WÜRZBURG

Beten und Meditieren im Karmelitenkloster neben der Kneipenmeile

Mitten in der Stadt, an der Würzburger Kneipenmeile Sanderstraße, leben die neun Mönche der Unbeschuhten Karmeliten ein Leben in Gebet und Kontemplation. Ihr Zuhause ist ein gewaltiger barocker Bau, vollendet im 17. Jahrhundert.

 

Neun Teller für neun Pater: Das Refektorium der Unbeschuhten Karmeliten ist eine architektonische Kostbarkeit. Foto: Fotos (2): Thomas Obermeier

100 Meter lang an der Sanderstraße, mit der Klosterkirche St. Joseph und St. Maria Magdalena am nördlichen Ende, 80 Meter an der rückseitigen Reuerergasse, 60 Meter an der Landwehrstraße, 50 Meter an der Korngasse, zwei Innenhöfe, dazu ein Garten in der Landwehrstraße; hinter hohen Mauern ein scheinbar aus der Zeit genommenes Idyll.

Die 60-Meter-Zeile in der Landwehrstraße und Teile an der Sanderstraße hat der Orden ans Amtsgericht vermietet, das bald auszieht. Günter Aldenhoff, der Prior, geht schwer mit der Frage, wie er den Mietausfall kompensieren kann. Anteile von der Kirchensteuer bekommt der Orden nicht, die Unbeschuhten Karmeliten finanzieren sich aus Mieteinnahmen, Diensten in Gemeinden und Spenden.

Der Eintritt durch die Klosterpforte in der Sanderstraße führt in einen kleinen, dämmrigen Empfangsraum. Dann hinein ins Kloster – und die Luft angehalten vor Staunen: um die sechs Meter hohe, gewölbte Flure im Erdgeschoss, weiße, schmucklose Wände mit ein paar wenigen alten Gemälden, große Fenster: so hell, so großzügig; die Flure geben ein Gefühl von Weite, dem Himmel so nah. Aber an der Stirnseite einer Wand hängt ein riesiges, mehr als drei Meter hohes, graues Kreuz mit einem schmerzgeplagten grauen Gekreuzigten. Das holt die Schwärmer zurück auf die Erde.

Pater Günter, der Prior, sagt, wer in ein Kloster eintrete, dürfe nicht meinen, das Leben „mit irgendwelchen Idealen“ bestreiten zu können. Im Kloster werde er auf den Boden geholt. Hier müsse der Mensch „immer realistisch und geerdet sein“.

 

Klostermauer an der Kneipenmeile: Dahinter ist es still.
Realistisch? Geerdet? Realität ist eine Frage der Definition. Viele Welten drehen sich in der einen.

Ein Unbeschuhter Karmelit sucht in der Zurückgezogenheit ein vertieftes religiöses Leben, zu manchen Zeiten ist er ein Eremit in mönchischer Gemeinschaft. Ist er auf der Flucht vor der Welt eingezogen, bleibt er nicht lange. Glück im Kloster findet nur, wer im Verein mit seinem Gott da ist. Der Karmelit betet und meditiert in seiner Welt, versorgt Haus und Hof, hält Gottesdienste in der Klosterkirche, hilft in Pfarreien aus. Er pflegt die Gemeinschaft mit den Mitbrüdern. Die Gemeinschaft, sagt der Prior, ist sehr wichtig.

Der Karmelit hat in Würzburg einen Schlafraum und ein Arbeitszimmer, beide nicht größer als zehn Quadratmeter, beide einfach eingerichtet. Er teilt sich mit seinen Brüdern einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher, eine enorme Bibliothek, den Gebetsraum. Im Refektorium treffen sich die Mönche zum Essen. Im Würzburg außerhalb dieses Klosters ist nichts, was vergleichbar wäre mit diesem Speisesaal: Er ist haushoch, gut 50 Quadratmeter groß, eine mannhohe hölzerne Sitzbank, fast rundum an den Wänden; zwei, drei Meter hohe Fenster, alte Gemälde, eine Kanzel. In der Mitte der Tisch und die Stühle für die neun Brüder.

Es ist, als äßen die neun im Kreise derer, die ihnen vorangegangen sind.

So beeindruckend der Raum ist, so schlicht ist die Ausstattung, wie überall im Kloster, vom Dach bis in die Gruft. Nirgendwo neumodischer Tinnef, alles schwer, solide und haltbar, gemacht, um noch vielen Generationen von Karmeliten zu dienen, im Jenseits von der Hetze der Zeit.

Prior Günter meint: „Man sagt, im Kloster ist es so schön ruhig. Wir sagen aber, das Längerfristige, die Bindung bringt erst die Vertiefung, eine Reifung, auch durch Schwierigkeiten und Krisen hindurch.“
 

 

Karmelitenkloster

Für jedermann zugänglich ist die Klosterkirche der Karmeliten, die „Reuererkirche“, benannt nach einem Orden, der vor den Karmeliten hier war. Die barocke, in ocker und weiß gehaltene Fassade ist die erste Barockfassade Würzburgs.

Gottesdienstzeiten an Sonn- und Feiertagen: 10 Uhr Konventamt,

11.15 Uhr Betsingmesse, 17.30 Uhr Konventvesper, 18 Uhr Betsingmesse.

Mehr Infos: www.reuerer.de

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