Ein ungewöhnlicher Judas

Tilman Riemenschneider: In loser Folge stellen wir die bedeutenden Altäre des Würzburger Holzschnitzers und Steinbildhauers vor. Heute ist es Riemenschneiders hölzerner Altaraufsatz in der Rothenburger Jakobskirche.
Höchst ungewöhnlich: Nicht Jesus, sondern Judas ist die zentrale Figur des von Tilman Riemenschneider geschaffenen letzten Abendmahls. Foto: Willi Pfitzinger

Alles fing damit an, dass einem Priester beim Hochheben des Messweins ein Missgeschick passierte. „Tres guttae sanguinis perfusae super corporale,“ „drei Tropfen Blut verschüttet auf dem Korporale“, wird man den Vorfall später im Reliquienverzeichnis dokumentieren. Blut, weil die Katholiken glauben, dass der Messwein sich bei der Wandlung tatsächlich in das Blut Christi verwandelt. Und Reliquie, weil die verschütteten Tropfen aus dem darunterliegenden Tuch ausgeschnitten, in einer Bergkristallkapsel in ein Kupferkreuz gefasst und seitdem als Heiligblutreliquie in der Rothenburger Jakobskirche verehrt wurden.

Und noch ein weiterer Vorgang ist gut dokumentiert: Knapp 250 Jahre später hat man ein hölzernes Retabel, also einen Altaraufsatz, in Auftrag gegeben, um die Reliquie noch besser zur Geltung zu bringen. Der „umsichtige und weise Meister Til Riemenschneider, Bildschnitzer zu Würzburg“ sollte das Bildwerk dazu liefern: das letzte Abendmahl für den Mittelschrein, Jesus beim Einzug nach Jerusalem auf dem linken und eine Ölbergszene auf dem rechten Flügel. Honorar laut Vertrag vom 15. April 1501: 50 rheinische Gulden.

Rothenburg, heute Pilgerstädte für Touristen, war im ausgehenden 15. Jahrhundert ein beliebtes Ziel für Wallfahrer, und die drei Tropfen gewandelten Messweins stellten zu dieser Zeit die bedeutendste Reliquie des Städtchens dar. Von einer Wallfahrt zum Heiligen Blut versprach man sich Sündenvergebung – oder auch Heilung bei Taubheit, Blindheit, Stummheit, blutenden Wunden oder Kriegsverletzungen, wie ein Wunderheilungsverzeichnis belegt.

Der Rothenburger Touristenpfarrer Oliver Gussmann beschreibt das Ritual, nach dem die Wallfahrt in der Kirche abgehalten wurde, folgendermaßen: „Die Pilger sind über die Treppe in den Westchor hochgegangen, haben den Altar einmal umrundet, gebeichtet, gebetet und die Eucharistie empfangen, um dann auf der anderen Seite wieder hinauszugehen.“ Um das zügige Voranschreiten des Pilgerstroms nicht abzubremsen, habe man sogar den Eingang der Kapelle etwas angeschrägt. Für das Retabel, das die Reliquie noch besser zur Geltung bringen sollte, bestellten die Rothenburger eine Abendmahlsszene – die Figuren sollten „etwa vier Werkschuh“, also einen Meter zwanzig, groß sein, mit Jesus, seinen Jüngern und dem „übrigen Zubehör“. Darüber, im Gesprenge, ist, von Engeln gehalten, das aus früheren Zeiten stammende Metallkreuz mit der Reliquie eingearbeitet. Eigentlich sollte das Werk bis zum Jakobstag des Jahres 1501 fertig sein, aber Riemenschneiders Werkstatt lieferte die Figuren erst nach und nach, bis sie im Jahr 1505 dann endlich vollständig waren.

Was der Meister geschaffen hatte, war für seine Zeit höchst ungewöhnlich: Denn er stellte nicht Jesus in den Mittelpunkt des Abendmahlgeschehens, sondern den Verräter Judas. „Normalerweise wird Judas an den Rand gedrängt oder als Außenseiter gebrandmarkt, indem man zum Beispiel ein Messer auf ihn zeigen lässt“, sagt Gussmann. Ganz anders bei Riemenschneider.

