kaum nachgedunkelt hat und das Retabel so außergewöhnlich gut erhalten ist. Ob daran auch die Totenkränze schuld sind, die man an dem verschlossenen Schrein aufhängte? Deren ätherische Öle sollen sogar die Holzwürmer vertrieben haben.

Marienandacht am 15. August

Lichtwunder und schützende Totenkränze – all das sind spannende Geschichten. Thomas Burk glaubt allerdings nicht, dass der Altar so lange verschlossen oder gar zugenagelt war. Denn man fand Restaurierungsspuren, die offenbar aus dem 17. Jahrhundert stammen.Wie auch immer der Altar nach Creglingen gekommen sein mag, wie auch immer er die Zeit so unbeschadet überstanden hat – Burk ist froh, ihn in seiner Kirche zu haben. Und auch als Protestant kann er der Himmelfahrtsdarstellung – die wie Wunderglaube, Wallfahrt und Marienverehrung nicht gerade gut in eine evangelische Kirche passen – etwas abgewinnen. Am 15. August hält er in der Herrgottskirche sogar eine Marienandacht ab. „Rotzfrech“, wie er selbst sagt.

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