URPHAR

Die Jakobiskirche in Urphar als Fluchtburg

Wer den Schwingungen des Maintals von Marktheidenfeld nach Wertheim folgt, läuft Gefahr, das unweit der bayerisch-badischen Landesgrenze gelegene Dörfchen Urphar achtlos links neben der Straße liegen zu lassen. Ein Fehler: Denn die dortige Jakobskirche – auch als Urpharer Wehrkirche bekannt – ist ein uraltes, zauberhaftes, besterhaltenes Kleinod von geheimnisvollem, ja mystischen Charakter.

 

Eigentümlich und einzigartig: Das Kirchenbänke und die Wandmalereien stammen aus der Zeit der Spätromanik. Foto: Fotos(2): Thomas Obermeier

Auf den ersten Blick unscheinbar, thront das Gotteshäuslein hoch droben auf dem Ortshügel, wo sich die Gassen eng und steil hinaufwinden. Geben die erst später drum herum gebauten Wohnhäuser den Blick aufs Höchste frei, bestaunt man eine dick gemauerte Kirche von trutzburgartigem Wesen – ein Eindruck, der nicht trügt: Das Gebäude diente den Menschen des Mittelalters zum Gebet wie zum Schutz als Fluchtstätte. Seit 1000 Jahren steht diese Kirche nun schon so da, Urphar überragend mit all ihrer Wucht und Geschichte – und trotzdem eine kolossale Ruhe ausstrahlend.

 

Mit Blick auf das Maintal: Hoch oben liegt die trutzige Wehrkirche.
Vier solcher Wehrkirchen, die auch Verteidigungszwecken dienten, gab und gibt es rund um Wertheim: außer der Nummer eins in Urphar noch in Waldenhausen, Eichel und Dertingen. Und bis heute kennen die Einheimischen, berichtet Kirchenführer Alfred Kempf mit leuchtenden Augen aus der bewegten Historie, zum Beispiel jene unterirdischen Gänge, die von draußen in sie hinein führten.

In der Jakobskirche wird die Vergangenheit wahrhaft lebendig, das Mittelalter greifbar – aber nicht museal, sondern in einem nach wie vor alle 14 Tage für den Gottesdienst genutzten Raum: Schon das original erhaltene Balkengestühl von 1230 (im Chorturm aus Fichte, im Kirchenschiff aus schwerer, roher, den Unbill der Jahre majestätisch würdigender, dunkler Eiche) atmet den Hauch der Jahrhunderte. Noch ältere Kirchenbänke dürfte es weit und breit nicht geben; die Urpharer Sitze stammen unverändert aus der Ur-Bauzeit – und wurden bloß zum Zwecke der besseren Bequemheit vor 60 Jahren um zweite Rückenlehnen verlängert.

Den Bänken gleich noch aus der spätromanischen Zeit um 1300 stammen die vielen Fresken an den Wänden. Und der Boden, auf dem die Bänke stehen, ist ein wunderbar passender, rot abgewetzter Sandstein aus dem benachbarten Steinbrüchen in Bettingen und Dietenhan. Hinten auf der zweiten Empore – ja, Urphars Jakobskirche besitzt tatsächlich noch zwei Emporen – befindet sich die anno 1780 komponierte Orgel des Orgelbauers Johann Conrad Wehr aus Marktheidenfeld, deren tonale Qualität in den 70er Jahren der verstorbene Musikprofessor Heinz Auner aus Tauberbischofsheim in überregional beachteten Konzerten wiederbelebte. An Neujahr 2012, so weit laufen die Vorplanungen, nutzt das Posaunenquartett „opus 4“ des Leipziger Gewandhausorchesters die spezielle Akustik der kleinen evangelischen und ursprünglich einmal katholischen Kirche zum Konzert.

Über der Sandsteintür vom Chor zur Sakristei zeigt Alfred Kempf, der Kirchenführer, auf ein Wappen mit Jakobsmuschel und Pilgerstab, das dem Patron der Kirche gewidmet ist: Urphar ist auf dem Jakobswanderweg von Miltenberg nach Rothenburg ob der Tauber die offiziell dritte Station zum Erhalt des weithin berühmten Stempels im Pilgerpass. Die vielleicht eigentümlichste und eigenartigste ist es ganz gewiss.


 

 

Wehrkirche Urphar

Erreichbar ist die Wehrkirche in Urphar am schnellsten über die A 3 in Richtung Frankfurt. Von der Autobahn-Abfahrt Lengfurt („Wertheim Village“) sind es den Main entlang Richtung Wertheim noch vier Kilometer bis Urphar. Dort geht es links ins Dorf hinein und dann rechts den Hügel hinauf. Die Kirche selbst hat keine festen oder ständigen Öffnungszeiten.

Gottesdienste nur alle zwei Wochen.

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