KOTHEN

254 Stufen zum Himmel - Wallfahrtskirche Maria Ehrenberg auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken

Die Himmelsleiter hat 254 Stufen. Steil führt die barocke Treppenanlage die Wallfahrer hinauf auf den Maria Ehrenberg bei Kothen in der Rhön. Dreimal wird der Aufstieg zur Wallfahrtskirche auf den 674 Meter hohen Berg unterbrochen. Dreimal war auch die Existenz der Wallfahrt in den vergangenen fast 500 Jahren bedroht.

 

Die Himmelsleiter: Eine barocke Treppenanlage führt zur Kirche. Foto: Michael Mahr

Das erste Mal schon, kaum dass im Herbst 1521 ein „Heiligenstock“ und ein Jahr darauf eine erste Kapelle auf dem Basaltkegel in der Rhön errichtet worden war. Der Fuldaer Landesherr Johann von Henneberg hatte den Bürgern von Kothen dazu die Erlaubnis geben.

Denn es gab Widerstand gegen die „Ketzerei und Buberei einer Wallfahrt“. Hans Schramm aus dem Nachbardorf Motten hatte sie vor einem geistlichen Gericht im Jahr 1523 gegen Kaplan, Bürgermeister und Bürger von Kothen vorgetragen. Und er hatte damit anfangs Erfolg. Der Richter ordnete die Zerstörung der Kapelle an und verhängte eine Geldbuße von 50 Gulden gegen die Kothener.

Keine geringe Strafe, entsprach sie doch in etwa dem durchschnittlichen Jahresgehalt eines Geistlichen, erläutert Katharina Möller in ihrer 2009 erschienen Chronik des Wallfahrtsortes. Sie führt die Angriffe auf die Wallfahrt auch auf die beginnende Etablierung der Lehre von Martin Luther zurück, die die bildergläubige Volksfrömmigkeit ablehnte, und in Franken wie in ganz Deutschland schnell erste Anhänger fand.

Die Wallfahrt gibt es heute noch

Die Kothener appellierten gegen das Urteil an den Würzburger Bischof Konrad von Thüngen. Der Bischof vertröstete sie zuerst. Er werde mit dem Beamten reden, der das Urteil verhängt hatte, doch der sei noch auf Reisen. Die Kothener haben sich letztendlich durchgesetzt – die Wallfahrt auf den Maria Ehrenberg gibt es heute noch.

 

Kirchlich: Maria Ehrenberg wird auch heute noch für Gottesdienste genutzt.
Der Ursprung der Wallfahrt war der Legende nach der Fund einer Marienfigur auf dem Ehrenberg durch einen Schäfer aus Kothen. Dessen Versuche, die Skulptur in die Kirche des Dorfes zu bringen, sollen gescheitert sein – das Bildnis kehrte angeblich immer wieder auf den Berg zurück. Man schloss daraus, dass es auf dem Ehrenberg verehrt werden sollte. Dort steht die spätgotische Madonna noch heute im Mittelpunkt – im Zentrum einer vergoldeten Scheibe, die den modernen Altarraum dominiert.

Der erfolgreiche Versuch, eine Wallfahrt auf dem Ehrenberg zu etablieren, könnte wirtschaftliche Gründe gehabt haben, lassen die aus weiter Entfernung hierher pilgernden Besucher doch einiges an Geld da. Und daran dürfte den Kothenern vor fast 500 Jahren gelegen gewesen sein. Denn nur zehn Jahre zuvor war der Pfarrei des Dorfes, die zu Oberleichtersbach gehörte, der Urpfarrei der gesamten Brückenauer Region, ein eigener Seelsorger zugestanden worden, ein Kaplan. Für dessen Unterhalt und Verpflegung hatten allerdings die Kothener zu sorgen.

In der Barockzeit wurde die Wallfahrt ausgebaut. 1666 begann der Fuldaer Fürstabt Joachim von Gravenegg (1644 bis 1671) eine Kapelle zu bauen. 1731 wurde die Anlage erweitert. Die ursprüngliche Kapelle wurde nun zum Chorraum, an den das noch heute bestehende größere Kirchenschiff angebaut wurde. Das Wappen über dem Eingang weist Adolf von Dalberg als Bauherr aus, der 1726 zum Fürstabt von Fulda gewählt wurde. Er ließ auch die Himmelsleiter errichten, die monumentale Treppenanlage, deren 254 Stufen, vorbei an drei übermannsgroßen Madonnenstatuen, zur Kirche führen.

 

Königlich: Maria thront dreimal auf der Treppe, unten, oben und in der Mitte.
Auch Dalbergs Nachfolger Amand von Buseck soll die Ausschmückung der Kirche unterstützt haben. Der nächste Fürstabt, Heinrich von Bibra, der zum Fürstbischof von Fulda aufstieg, stellte Holz für ein neues Dach über dem Kirchenschiff zur Verfügung, da sich die ursprüngliche Konstruktion als fehlerhaft erwiesen hatte.

