Fränkische Dörfer

Architektur: Nicht der steile Fachwerkgiebel macht ein Haus fränkisch, sondern das Eingehen auf regionale Gegebenheiten.
Prunkvoll und typisch fränkisch: Giebel in Königsberg. Foto: Sara Sophie Schmitt

Würzburger Residenz, Kloster Vierzehnheiligen (Lkr. Lichtenfels) in Oberfranken, Nürnberger Kaiserburg – bekannte fränkische Bauten fallen einem schnell ein. Der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Günter Dippold erklärt warum. Franken als Region in der Mitte Europas habe einst gerade in der Architektur Impulse aus vielen Richtungen erhalten und ausgestrahlt. „Am Augenfälligsten ist das in der Barockzeit“, sagt der Lichtenfelser, der in Bamberg europäische Ethnologie lehrt. Es sei kein Zufall, dass die Bauten dieser Epoche heute noch als prägend für Franken erscheinen.

Die Region prägen aber auch die vielen unbekannten Bauten in Dörfern und Städten, etwa die Wohnhäuser. Im Internet fallen zum Stichwort „Fränkische Architektur“ Makleranzeigen auf, die mit fränkischem Baustil werben. Stefan Kippes vom deutschen Immobilienverband, Region Süd, sagt, was das heißt: Bodenständige Häuser mit Fachwerkkomponenten. Die Formulierung spreche einfach das Gefühl derer an, die sich nach Tradition und Heimatverbundenheit sehnen, sagt der Marketingfachmann an der Hochschule Nürtingen-Geislingen (Baden-Württemberg).

Traditionen sind in jedem Winkel der Region anders. Historisch war Franken ein Flickenteppich, bis ins 18. Jahrhundert von Kleinstaaterei und unterschiedlichsten politischen und kulturellen Einflüssen geprägt, die auch den Häusern anzusehen sind. Dazu wird seit mindestens 200 Jahren, nachdem Bildungsinteressierte und Sommerfrischler Bewegung in den Tourismus gebracht haben, überall unbekümmert auch das gebaut, was Reisende woanders gesehen haben.

Bei der Suche nach dem typisch Fränkischen in der Architektur fangen wir deshalb dort an, wo der Bauherr erklärte, dass er ein fränkisches Dorf baute, nämlich beim Outlet-Center „Wertheim Village“ (Main-Tauber-Kreis). Aus Stahlskeletten, verkleidet mit Folien, Blech und Mauerwerk entstand dort eine Shopping-Kulisse mit Erkern, angedeuteten Laubengängen, Fachwerk, Treppengiebeln, Türmchen. Die Planer sahen im Fränkischen offenbar viel Putziges, Verspieltes.

Ein schönes Beispiel dafür, dass gut gemeint bisweilen das Gegenteil von gut ist, nennt der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Günter Dippold das Village. „Das hat mit Franken nichts zu tun, sondern ist Disneyworld-Architektur“, sagt er. Aber Outlet-Betreiber „Value Retail Germany“ kündigte beim Bau 2003 ja auch „eine kreative Interpretation des landestypischen fränkischen Baustils“ an.

Wir suchen fränkische Architektur in der Wirklichkeit und kommen nach Nassach (Lkr. Haßberge), das damit wirbt, ein besonders malerisches Dorf zu sein. Peter Häpp steht vor seinem alten Backhaus von 1692, das er zum Wirtshaus umgebaut hat, und schaut die Nassacher Dorfstraße entlang. Er weiß, was den Hausbau im Ort beeinflusste: Der Steinbruch in der Nähe, der besonders haltbaren Sandstein lieferte. Die Herrschaft, die es gut meinte. Er zeigt drei Steinhäuser, um 1850 bis 1870 entstanden. Sie sind ein Ausdruck von Wohlstand. Damals gehörte Nassach zu Sachsen-Coburg-Gotha. Die herzogliche Familie hielt die Steuern niedrig, das Geld blieb im Dorf. Die Geschichte hinterließ prächtige Häuser aus dem 15. bis 19. Jahrhundert aus Stein, aber auch viele in Fachwerkbauweise.

