DETTELBACH

Das Kunstmuseum Dettelbach steckt voller Pilgergeschichten

Wer die Treppe zur Pilger- und Wallfahrerausstellung im Kunstmuseum Dettelbach hochsteigt, den begrüßen als Erstes die treusten Gefährten der Wallfahrer: ausgelatschte, verstaubte Wanderschuhe. Ihr Anblick erzählt vom weiten, beschwerlichen Weg zu Andacht und innerer Ruhe. Mitten in dem Berg dick besohlter Profitreter liegt ein Paar weißer Schlappen – und Reinhard Worschech, der durch die Ausstellung führt, hat gleich die erste Geschichte parat.

 

Zwei Jahrhunderte, ein Leiden: Das Pilger- und Wallfahrermuseum Dettelbach kombiniert moderne Kunst mit jahrhundertealte... Foto: Obermeier/Schleicher

Der ehemalige Bezirksheimatpfleger und studierte Volkskundler war früher selbst Wallfahrer und weiß so viel, hat so viel erlebt, dass er bei jeder Führung immer nur einen Teil davon erzählen kann. Welchen, das hängt vom Publikum ab. Auf die weißen Schlappen angesprochen, die mehr nach Hausschuhen denn nach Wanderausrüstung aussehen, erinnert er sich an die Begegnung mit einer Landfrau während der Wallfahrt zum Kreuzberg. Sie trug solche Schuhe und lief munter neben ihm her, als er schon so müde war, dass er die Füße kaum mehr heben konnte. Diese fünf Tage Wallfahrt seien ihr Jahresurlaub – als gäbe es nichts Erholsameres. Dieser Frau ist der Bilderzyklus „Kreuzbergwallfahrt“ gewidmet.

Deren Tochter nämlich, die Künstlerin Ursula Flach, malte in neun Bildern eine abstrakte Reise auf den Kreuzberg. Das erste Bild ist dunkel, kaum etwas ist zu erkennen, bis auf ein paar schwarze Fußabdrücke, die wirken, als hätten sie ihre Richtung noch nicht gefunden. Bald schon tauchen feine Ornamente und Kreuze in den Bildern auf, erste Hinweise auf den religiösen Hintergrund des Weges. Gegen Ende beginnen die Fußstapfen zu glänzen. Erst kaum sichtbar. Bis sie beim letzten Bild, das als Einziges hochkant hängt und höher als alle anderen, ganz golden sind und im Gegenlicht leuchten.

Ein Kontrast, dass im selben Raum auch Werke hängen, die Hunderte Jahre alt sind. Bei ihnen ist das Thema oft auf den ersten Blick zu erkennen. Ein Mirakelbild, das um 1660 gemalt wurde, zeigt drei Pilger aus Karlstadt, die den Jakobsweg gegangen sind. Sie wollen mit dem Boot nach Hause fahren, als ein heftiger Sturm aufzieht. Statt Jakobus den Älteren um Hilfe anzuflehen, von dessen Grab sie doch gerade kommen, beten die Männer zur Mutter Gottes von Dettelbach – und überleben.

 

Außenansicht des Museums.
Andere Ausstellungsstücke kommen von den Wallfahrtskirchen Vierzehnheiligen, Mariabuchen, dem Käppele, aus Walldürn oder Rengersbrunn. Mindestens 300 Original-Exponate, schätzt Worschech, zeigt das Dettelbacher Museum auf zwei Stockwerken. Ausgerechnet von einem alten Dettelbacher Pilgerzeichen besitzt das Museum nur eine Kopie. Das echte ist in München.

So sprunghaft die Ausstellung zwischen den Jahrhunderten wechselt, so übertritt auch der Besucher die Grenze zwischen Neu und Alt. Das Museum ist teilweise Neubau, teilweise ins Baumannsche Haus integriert, mit Baujahr 1478 das älteste Haus von Dettelbach.

Direkt unterm Dach liegt die Kitschkammer, wie Worschech sie scherzhaft nennt. Dort sind Souvenirs gesammelt, die Pilger von den heiligen Stätten mitbringen. Feuerzeuge, ein Lolli mit Papstbild, Dürers betende Hände. Heiliger Kommerz. Aber Worschech lässt nicht zu, dass man all das belächelt. Sein Einwand kommt in Form einer Geschichte: Eine Landfrau kommt einmal im Leben aus ihrem Dorf heraus und pilgert nach Lourdes. Dort kauft sie von ihrem bisschen Geld die mittelgroße Marien-Porzellanfigur. Vorsichtig trägt sie die Figur den ganzen Weg zurück und stellt sie zu Hause wie einen Schatz in den Herrgottswinkel.

Sieht man die Geschichten hinter den Pilger-Souvenirs, hat der Kitsch plötzlich Wert, und die pastellfarbene, glasierte Marienfigur erzählt, genau wie die Schuhe in der Vitrine von der ernsthaften Suche nach innerer Einkehr.

 

 

Die Wallfahrt im Museum

Mitten in der Altstadt liegt, ganz modern mit Glasfassade, das Kunstmuseum. Das Kunstreferat der Diözese Würzburg hat die Exponate zusammengestellt, Träger des Museums ist die Stadt Dettelbach. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 10 bis 13 sowie von 14 bis 17 Uhr. Sonntags schließt das Museum bereits um 16 Uhr. Gruppenführung nach Anmeldung bei der Touristeninformation: Tel. (0 93 24) 35 60 oder per Mail: tourismus@dettelbach.de.

 

 

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