FRANKEN

Zum Wohl, Franken!

Trinkkultur: Was den Unterfranken ihr Wein, ist den Oberfranken ihr Bier. Doch woher rühren eigentlich diese Unterschiede und welche Bedeutung haben sie heute noch?

Auf Spurensuche in den Randersackerer Weinbergen und den Bamberger Brauereien.

Steil erheben sich die Weinberge rund um Randersacker, wenige Kilometer entfernt von Würzburg. Im Tal fließt der Main gemächlich vor sich hin. 120 Meter sind es vom Sonnenstuhlturm hinunter bis zum Fluss. In sattem Hellgrün leuchten die Blätter der Weinreben. Hier und da blühen Rosen. Rot, rosa, weiß. Kleine, bunte Farbtupfer unter dem dunklen, tristen Himmel. An diesem Tag hat Petrus kein Einsehen mit den Randersackerern. Immer wieder schüttet es wie aus Eimern. Und das ausgerechnet am Tag der diesjährigen Weinwanderung.

Etwa 100 Kilometer weiter nördlich geht es noch trocken zu. Dunkel vertäfelte Wände, massive Holzbalken, ein rustikaler Tresen – im Bamberger Gasthaus „Zum Sternla“ herrscht jene Atmosphäre, die von Besuchern gerne als „urig“ oder „typisch fränkisch“ beschrieben wird. Einen besseren Ort für den Beginn einer Biertour kann man sich kaum vorstellen und Tourleiter Erik Berkenkamp fügt sich fast nahtlos in dieses Ambiente ein. In Knickerbockern, rot-weiß kariertem Hemd und Trachtenschuhen steht der gebürtige Bremer in der Gaststube. 34 Augenpaare blicken ihn gespannt an, lassen sich nur kurz ablenken, als die Bedienung das erste Tablett mit Biergläsern auf den Tisch wuchtet.

Auch in Randersacker füllen sich die Gläser zum ersten Mal an diesem Tag. Jedes Jahr an Christi Himmelfahrt treffen sich in der Gemeinde Einheimische und Touristen, Familien und Studenten, Weinkenner und Weinneulinge, um durch die Weinberge zu wandern – und das seit 31 Jahren. „Die Weinwanderung ist eine der ältesten in der Region“, sagt Heiko Lörner. Er ist Vorsitzender des CSU-Ortsverbandes, der die Veranstaltung organisiert. Erst einmal sei die Weinbergswanderung ausgefallen. Damals fielen die Ewige Anbetung – eine Bettradition der katholischen Kirche – und Christi Himmelfahrt auf den gleichen Tag. Es sei eine Zerreißprobe innerhalb der CSU gewesen, erinnert sich Wolfram König, der damals Vorsitzender des Ortsverbands war. Aber am Ende stand die Entscheidung fest. Und – als hätte es eines Zeichens bedurft – hatte es an diesem Tag in Strömen geregnet, erzählt König.

Inzwischen ist er mit seiner Wandergruppe an der ersten von vier Stationen in den Weinbergen angekommen. Pause. Zeit für einen kurzen Plausch mit den anderen Wanderern. Eine kurze Fachsimplei mit den Winzern. Oder einfach, um einen weiteren Wein zu probieren. Ob Bacchus oder Riesling, Silvaner oder Müller-Thurgau, Rotling oder Domina, an den vier Probierständen werden insgesamt 28 Weine von 14 Winzerbetrieben des Ortes angeboten. „Unsere Idee war es, unsere Weinberge und unsere Weine vorzustellen“, erklärt Lörner. Jedes Jahr steht eine andere Lage im Fokus. Heuer ist es der Sonnenstuhl. Schließlich liegt das Gute oft direkt vor der Haustür – egal ob in Unter- oder Oberfranken.

„Wer etwas über Bier erfahren will, ist in Bamberg genau richtig. Hier kommen auf rund 70 000 Einwohner neun Brauereien und eine Mälzerei“, sagt Berkenkamp. Im Landkreis Bamberg gebe es rund 80, in ganz Oberfranken an die 200 Brauereien. Eine Tatsache, die dem Trend nach Regionalisierung entgegenkommt. „Dieser Trend beginnt gerade erst. 2014 ist das erste Jahr seit langem, in dem es einen Zuwachs an Brauereien gibt“, erklärt Biersommelier Markus Raupach, der 2006 anfing, Veranstaltungen rund ums Thema Bier zu organisieren und im vergangenen Jahr die Bierakademie gründete. Die hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Bierwissen professionell und unterhaltsam zu vermitteln“, sagt er. Dann greift er nach seinem Glas, nimmt einen tiefen Schluck und lässt ihn langsam den Gaumen hinunterfließen. Hektik – Fehlanzeige.