Ende des 18. Jahrhunderts bedrohte die Aufklärung die Wallfahrt auf dem Ehrenberg. Heinrich von Bibra ließ die Wallfahrtskirche 1787 schließen. Schon ein Jahr vorher war die große Wallfahrt der Fuldaer zum Ehrenberg verboten worden. Das Gnadenbild wurde vorübergehend in die Kirche von Kothen gebracht. Der letzte geistliche Fürst Fuldas, Adalbert III. von Harstall, ließ die Wallfahrtskirche nur zwei Jahre später schon wieder öffnen. Die Säkularisation wenige Jahre später blieb für die Wallfahrtskirche auf dem Ehrenberg folgenlos. Der Südteil des aufgelösten Fürstbistums Fulda kam über einige Zwischenstationen 1816 an Bayern.

Die dritte und größte Bedrohung erlebte der Ehrenberg dann in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Seit 1935 rüstete das Deutsche Reich auf. Im Mittelgebirge der Rhön sollte ein großer Truppenübungsplatz angelegt werden. Neun Dörfer wurden dafür geräumt, ihre Bewohner verloren ihre Heimat. Auch die Wallfahrtskirche auf dem Ehrenberg wechselte den Besitzer. Wie die Bewohner der Dörfer rundum ihre Höfe verkaufen mussten, schloss das Reich auch mit der Kirche einen Kaufvertrag.

Der Hinweis auf die Schließung der Wallfahrtskirche in den Kirchenzeitungen der Diözesen Fulda und Würzburg führte dazu, dass zur Abschiedsfeier am 10. Oktober 1937 mehr als 10 000 Pilger aus Franken und Hessen strömten. Dass die Kirche danach nicht wie die benachbarten Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurde, verdankte sie ausgerechnet einigen Offizieren.

 

Kunstvoll: Der moderne Altarraum mit der alten Marienfigur im Zentrum.
Oberstleutnant Richard Fleischhauer, der erste Kommandant des Truppenübungsplatzes Wildflecken, wunderte sich über die Bereitwilligkeit, mit der das Bistum Würzburg die Kirche aufgeben wollte. Er redete dem Kothener Pfarrer Engelbert Kreuzer zu, dass die Wallfahrtskirche doch erhalten bleiben könnte. Dazu müsste lediglich eine Eingabe beim zuständigen Wehrkreiskommando in Kassel gemacht werden.

Kirche im Sperrgebiet

Die Eingabe erfolgte und das Militär erlaubte die Wallfahrt zur Kirche im Sperrgebiet. Zur Absicherung der Vereinbarung schlug das Wehrkreiskommando einen Pachtvertrag zwischen dem Reich, als neuem Besitzer der Kirche auf dem Ehrenberg, und dem Bistum Würzburg vor. 200 Reichsmark sollten im Jahr bezahlt werden. Das lehnte das Bistum zur Enttäuschung des Militärs aber ab. Sie sorgten trotzdem für den Erhalt der Wallfahrtskirche, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand.

Nun übernahm die US-Armee den Truppenübungsplatz und nutzte ihn seit den 50er Jahren intensiv. Am Ehrenberg und der Wallfahrtskirche hatten die Amerikaner aber kein Interesse. Sie erlaubten im Sommer regelmäßig den Zugang. 1956 wurde ein Vertrag zwischen dem Eigentümer, der Bundesrepublik Deutschland, und der Nutzerin, der Kirchenstiftung der seit 1954 selbstständigen Pfarrei Kothen, geschlossen.

Erst Ende der 70er Jahre gab es Unstimmigkeiten mit der US-Armee. Sie gestattete den Zugang zur Wallfahrtskirche plötzlich nur noch an den Wochenenden. Das Militär informierte darüber das Bistum Würzburg, das der neuen Regelung widerspruchslos zustimmte, nicht aber die Kothener Kirchenstiftung. Die Kothener, mit Pfarrer Rudolf Schlör an der Spitze, machten mobil, sammelten Unterschriften und fanden Unterstützung bei Politikern. Die Spannungen erreichten am 15. August 1978 ihren Höhepunkt, an Maria Himmelfahrt, dem Hauptfest auf dem Ehrenberg. Am Nachmittag rückte die Militärpolizei an, um die Gläubigen zu vertreiben. Danach beruhigte sich die Lage, der Zugang zum Ehrenberg war wie früher möglich. Daran änderte sich auch nichts, als die Bundeswehr in den 90er Jahren den Übungsplatz von der US-Armee übernahm.


 

 

Maria Ehrenberg

Die Wallfahrtskirche Maria Ehrenberg liegt auf einem 674 Meter hohen Berg bei Kothen in der Rhön. Ab dem 1. Mai, dem Beginn der Wallfahrtssaison, bis zum Oktober, wenn sie endet, ist an den Wochenenden die Wallfahrtskirche über die Westzufahrt des Truppenübungsplatzes, die am nördlichen Ortsrand von Kothen von der B27 abzweigt, möglich. Die Schranke ist von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Gottesdienst ist jeweils sonntags um 10.30 Uhr. Unter der Woche kann über die Pfarrei Kothen der Zugang ermöglicht werden.

 

 

   

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