Wie im Johannesevangelium beschrieben, zeigt er die Szene, in der Jesus voraussagt: „Einer von euch wird mich verraten.“ Die Jünger blicken sich daraufhin ratlos an, wirken aufgebracht und diskutieren, wer der Verräter sein könnte. „Wie ein Schnappschuss“ wirke das, meint Gussmann. Judas dagegen scheint gerade vor Jesus hinzutreten, der ihm einen Bissen Brot reicht und ihn damit als Verräter identifiziert.

Eine recht gute Idee davon, warum Riemenschneider Judas in die Bildmitte rückte anstatt ihn ins Abseits zu stellen, bekommt man, wenn man sich auf die rechte Seite des Altars stellt: die Seite also, von der auch die Pilger sich bei der Wallfahrt dem Retabel näherten. Genau wie auf Judas, der einem hier den Rücken zudreht, blickt Jesus nun auf den Betrachter herab. Und während das schräg gelegte Gesicht des Heilands in der Frontalansicht noch Güte und Barmherzigkeit ausstrahlte, trägt es aus dieser Perspektive einen geradezu vorwurfsvollen Ausdruck.

„Das hat schon einen starken pädagogischen Impetus“, sagt Pfarrer Gussmann. Kein Zweifel, dass das Thema hier die eigene Schuld ist. Gleichzeitig aber stellt das Kunstwerk auch die Hoffnung auf Erlösung in Aussicht. Die Botschaft: Selbst dem größten Sünder auf Erden wird vergeben, auch für ihn bricht Jesus das Brot. Und so wäre dann auch die Brücke zur Eucharistie geschlagen, um die es bei der Wallfahrt ja eigentlich ging. Manche finden, dass Judas in Riemenschneiders Darstellung sogar Ähnlichkeit mit Jesus selbst hat.

Eine Anekdote, die die Fremdenführer gerne erzählen, ist, dass die – als einzige vollplastisch gearbeitete – Figur des Judas herausnehmbar gestaltet sei, weil man sie am Gründonnerstag wie bei einer Prozession umhergetragen habe. Eine schöne Geschichte, an der laut Gussmann aber nichts dran ist. Als man das Retabel restauriert hat, wurde der Judas herausgenommen, und dahinter kam nichts als ein unansehnliches Scharnier zum Vorschein. „Das würde keinen Sinn ergeben“, so der Pfarrer. So gelungen die Reliquie mit dem prunkvollen Retabel auch in Szene gesetzt war – mit Beginn des 16. Jahrhunderts ließ der Strom der Pilger langsam nach.

Als Rothenburg dann 1544 evangelisch wurde, blieben Reliquie und Retabel zwar glücklicherweise erhalten. Allerdings musste der Altar im Jahr 1565 einer voluminösen Orgel weichen und umziehen: Er wurde zusammengeklappt, in den Ostchor gebracht und dort als Abendmahlaltar genutzt. Erst seit 1965 steht er wieder an seinem ursprünglichen Platz.

Der Schreiner kassierte fast das Doppelte

Der Riemenschneider'schen Lichtdramaturgie kommt das sehr entgegen, denn im Westchor wird der Altar von drei großen Fenstern erhellt, durch die eingearbeiteten Butzenscheiben fällt das Licht sogar von hinten auf die Figuren des Kapellenschreins, der trotz seiner gerade mal 40 Zentimeter Tiefe eine erstaunliche dreidimensionale Wirkung hat. Am schönsten soll er vormittags sein, wenn das Licht von links kommt. „Dann sind Licht- und Schattenwirkung am besten“, sagt Gussmann, der neben den Touristen auch für die Wallfahrer zuständig ist, die auch heute noch gerne ins auf dem Jakobsweg gelegene Rothenburg kommen.

Er ist auch davon überzeugt, dass der Heiligblutaltar mit Palmsonntag, Abendmahl und Ölberg der erste Teil einer Fortsetzungs-Altar-Geschichte war. Denn die Rothenburger gaben bei Riemenschneider noch ein zweites Retabel in Auftrag: das Heiligkreuzretabel, das der Würzburger Künstler 1510 fertigstellte und das heute im nahegelegenen Dörfchen Detwang steht. Doch das ist eine andere Geschichte, die demnächst im Rahmen unserer Riemenschneider-Serie erzählt werden wird. Schließlich zahlte man Riemenschneider 60 Gulden für seine Arbeit, zehn Gulden mehr als vereinbart. Der Schreiner, der das Altargehäuse lieferte, bekam dennoch fast doppelt so viel: 104 Gulden kassierte er.

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