Genau wie in den Weinbergen. In langen Schlangen schieben sich die Menschenmassen gemächlich an den Rebstöcken entlang. Jeder unter seinem Regenschirm versteckt. Blau, grün, gelb leuchten sie. Um den Hals baumelt vielen ein buntes, gehäkeltes Säckchen, in dem das kleine Weinglas zum Probieren ein Plätzchen gefunden hat. Einige haben sich in ihre Wanderkluft geschmissen, andere haben die schicke Feiertagsrobe an – Stöckelschuhe inklusive. Auch so manche Weinprinzessin hat sich ihr Krönchen auf den Kopf gesetzt und genauso wie das gemeine Volk wandert sie mit einem Weinglas in der Hand vom Rathausplatz den Berg hoch. Mehr als 3500 Menschen werden es am Ende des Tages sein, schätzen die Veranstalter.

Erik Berkenkamp, der für die Bierakademie arbeitet, weiß, dass er sich an diesem Tag nur um 34 Teilnehmer kümmern muss. Auf seiner Tour durch Bamberg bemüht er sich, sie nicht nur für die verschiedenen Biere, die getestet werden, zu begeistern, sondern ihnen auch Hintergrundwissen zu vermitteln. „Dabei kommt es gar nicht darauf an, dass man viel erzählt. Die Menschen müssen es auch behalten“, sagt er. Inzwischen sind er und sein buntes Trüppchen am Gabelmann-Brunnen angekommen. Mitten auf dem Marktplatz, umgeben von alten, knorrigen Bäumen, thront Neptun und wacht mit seinem Dreizack über das kostbare Nass. Das Wasser wurde lange Zeit zum Bierbrauen verwendet. Um es vor Verunreinigung zu schützen, war es üblich, dass die Brauer im Ort ausriefen ließen: „Heute wird bekannt gemacht, dass keiner was ins Wasser macht, denn morgen wird gebraut.“

Wassermangel ist in Randersacker an diesem Tag kein Thema. Leider. Doch wie es scheint, schlägt das Wetter keinem aufs Gemüt. „Es ist feucht, aber schön ist es trotzdem und schmecken tut's auch“, sagt Heinz Hahn. Mit seinen Bekannten kommt er seit rund 28 Jahren aus der oberfränkischen Bierstadt Kulmbach – ausgerechnet – nach Randersacker gefahren. „Es ist ein besonderes Gefühl, durch die Weinberge zu spazieren und den Wein zu trinken, der hier wächst“, sagt Hahn.

Genau darin liegt der Reiz solcher Wanderungen, die an vielen Orten in Unterfranken stattfinden, sagt Artur Steinmann, Präsident des Fränkischen Weinbauverbands. „Wenn Menschen durch die Lagen spazieren gehen, sehen sie, wie dort gearbeitet wird. Sie schauen in die Küche des Winzers.“ Doch das sei nicht der einzige Grund. Hinzu komme, dass durch den Weingenuss im Weinberg eine Verknüpfung stattfindet. „Trinke ich ein Glas des Weines, den ich im Weinberg getrunken habe, zu Hause, entsteht im Kopf ein Bild dieser schönen Landschaft“, so Steinmann. Wein sei mehr als ein Produkt, Wein sei ein Kulturgut: „Er besitzt eine emotionale Dimension.“

Besonders in Unterfranken. Rund 1300 Jahre ist es her, das laut einer Urkunde in Franken Wein angebaut wird. 1300 Jahre, in denen der Weinbau vorangetrieben wurde und in denen die Winzer einiges durchstehen mussten. Da war zum Beispiel die Verbreitung der Reblaus oder des Echten Mehltaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Beides bescherte den Winzern Einbußen. Doch das ist Geschichte. Heute werden laut Fränkischen Weinbauverband im Anbaugebiet Franken rund 48 Millionen Liter Wein jährlich erzeugt.

