EICHELSEE

Historische Trachten: Geschichte zum Anziehen

Historische Trachten

Roswitha Düchs hat eine Leidenschaft: Trachten. In ihrem Heimatort Eichelsee bei Ochsenfurt näht, knüpft und stickt sie die heimatlichen Kleider und pflegt so die fränkische Tradition.

Neue Trachten nach alten Vorbildern: Roswitha Düchs (im Bild mit Lena, links, und Antonia) pflegt Traditionen. Foto: Thomas Obermeier

Die Gemeinde Eichelsee liegt in einer sanften Mulde am Laufe des Thierbachs im fruchtbaren Ochsenfurter Gau. 315 Einwohner zählt die Ortschaft, die bei Gaukönigshofen (Lkr. Würzburg) liegt. Von hier stammt und hier lebt Roswitha Düchs. Mit ihrer Leidenschaft für Trachten hat sie den ganzen Ort angesteckt. Für Festumzüge und besondere Anlässe verleiht sie Trachten an Männer, Frauen und Kinder. Die Teilnahme am Oktoberfestumzug in München gehört für viele Eichelseer zum Pflichtprogramm.

1984 hat alles angefangen: „In einem Nähkurs habe ich meine erste Trachtenpuppe gefertigt.“ Im Mai 1986 wollte ihre Tochter in Tracht unter dem Maibaum tanzen. Da kein solches Gewand vorhanden war, hat sie eines genäht. Damit begann ein Hobby, das sie bis heute beschäftigt. „Die Tracht ist ein wandelndes und lebendiges Kulturgut“, erklärt Christiane Landgraf, Trachtenberaterin beim Bezirk Unterfranken. Als Alltagskleidung kommt sie in Unterfranken zwar nicht mehr vor, doch Trachtenvereine und Sammler zeigen sie bei Festumzügen, Tänzen und Feierlichkeiten.

Die typisch fränkische Gau-Tracht besteht aus: Spitzenunterhemd und einer langen Spitzenunterhose, Bluse, Mieder, zwei bis drei Unterröcken, Wattrock mit Reifen, Faltenrock, Schürze, Mutzen (eine Art Jacke, die an den Ärmeln reich bestickt war), Stäucher (mit Perlen bestickte fingerlose Handschuhe), Tuch und Schmuck. Viele verheiratete Frauen trugen eine Haube. „Je wohlhabender die Bäuerin war, desto mehr Mutzen, Röcke, Schürzen und Zubehör hatte sie für viele verschiedene Gelegenheiten“, erklärt Düchs. Diese Festtagstracht aus Brokat, Samt, Seide und Wollstoffen wurde früher nur zum Kirchgang getragen. An hohen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten oder zu Hochzeiten zeigten sich die Frauen in diesen prachtvollen Kleidern. An einer Puppe hat Roswitha Düchs eine typische Festtagstracht dekoriert. Die Kleidungsstücke anzuziehen dauert etwa eine halbe Stunde. „In Tracht sollte man nicht zur Toilette gehen. Auch essen und trinken ist nicht empfehlenswert, da die Kleidung mit den kostbaren Stoffen nicht waschbar ist.“

Tracht ist meist Ausdruck einer dörflichen Gemeinschaft und eines gemeinsamen Lebens in dieser Ordnung. In Bayern wurden die Trachten seit Anfang des 19. Jahrhunderts aus politischen Gründen gefördert, zunächst von den Königen. „Etwa 1803 sind die ersten Trachtengrafiken entstanden“, erklärt Christine Landgraf. Das sind künstlerische Zeichnungen, die Menschen in Tracht zeigen. Der Bezirk Unterfranken sammelt und katalogisiert diese Grafiken.

In Unterfranken kamen besondere Trachtenformen in der Werntalregion, im Raum Schweinfurt, in der Rhön, im Grabfeld, in Teilgebieten des Spessarts sowie im Ochsenfurter Gau auf. „Im Mittelpunkt steht nicht die Trägerin oder der Träger, sondern die Kleidung dient zur Präsentation von Besitz und Wohlstand“, sagt Landgraf. Je mehr Stoff in der Tracht Verwendung fand, je mehr Knöpfe auf den Westen saßen, desto reicher war der Träger oder die Trägerin der Tracht. „Der Gau war eine reiche Gegend“, erzählt Roswitha Düchs. Der Gau zeichnet sich durch sehr fruchtbare Böden aus. Hier gedeihen Zuckerrüben, Weizen und Braugerste.

