NEUSTADT AM MAIN

Akribische Spurensuche nach dem ersten Abt des Klosters Neustadt am Main

Überall steht es geschrieben. Doch war Megingaud tatsächlich der erste Abt von Kloster Neustadt am Main? Klaus Weyer verneint das. Seine These lautet: „Es war Burkard.“ Der Südengländer sei zuerst Abt in Neustadt gewesen und dort um 741 zum ersten Bischof ernannt worden.

 

Idyllisch am Main gelegen: Blick vom Michelsberg auf die ehemalige Abteikirche des Klosters Neustadt, die heutige Pfarrk... Foto: Christine Jeske

Seit fast acht Jahren beschäftigt sich Klaus Weyer mit der Geschichte seines Heimatortes. Akribisch studiert der 56-jährige Ingenieur alle Hinweise und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Chronologie des ehemaligen Benediktinerklosters, eines der bedeutendsten und ältesten in Franken, neu zu schreiben. „Vielleicht veröffentliche ich meine Ergebnisse in einem Buch.“

Zur Frühgeschichte des Klosters gehören viele Vermutungen, wenig gesicherte Angaben, dafür Legenden und sogar gefälschte Urkunden. Bereits in der Karolingerzeit soll die Anlage die Ausmaße wie heute besessen haben. 993 kam das Kloster zum Bistum Würzburg und nach der Säkularisation 1803 in den Besitz der Fürsten Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Seit einem Jahrhundert sind Missionsschwestern, die Dominikanerinnen der heiligen Katharina von Siena von Oakford, Natal, dort zu Hause.

 

Karolingisch und romanisch: Vierung und kreuzgangartiger Wandelgang.
Die Abteikirche ist heute die Pfarrkirche und der Blickfang des Ortes. Sie präsentiert sich als eine Mischung aus romanischen, romanisch rekonstruierten und neuromanischen Bauteilen. Neben der Pfarrkirche steht ein weitgehend originaler Rest der karolingischen Klosteranlage: die Vierung einer Kirche. Dort beginnt Klaus Weyer gerne seine zugegebenermaßen kompliziert klingenden Ausführungen.

Bislang taucht Kloster Neustadt im Jahr 769 aus dem Dunkel der Geschichte. Nach gängiger Forschungsmeinung gilt Megingaud (710 bis 783) als der Klostergründer. Er war ab 754 der zweite Bischof von Würzburg, der Nachfolger Burkards. Als Megingaud sein Bischofsamt niederlegte, ging er „wieder“ in einen Ort namens Rorinlacha beziehungsweise Rorlach. So hat es Klaus Weyer in der Chronik der Würzburger Bischöfe von Lorenz Fries aus dem 16. Jahrhundert nachgelesen. An einer „Neuenstat“, an neuer Stätte, dem heutigen Neustadt, hat er eine Klosteranlage errichtet.

Errichtet hat Megingaud sie wohl, aber gegründet hat er das Kloster Neustadt nicht, ist der ambitionierte Heimatforscher überzeugt. Bereits vor Megingaud habe um das Jahr 738 ein Kloster in Neustadt existiert: eben in Rorinlacha, das Weyer oberhalb von Neustadt lokalisiert, dort, wo heute die Michaelskirche steht. Auf diesem Gelände soll sich das Jagdschloss befunden haben, das Bonifatius, der „Apostel der Deutschen“, von Pippin III. als Geschenk erhalten hat. Das stehe ebenfalls in der Fries-Chronik. Und Bonifatius habe das Schloss zusammen mit Burkard in ein Kloster umgewandelt und diesen als ersten Abt eingesetzt. Wenige Jahre später wurde Burkard zum Bischof des gerade von Bonifatius gegründeten Bistums Würzburg ernannt.

An diesem Punkt kommt nach den Recherchen des Lokalhistorikers Megingaud ins Spiel. Er wurde 741 in Rorinlacha zum zweiten Abt ernannt und veranlasste vermutlich bereits im gleichen Jahr einen Klosterneubau im Tal „an der alten Stätte“. Er befindet sich an der Stelle des heutigen Pfarrhauses, sagt Klaus Weyer.

754 wurde Megingaud als Nachfolger Burkards zum Bischof von Würzburg gewählt, 769 legte er sein Amt nieder und kehrte in sein altes Kloster zurück – mit 50 Mönchen. Deshalb baute er aus Platzgründen ein neues Kloster an neuer Stätte neben der alten Stätte. Klaus Weyer zeigt zur Vierung der Kirche. Nur sie habe sich von der karolingischen Megingaud-Kirche erhalten. Andere Forscher sind, was die alten und neuen Stätten anbelangt, anderer Meinung.

 

Kloster Neustadt am Main

Die Gemeinde Neustadt liegt im Landkreis Main-Spessart zwischen Marktheidenfeld und Lohr. Die ehemalige Abteikirche des Klosters, die Pfarrkirche St. Michael und Gertrud, ist von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Über dem Kapitelsaal befindet sich ein kleines Museum, das auf Anfrage besichtigt werden kann. Telefonische Anmeldung: Schwester Theresita, ? (0 93 93) 10 67, oder Klaus Weyer, ? (0172) 67 35 515.

Wer sich für Klaus Weyers Version der Geschichte von Kloster Neustadt interessiert, kann sie im Internet nachlesen unter: www.weyer-neustadt.de

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