CREGLINGEN

Als ein Bauer im Acker eine Hostie fand - Entstehunggeschichte der Herrgottskirche in Creglingen

"Der Taler in dem Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt“, soll der beleibte Dominikanermönch Johannes Tetzel im 16. Jahrhundert marktschreierisch gepredigt haben. Bis zu 100 Tage weniger Qualen konnten sich die Gläubigen verdienen, wenn sie ordentlich in ihren Säckel griffen. Mit den Einnahmen aus den Ablassverkäufen schmückte die Kirche, aufgestockt durch Stiftungen, ihre Gotteshäuser kunstvoll und üppig aus. So auch die Herrgottskirche in Creglingen im Main-Tauber-Kreis.

 

Meisterhaft: Tilman Riemenschneider ist der Schöpfer des Marienaltars und hat auch diese Apostelgruppe gefertigt. Foto: Ursula Düring

Sie ist vor den Toren der Stadt in einem romantischen Seitental der Tauber zu finden.

Handwerklich perfekt und kunstvoll gearbeitet fällt ein kleiner Turm an der Außenseite der Kirche auf, genannt „Tetzelkanzel“. Obwohl der Ablassprediger scheinbar nie im Taubertal war. Umrahmt ist das Türmchen von gotischen Wasserspeiern mit Hundsgesichtern und Fratzen mit schiefen Mäulern. Überhaupt sind die Steinmetzarbeiten außen, Menschenköpfe und steinerne Tiere, musizierende Engelchen, Dämonen, ebenso erstaunlich und sehenswert wie das gesamte Innere der Kirche, das sich wie ein begehbares Bilderbuch darstellt, so viel gibt es zu entdecken und überall zu bestaunen.

 

Von Gräbern umgeben: die Herrgottskirche.
Begonnen hat die Geschichte der Kirche, die inmitten eines Friedhofs steht, am Laurentiustag im Jahr 1334. Ein Bauer ackert in der Augusthitze eine unversehrte Hostie aus dem Boden. Aufgeregt und voller Ehrfurcht bringt er sie zu Gottfried und Konrad von Hohenlohe-Brauneck. Seine Fürsten bauen „dem hochwürdigen Sakrament zu Lob und Ehre“ auf den Fundort eine Kapelle, die gut 50 Jahre später vom Würzburger Bischof Gerhard zum Wallfahrtsort geweiht wird. Später kaufte der Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach den gesamten Besitz derer von Brauneck.

Das Kircheninnere erzählt Geschichten von früher. In zwei der farbigen Glasfenster im Chor begegnen wir der Stifterfamilie, derer von Hohenlohe-Brauneck. Neben dem Hochaltar besticht ein Sakramentshäuschen, das eine Totenkrone aufbewahrt, die seinerzeit auf den Sarg einer jungfräulich verstorbenen Frau gelegt wurde.

Vier Altäre birgt das Innere der kleinen Kirche. Jeder für sich ist ein Kunstwerk mit so vielen Details, dass das Auge sich nicht satt sehen kann. Alle sind im 15. Jahrhundert entstanden, die Seitenaltäre einmal dem Evangelisten Johannes und der Heiligen Lucia, auf der anderen Seite Johannes dem Täufer und dem heiligen Leonhard geweiht. Im Zentrum des Hochaltars berührt die Darstellung von der Kreuzigung Christi.

Der berühmteste ist der Marienaltar von Tilman Riemenschneider (1406 bis 1531), der Szenen aus dem Leben der Gottesmutter in einem Ebenmaß zeigt, wie es nur der Würzburger Meister schaffen konnte. In mühevoller Kleinarbeit fertigte er sein Werk, den Schrein aus Föhrenholz und die Figuren aus Lindenholz. Dass der Altar so gut erhalten ist, verdankt er einem regelrechten Kuriosum. Nachdem 1530 Brandenburg-Ansbach protestantisch wurde, verbarg man das Werk des großen Meisters hinter einem Verschlag und behängte die ungehobelten Bretter mit Totenkränzen. Im Lauf der Jahrzehnte wurde der Altar vergessen. Erst 1832 entdeckte man, was sich hinter dem billigen Holz verbarg.

Der begnadete Meister Til arbeitete drei Jahre an dem Altar. Ins Zentrum seines Werkes stellte er die Himmelfahrt Mariens, die Apostel zu ihren Füßen begleiten sie mit ihren erstaunten, frommen Blicken. Um den 25. August herum fällt auf sie ein besonderes Licht, denn die Westrosette lenkt den Schein der untergehenden Sonne direkt auf die Gottesmutter. Dieses Phänomen wird „Lichtwunder“ genannt und ist in diesen Augusttagen zwischen 16.30 und 18 Uhr zu bestaunen.
 

 

Herrgottskirche

In den Sommermonaten kann die Herrgottskirche täglich von 9.15 bis 18 Uhr besichtigt werden, von November bis einschließlich März ist die Kirche montags geschlossen und an allen anderen Tagen von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen werden nach Bedarf und Absprache angeboten. Kontakt: Evangelisches Pfarramt Creglingen, Kirchplatz 2, 97993 Creglingen, Tel. (0 79 33) 5 08. Internet: www.herrgottskirche.de

 

 

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