In Würzburg weihte 1894 Prinzregent Luitpold den Frankonia-Brunnen vor der Residenz ein. Zu diesem Anlass fand ein Trachtenfest mit Prämierung statt. „Viele Leute wurden eigens dafür eingekleidet“, weiß Landgraf aus alten Fotografien und Zeichnungen. „Die Frauen wollten schön sein.“ Dazu gehörte auch die passende Frisur. „Die Frauen in Eichelsee trugen zwei Zöpfe mit jeweils 37 kleinen geflochtenen Zöpfen.“ Nur alle zwei bis drei Wochen wurden die Haare gewaschen und die Zöpfe neu geflochten. „Das dauerte Sunden“, weiß Düchs. Diese Art der Frisur war im Biedermeier modern. „Man orientierte sich am Adel. Die englische Königin Victoria trug Zöpfe“, erklärt Landgraf. Heute setzen Düchs und ihre Gruppe auf Haarteile aus Kunsthaar.

Zu den Aktivitäten der Gruppe gehört die Teilnahme am Oktoberfestumzug einmal im Jahr. Das hat Tradition: Schon 1985 nahmen die ersten Eichelseer am Trachtenzug in München teil. „Ich finde es wichtig, die Bräuche von früher weiterzugeben“, sagt Düchs. Bei allen Umzügen und Auftritten sind auch Kinder dabei, so wie die dreijährige Lena Stiegler und die fünfjährige Antonia Düchs, die extra für den Fototermin ihre Kindertracht angezogen haben.

Roswitha Düchs sammelt seit vielen Jahren alles von früher. „Ich bin immer auf der Suche“, sagt sie. Gerne stöbert sie auf Flohmärkten nach alten Sachen. Ein Zimmer in ihrem Haus ist fast eine Art Museum. Auf einem Tisch liegt eine bestickte Taufdecke, darauf stehen original Trachtenschuhe mit Holzsohle und kleinen Absätzen und viele reich bestickte Täschchen, aber auch Schmuck. „Ich habe nie viel Fernsehen geschaut, sondern immer gestickt und genäht.“ Ihre Nähstube befindet sich neben dem Wohnzimmer. Auf dem Tisch steht die Nähmaschine, dabei liegen Kästchen voller Sicherheitsnadeln, Haarnadeln und unzählige Köpfe. Im Regal bewahrt Düchs Stoffreste auf, denn nach jedem Auftritt muss an der Kleidung etwas ausgebessert werden. So verursachen die perlenbestickten Ärmel des Jäckchens oft Löcher in der Schürze.

Die Tracht hat in den Jahrhunderten nie an Bedeutung verloren. „Das ist ein Phänomen“, findet Landgraf. „Die Menschen suchen nach Verortung, nach Regionalität, nach Heimat.“ In der vernetzten Welt von heute geben Trachten und Bräuche Anbindung, Nähe, Gemeinschaft und das Gefühl von Sicherheit, vor allem aber bereiten sie viel Freude, schreibt Peter Fassl in seinem Buch „Heimat – Kultur – Bezirke“.

Wie unterscheidet sich eine fränkische Tracht von einer bayerischen? „Schon die Materialien sind unterschiedlich“, erläutert die Trachtenberaterin. Das Mieder ist anders, genau wie die Ausschnitte und die Schnürungen. In Unterfranken war viele Jahre die Sennfelder Tracht das Aushängeschild. „Auch in der Rhön, in Oberelsbach, gab es eine aufwendige Tracht, obwohl diese Gegend eher arm war“, sagt Landgraf. Heute ist die Gau-Tracht am bekanntesten. Das liegt auch an Menschen wie Roswitha Düchs, die diese Kleider immer wieder gerne zeigen.

Trachten: Termine & Tipps

Gredinger Trachtenmarkt ist am 6. und 7. September in Greding (Lkr. Roth). Dort erwarten die Besucher neben Tänzen und einem Weißstickereikurs auch Diskussionen und Vorträge rund um das Thema Tracht.

Eine Trachtenmodenschau findet beim Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 14. September, 2014 im Zobel Schloss in Giebelstadt statt. Dort wird Roswitha Düchs mit ihrer Gruppe jeweils um 14 und um 16 Uhr typische Gau-Trachten zeigen.

Historische Trachten sammelt der Bezirk Unterfranken seit den 1970er Jahren und hat dazu eine Ausstellung konzipiert, die ausgeliehen werden kann. Zudem bietet der Bezirk eine Trachtenberatung für Vereine, Musikkapellen, Tanzkreise und Privatpersonen. Kontakt: Christine Landgraf, Referat Kulturarbeit und Heimatpflege, Silcherstraße 5, 97074 Würzburg. Tel. (09 31) 79 59 14 28, E-Mail: c.landgraf@bezirk-unterfranken.de

Im Ochsenfurter Greissinghaus gibt es ein Trachtenmuseum, das Trachten in vielen Variationen zeigt. Es ist Samstag, Sonntag und an Freitagen von 14.30 bis 16.30 Uhr geöffnet.

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