BAD KISSINGEN

Der Himmel auf Erden liegt in Kissingen

Wer zur Kur fährt, denkt an seinen Körper: Die Heilkraft der Quellen und die Reinheit der Luft entscheiden deshalb seit jeher über den Erfolg eines Kurorts. Ein Kurgast kann aber auch die Seele nicht zu Hause lassen. Daher sind Kultur und Geselligkeit, Musik und Spiritualität ähnlich wichtig wie Moor und Sole. Bad Kissingen hat das früh erkannt. In seiner Weltbadzeit entstanden Gotteshäuser in einer Vielfalt, die ihresgleichen sucht.

 

Der Himmel auf Erden: Die russisch-orthodoxe Kirche in Bad Kissingen wurde 1901 geweiht. Foto: Siegfried Farkas

Eine anglikanische Kirche wurde 1862 geweiht. 1901 folgte die russische Kirche. Und 1903 errichtete sich die stolze jüdische Gemeinde eine eindrucksvolle neue Synagoge.

Die Stürme der Zeit überstanden hat nur die dem heiligen Sergius von Radonesch geweihte russische Kirche. Die Synagoge fiel der Spitzhacke der Nationalsozialisten zum Opfer. Die nach dem kriegsbedingten Ausbleiben englischer Gäste kaum genutzte anglikanische Kirche wurde immer baufälliger. 1968 musste sie einem neuen evangelischen Gemeindehaus weichen.

Durch Krieg und Revolution sind auch der russischen Kirche an der Salinenstraße von Zeit zu Zeit die Gläubigen weggeblieben. Dennoch hat das Gotteshaus überlebt. Eine kleine, aber eifrige Gemeinde kümmert sich um sie. 40 bis 50 Seelen zählt die Gemeinde, sagt deren Sprecherin Tatjana Baranov. Jedes zweite Wochenende feiere die Gemeinschaft mit ihrem Priester aus Landshut den Gottesdienst.

Wer an einem russisch-orthodoxen Gottesdienst teilnimmt, braucht Stehvermögen. Zweieinhalb Stunden sind normal. An hohen Feiertagen können es bis zu vier, fünf, sechs Stunden werden: „Dann kommen auch viele Deutsche, die gar nicht Russisch verstehen“, erzählt Tatjana Baranov, „aber die sagen, wir verstehen mit unserer Seele.“

In den vergangenen Jahren sei die Gemeinde sogar ein wenig gewachsen, betont die Sprecherin. Auch junge Leute kämen jetzt. Die Gemeinde tut aber auch etwas dafür. Sie hat eine Lehrerin angestellt, für den Sprachunterricht. Religionsunterricht erteilt der Pfarrer. Alles, was die Gemeinde dafür und für den Unterhalt der Kirche braucht, trägt sie entweder durch eigene Leistung selbst bei oder finanziert es aus Spenden.

 

Die russische Kirche: geweiht dem heiligen Sergius von Radonesch.
Die Geschichte, wie die Kirche wieder zu Glocken kam, belegt, dass auf diese Weise selbst jahrzehntealte Wunden geheilt werden können. In Ersten Weltkrieg verschwanden die Glocken aus der russischen Kirche. Eingeschmolzen und zu Munition verarbeitet worden sollen sie sein. Womöglich sogar, um damit auf russische Soldaten zu schießen. 2006, also 90 Jahre später, erhielt die Kirche dank einer privaten Spende wieder sieben neue Glocken, eine große und sechs kleinere.

Entstanden ist die Kirche in der Zeit von 1898 bis 1901 nach den Plänen von Viktor Aleksandroviè Schröter. Er war nicht nur Hauptarchitekt der zaristischen Schlösserverwaltung, sondern auch Stammgast Bad Kissingens. Die Bauausführung vor Ort oblag dem damals viel beschäftigten Kissinger Architekten Carl Krampf.

Wie es im Bad Kissingen-Band der Reihe „Denkmäler in Bayern“ heißt, vermeidet der „gedrungene, frei byzantisierend gestaltete Kuppelbau die geläufige, malerisch wirkende Form der russischen Kirche“. Eine „gewisse Schwerfälligkeit“ in der Konkretisierung des Entwurfs schreibt das baugeschichtliche Werk „Verständnisschwierigkeiten“ der Ausführenden zu, denen das „Vokabular des russischen Heimatstils wahrscheinlich nicht ohne weiteres zu Gebote stand“.

Dass Bad Kissingen durchaus Bedarf an einer russischen Kirche hatte, belegt schon sein einstiger Beiname: Russenbad. In den 40 Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kurten über 92 000 russische Gäste in der Stadt, hieß es in einer Broschüre zum 100-Jährigen der Kirche.

 




Russische Kirche

Besichtigen kann man die russische-orthodoxe Kirche in der Bad Kissinger Salinenstraße dienstags, freitags, samstags, und sonntags jeweils in der Zeit von 14 bis 16 Uhr. Eine Anmeldung ist dafür nicht nötig.

Heute wird die Kirche von der Bruderschaft des heiligen Fürsten Wladimir Bratstwo unterhalten. Die Kirche ist dem heiligen Sergius von Radonesch geweiht. Der im neobyzantinischen Stil gestaltete Kirchenbau wurde von Viktor Schröter (St. Petersburg) geplant und von dem Kissinger Architekten Carl Krampf errichtet.

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