Selbst in Oberfranken wurde einst Wein angebaut. Die Bierkultur hat sich dort erst nach dem Dreißigjährigen Krieg etabliert, sagt Markus Raupach: „Vorher war ganz Süddeutschland Weinland. Bier wurde im Norden produziert.“ Doch nachdem im Lauf des Krieges alle Weinberge abgeholzt worden waren, habe sich die Frage gestellt, ob man neue Reben pflanzen und drei bis vier Jahre auf die Ernte warten oder gleich Brauhäuser errichten solle. „Der Weihbischof von Bamberg hat das Bier befördert, der Würzburger Bischof war mehr dem Wein zugetan“, erklärt Raupach, wie sich die regionalen Unterschiede in Franken entwickelten. Für ihn mache es jedoch keinen Sinn, Bier- und Weinfranken zu teilen. Beide Produkte seien für den Genuss da und sprächen für Regionalität.

Ins gleiche Horn bläst Steinmann. Kein Wunder, schließlich hat er, bevor er das Weingut seiner Eltern in Sommerhausen übernahm, Bierbrauer gelernt. Seit 1982 ist er Winzer und hat den Wechsel nie bereut. Im Gegenteil: Er setzt sich für die Vermarktung des Kulturguts Wein ein und rief das Weintourismuskonzept „Franken. Wein.Schöner.Land“ ins Leben. „Wir machen heute rund 160 bis 180 Millionen Umsatz mit Wein, im Weintourismus sind es 3,244 Milliarden“, sagt Steinmann. Es werden Weinfeste gefeiert, Weinprinzessinnen gekrönt, Gästeführer ausgebildet, die Touristen die Kulturlandschaft näherbringen und sogar eine eigene Flasche hat der fränkische Wein: den Bocksbeutel.

Die Brauer und Bierfreunde setzen ebenfalls zunehmend auf Vermarktung. Gerade wurde zum vierten Mal eine Bayerische Bierkönigin gewählt. Laut dem Bayerischen Brauereibund erreichte die Brauwirtschaft im Freistaat 2013 einen Gesamtabsatz von 22,3 Millionen Hektolitern – eine leichte Steigerung gegenüber den vergangenen beiden Jahren. Es scheint, als ob sich das Kulturgut Bier zunehmender Beliebtheit erfreut. „Bier kann einen ganzen Lebenskreislauf begleiten“, sagt Markus Raupach und verweist auf die vielen Ereignisse, bei denen der Gerstensaft dazugehört. Egal ob bei der Kirchweih, beim Geburtstag oder eben einfach mal so – auf einer Biertour.

Die Teilnehmer erwartet nun ein besonderes Gebräu. Ein „Schlenkerla“. Allein der Geruch genügt, um die Gemüter zu spalten. „Jeder hat sein eigenes Geschmacksempfinden, es gibt kein Richtig oder Falsch“, sagt Biertour-Führer Berkenkamp. Dann nehmen die Teilnehmer einen Schluck des Bieres, das nach geräuchertem Schinken schmeckt. Diese Bamberger Besonderheit wird bis nach Amerika exportiert. Bier verbindet – im Kleinen und über die Grenzen des Landes hinaus.

Genau wie Wein. Sowohl das Getränk als auch die Kultur rund um den Wein sei vielerorts Teil des Dorflebens geworden, sagt Steinmann. Alle packen mit an. Sie organisieren Veranstaltungen, putzen das Dorf richtig raus und genießen als Lohn für ihre Mühen gemeinsam einen Schoppen. So wie an diesem Tag in Randersacker. Denn selbstverständlich lassen es sich die Randersackerer nicht nehmen, mit einem Glas auf die Weinbergswanderung anzustoßen. Unter dem grauen, tristen Himmel. Im Grün der Weinreben.

ONLINE-TIPP

Alle Beiträge der Serie, viele Bilder und mehr Wissenswertes über (Unter-)Franken finden Sie unter: www.mainpost.de/franken-spezial

Weinwanderungen und Biertouren

So wie in Randersacker gibt es vielerorts in Unterfranken Weinwanderungen. Einen Überblick gibt es im Internet beispielsweise unter

www.weinwanderung.net oder

www.fraenkischer-weinfestkalender.de

Viel Wissenswertes rund um das Thema Bier finden Sie auf der Homepage des Bayerischen Brauerbundes unter: www.bayrisch-bier.de oder auf der Webseite der Bierakademie unter: www.bierakademie.net

Rückblick

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