SCHWEINFURT

Dem romanischen Stilempfinden abgelauscht: Die Heilig-Geist-Kirche in Schweinfurt

Die nachfolgenden Generationen hatten keine besonders hohe Meinung von der Qualität der 1902 eingeweihten Schweinfurter Heilig-Geist-Kirche. Im 1937 erstmals erschienenen und 1977 überarbeiteten Kirchenführer heißt es: „Dem Zuge der Zeit folgend, welche die Kraft zu eigenen baukünstlerischen Lösungen nicht aufbrachte, schuf der Architekt eine dem romanischen Stilempfinden abgelauschte dreischiffige Basilika von 56 Metern Länge und 20 Metern Breite.“

 

Bekenntnis zu den alten Baumeistern: Blick in den Vierungsturm mit dem neuen Radleuchter. Foto: Mathias Wiedemann

Das sieht man mittlerweile vielleicht nicht mehr ganz so streng, allerdings sind Neugotik und Neoromanik bis heute eher unter historischen denn unter künstlerischen Aspekten interessant. Der Würzburger Architekt Anton Leipold hat jedenfalls gut hingehört, als er der Romanik die Pläne für Schweinfurts größte Kirche ablauschte: Kaum ein Schweinfurter wird sich das Stadtbild ohne Heilig Geist vorstellen können. Wer sich der Kirche vom Roßmarkt her nähert, wird immer wieder beeindruckt sein von der schieren Masse grauen Steins.

Aus anderen Blickwinkeln dagegen wandelt sich das Bild: Wenn der Betrachter ein paar Schritte links neben das Hauptportal tritt und das Langhaus entlang auf das Querschiff blickt, bekommt der Bau mit all den Säulennischen, Blendarkaden und dem schönen Ziegeldach eine fast filigrane Anmutung.

 

Es kommt auf den Blickwinkel an: Von der Seite wirkt die wuchtige Heilig-Geist-Kirche fast filigran.
Der Bau von Heilig Geist war nicht zuletzt Zeichen des neuen Selbstbewusstseins der Schweinfurter Katholiken – nachdem sie in der protestantischen Reichsstadt jahrhundertelang in der Unterzahl gewesen waren. Natürlich sieht man schon an der schablonenhaften Bauplastik, dass dies keine alte romanische Kirche ist. Trotzdem: Wenn man die Stufen zum Hauptportal hinaufsteigt, hat man das Gefühl, als blickten Jahrhunderte auf einen herab.

Die schweren, eisenbeschlagenen Holztüren sind tagsüber immer offen. Viele Schweinfurter nutzen das und kommen zum Gebet, zum Nachdenken und um in einer der Seitenkapellen kleine Votivzettel mit Herzenswünschen zu hinterlassen.

Innen lenken die mächtigen Säulenwände zwischen Haupt- und Seitenschiffen den Blick nach vorne – in das Licht aus dem Vierungsturm und in den seit kurzem golden leuchtenden Chor. „Man fühlt sich in diesen dicken Mauern nicht erdrückt, sondern geborgen“, sagt Stadtdekan Pfarrer Reiner Fries. Er und Pastoralreferent Günter Schmitt machen immer wieder die Beobachtung, dass die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten besonders gerne hierher kommen – ebenso wie die Architektur-Interessierten unter den Touristen.

Heilig Geist bekennt sich mehr und mehr zu seiner Vergangenheit. Seit vier Jahren findet unter der gestaltenden Aufsicht von Jürgen Lenssen, Kulturreferent der Diözese Würzburg, eine „maßvolle Rückführung“ (Fries) des Innenraums in den ursprünglichen Zustand statt.

Der Zweite Weltkrieg hatte wenig Schaden angerichtet. Eine Bombe traf die Sakristei, den Brand löschte ein gewisser Kaplan Julius Döpfner, später Kardinal. Sichtbarer waren bis vor kurzem die Eingriffe der 1960er Jahre. Damals erschien die Kirche mit ihrer Ausrichtung auf den Chor unmodern, alles sollte sich um einen zentralen Altar abspielen. Also wurden Wandmalereien übertüncht, der Chorraum mit einer Orgel zugestellt.

Nun sind die acht Propheten und Kirchenlehrer mit den hyperrealistisch überzeichneten Gesichtern im Chorraum, die 40 Jahre lang verdeckt vor sich hinstaubten, freigelegt und herausgeputzt. Gold säumt ihre Gewänder, die Gesichter haben Farbe bekommen. Auch das Gold der Kalotte, der Radleuchter über dem Altar in der Vierung, das große goldene Kreuz für Heinrich Söllers Figur des Gekreuzigten und die Mariennische im linken Querschiff sind neu. Und knüpfen doch an die Intentionen der alten Baumeister an.
 

 

Heilig-Geist-Kirche

Die neoromanischen Pläne für die Schweinfurter Heilig-Geist-Kirche in der Schultesstraße am Rande der Innenstadt lieferte der Würzburger Architekt Anton Leipold. Die Einweihung fand 1902 statt. Zur Innenausstattung gehören Kunstwerke aus verschiedenen Schaffensphasen des Schweinfurter Bildhauers Heinrich Söller (1903-1997) und Gemälde von Björn Hauschild (Jahrgang 1959). www.heilig-geist-schweinfurt.de

 

 

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