FRANKEN

Eine haarige Heilige

Tilman Riemenschneider: In loser Folge stellen wir die bedeutenden Altäre des Würzburger Holzschnitzers und Steinbildhauers vor. Heute: Magdalenen-Altar in der Stadtpfarrkirche Münnerstadt.
Haarig: Die Magdalenen-Figur in der Münnerstädter Stadtpfarrkirche. Foto: Siegfried Farkas

Die junge Frau ist am ganzen Körper behaart. Was eigentlich ein Vertragsbruch war. Denn an sich hätte Tilman Riemenschneider Maria Magdalena „in eynem rawen gewant, wy man sant Johans den tewfer malet“ darstellen müssen. Hatte der Würzburger mit seinen gerade mal 30 Jahren und bei seinem ersten Großauftrag schon so viel Selbstbewusstsein, dass er sich über den Wunsch seiner Auftraggeber hinwegsetzte (und einen Abzug beim Honorar riskierte)? Hatte ihn bei der Lindenholzfigur im Zentrum des Münnerstadter Altars eine der Glasmalereien beeinflusst? Denn auch das sogenannte Magdalenen-Fenster, rechts vom Altar, zeigt die Heilige behaart.

Das Fenster entstand 1435, Riemenschneider erhielt den Auftrag für den Altar 1490. „Möglich ist aber auch, dass die Darstellung auf dem Fenster erst später dem Riemenschneider-Altar angepasst wurde“, erklärt Bruno Eckert. Wer wen beeinflusste, sei letztlich nicht klar, so der pensionierte Münnerstädter Lehrer.

Klar ist, dass sich der Rat der Stadt Münnerstadt als Auftraggeber nicht an Riemenschneiders Eigenmächtigkeit störte und auch nicht daran, dass der Schnitzer nicht rechtzeitig fertig wurde. Anstatt, wie vereinbart, zu Ostern 1492, lieferte Tilman Riemenschneider erst im September. Verspätete Termine von Handwerkern scheinen schon damals nichts Außergewöhnliches gewesen zu sein. Jedenfalls erhielt Riemenschneider den vollen Lohn von 145 Gulden. „Für 200 Gulden hätte man damals in Münnerstadt ein kleines Haus kaufen können“, nennt Bruno Eckert eine Vergleichsgröße. Riemenschneider musste von dem Geld auch Material beschaffen und andere Handwerker bezahlen. Der Münnerstadter Auftrag bezog sich auf den gesamten Altar. „Den Schrein ließ er aber wohl von einem Würzburger Schreiner fertigen“, sagt Bruno Eckert. Der kümmerte sich wahrscheinlich auch um den geschnitzten Zieraufsatz und weitere Teile der Ausschmückung.

Der Altar ist fast 15 Meter hoch und, mit ausgeklappten Flügeln, gut 5,20 Meter breit. Damit sei er von den Abmessungen her Riemenschneiders größtes Werk, so Eckert. Und im Zentrum steht, knapp zwei Meter groß, Maria Magdalena. Jene Frau, der noch heute der Ruch des Sündigen anhaftet. Zu Unrecht, wenn man sich an die biblischen Texte hält. Zwar sind die Evangelien nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes keine historischen Werke. Sie entstanden zwischen 70 und 120 nach Christus, sind aber in Teilen vergleichsweise nahe dran an der Zeit Jesu. Näher auch als der Text, der von Maria Magdalena selbst stammen soll: Das sogenannte Evangelium nach Maria wurde erst um 160 geschrieben.

Gesicherte Kenntnisse über Maria Magdalena existieren also nicht. Ein bisschen historische Wahrheit lässt sich aus den Texten dennoch destillieren. Zu Jesu Gefolgschaft gehörten auch Frauen. Die „unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen“ (Lukas 8,3). Maria Magdalena nahm offenbar eine besondere Stellung ein. Bei Markus, Matthäus und Lukas, die zum Teil aus den gleichen Quellen schöpfen, gehört sie zu denen, die als Erste dem auferstandenen Christus begegnen. Johannes, der sein Evangelium 30 bis 50 Jahre später als die drei anderen schrieb, hebt sie noch stärker heraus. Bei ihm ist Maria Magdalena allein, als sie dem Auferstandenen begegnet. Sie ist auch diejenige, die die Osterbotschaft überbringt, das zentrale Element des christlichen Glaubens.

Zur Sünderin wurde die Frau aus Magdala – heute heißt der Ort am Westufer des Sees Genezareth Migdal – erst im Jahr 373. Ein Text setzte sie mit jener Sünderin gleich, die Jesu Füße salbte. „Dabei weinte sie und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar“ (Lukas 7,38). Die Frau ist namenlos, von Maria Magdalena ist hier nicht die Rede. Doch Jesu Jüngerin war damit mit dem Image der schöne Sünderin im Reich der Legende angekommen. Die Legenden wucherten. Nach Jesu Tod, so erzählte man, wurde Maria Magdalena von Feinden des Christentums mit ihren Brüdern in einem steuerlosen Schiff auf dem Mittelmeer ausgesetzt. Der Wind trieb sie nach Saint-Maries-de-la-Mer. Maria Magdalena verbrachte ihre letzten Lebensjahre in Südfrankreich als Einsiedlerin unter wilden Tieren. Zum Schutz ließ Gott der Büßerin ein Fell wachsen.

Oder sie trug, wie Johannes der Täufer, ein härenes Gewand: Wie so oft bei Legenden gibt es mehrere Versionen. Riemenschneider wählte die Fell-Variante. Detailverliebt ließ er die Knie unbehaart: Der Pelz ist vom vielen Beten und Büßen abgeschabt. „Maria Magdalena war im ausgehenden Mittelalter eine Art Modeheilige“, erzählt Bruno Eckert. Fegefeuer und ewige Verdammnis wurden damals als ebenso reale Bedrohungen wahrgenommen wie heute Erderwärmung und Terrorismus. „Maria Magdalena zeigte, dass man auch dann noch erlöst werden konnte, wenn man große Schuld auf sich geladen hatte“, erklärt Eckert. „Als durch Christus erlöste Sünderin war sie ein besonderes Zeichen der Hoffnung.“ Riemenschneider lässt sie von Engeln in den Himmel tragen.

Originales und Kopie

Spätere Generationen fanden die behaarte Frau dennoch anstößig. „Im Prinzip“, überlegt Bruno Eckert, „hat Riemenschneider eine zwar behaarte, letztlich aber nackte Frau dargestellt.“ 1756 wurde die Figur „auf Anordnung der Geistlichen Regierung zu Würzburg“ vom Altar abgenommen. „Aus gewissen Gründen“, heißt es zweideutig-eindeutig in den Dokumenten. Heute dominiert die Sünderin, die keine war, wieder den Münnerstädter Altar. Sie ist zwar nur eine Kopie, die der Bad Neustädter Lothar Bühner fertigte – dennoch erfüllt ihre Ausstrahlung den Chorraum der Stadtpfarrkirche. Das Original befindet sich im Bayerischen Nationalmuseum München.

Der Altar selbst ist eine Kombination von Originalem, Kopie und modernem Schnitzwerk. Wie von Meister Til vorgesehen, sind die Figuren – damals war das revolutionär – nur mit einer Lasur überzogen und nicht bemalt. Auch das war nicht immer so. Zwischendurch trug der Altar eine Fassung, die kein Geringerer als Veit Stoß aufgetragen hatte.

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