Fachwerk gebe es überall, nicht nur in Franken, sagt Stefan Kritzer, Kreisheimatpfleger im Landkreis Rhön-Grabfeld. Denn Steinhäuser waren bis zur Barockzeit meist der Oberschicht vorbehalten. Viel wurde deshalb mit Holz gebaut – wo es lange Nadelhölzer gab, wie in Oberfranken, entstanden Blockhäuser, wo Eichen vorherrschten wie im Spessart, Fachwerkhäuser. Typisch fränkisch sind regional unterschiedliche Konstruktions- und Schmuckformen beim Fachwerk, die den Fassaden aber immer eine sehr kleinteilige Struktur geben, die übrigens auch auf die Steinhäuser abfärbte.

Ganz typisch für die Gegend seien die abgeschlossenen Höfe mit hohen Toren, sagt Kritzer. „Die Franken mögen einen rundum dichten Schutzgürtel um ihren Hof.“ Überhaupt lieben sie es kuschelig. Das sehen wir bei unserer Tour durchs Fränkische. Die alten Dörfer ducken sich in Senken zum Schutz gegen Wind und Wetter. Scheunengürtel wirken wie Stadtmauern. Von weitem zeigt sich nur ein Haufen dichtstehender, spitzgiebeliger Dächer, überragt vom Kirchturm. Wir sehen meist schmale, eng beieinander stehende Häuschen mit kleinteiligem Fachwerk und steilen Sparrendächern mit wenig Dachüberstand, dafür manchmal mit einem sogenannten Aufschiebling, der das Dach kurz vor der Traufe etwas flacher macht. Bei aller Vielfalt gibt es Elemente, die immer wiederkehren: stehende Fenster, Eingangstüren auf der Traufseite, in manchen Gegenden mit Eingangsveranda, breite Häuser mit hohen Dächern dort, wo fruchtbarer Boden die Bauern reich machte, wie im Ochsenfurter Gau (Lkr. Würzburg); schmale Häuschen dort, wo die Menschen mühevoll ihr Brot verdienten, wie im Spessart.

Andere Orte sehen wir, dort klettern neue Häuser aus der Senke den Hang hinauf, stehen oben breit und verstreut. Angesichts solcher Siedlungen überkommen Heimatpfleger Kritzer zwiespältige Gefühle. Er mag nicht die kunterbunten Baugebiete, in denen Toskanavillen neben Schwedenhäuschen stehen und die auf ihn ein wenig wie Legoland wirken. Er selbst wohnt in einem alten Fachwerkhaus. Das hat er mit Herzblut saniert. Wer ein traditionell fränkisches Haus haben will, dem rät er: „Kauf dir ein altes Haus und mach was Vernünftiges draus.“ Ihm gefällt sein Bau aus dem 16. Jahrhundert, weil er Geschichte hat.

Wer im Sinn der Tradition neu bauen möchte, dem rät der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Dippold: Fränkisch sei ein Haus, wenn es in Werkstoffen und Bau regional ist, wenn man durch den Bau die regionale Wirtschaft stärke und unnötige Transporte vermeide. Das Haus sollte Respekt vor dem Bestand zeigen. Am Ortsrand sollte es anders aussehen als in der Ortsmitte; in der Farbgebung und Größe sollte man bedenken, dass jedes Haus Teil eines Ganzen sei. „So richtig gut und fränkisch wird es, wenn man sich von traditionellen Bauformen des Ortes oder der Gegend inspirieren lässt – etwa hinsichtlich der Materialien, der Baumasse oder der Dachform“, sagt Dippold. Es gehe nicht ums Nachbauen, sondern um Anregung für neue Ideen.

Fränkische Architektur wurde früher beeinflusst von Landschaft, Klima, Herrschaftsverhältnissen, Handwerkskunst, Bedürfnissen der Menschen. Und sich auf die Gegebenheiten, Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Gegend einzulassen, bedeutet auch heute, fränkisch zu bauen. Kreisheimatpfleger Kritzer sagt: „Wenn ich heute bauen würde, wäre es kein traditionell fränkisches, sondern ein ganz modernes Passivhaus, mit Fenstern im Süden, einer geschlossenen Front im Norden, mit einem Pultdach für Solarzellen.“ Das kann heute fränkisch sein.

Das Outlet „Wertheim Village“ soll wie ein fränkisches Dorf wirken. Foto: I. Knahn
Apart: Nassach im Haßbergkreis Foto: Becker

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