Waldbüttelbrunn

Die Kultur-Kirche in Waldbüttelbrunn als Mittelpunkt des Gemeindelebens

Die Alte Kirche in Waldbüttelbrunn ist schon lange kein Gotteshaus mehr. Und hat doch – gläubige Katholiken mögen's verzeihen – für die Bewohner der 5184-Seelen-Gemeinde im Westen Würzburgs ähnliche Bedeutung wie die Neue Kirche ein paar Hundert Meter weiter. Seit 1980 ist sie Mittelpunkt des Gemeindelebens, ihr Turm Wahrzeichen.

 

Einmalige Atmosphäre für Musik und Theater: Die Alte Kirche in Waldbüttelbrunn bei Würzburg ist kultureller Mittelpunkt ... Foto: Thomas Obermeier

Ein weitsichtiger Bürgermeister weckte die Alte Kirche damals aus einer Art Dornröschenschlaf. Dass es in ihr lebendiger zugeht denn je, ist Verdienst des „Kulturforums Alte Kirche e.V.“.

Ortsoberhaupt Alfred Endres würdigt die „hochkarätigen“ Ausstellungen und Konzerte, die maßgeblich zum Wohn- und Freizeitwert Waldbüttelbrunns beitragen. Und sagt, wem die Gemeinde das verdankt: seinem Vorgänger Philipp Hümmer. Der überzeugte Mitte der 70er Jahre Gemeinderäte und Bürger, die das alte Gemäuer hatten abreißen wollen.

Nach der Weihe der Neuen Kirche 1929 war das Kirchlein verkommen, 1940 kaufte es die politische Gemeinde für 2000 Reichsmark. 1945 wurden Turm und Westfassade bei einem Angriff der Amerikaner beschädigt, nach dem Krieg diente die Kirche als Magazin. Die Fenster waren zugenagelt. Jeder, der das finstere Langhaus mit der durchlöcherten Decke gesehen hatte, fragte sich, welch riskantes Abenteuer Gemeinderat und Bürgermeister wagten.

Die Renovierung begann 1976. Ein Ruck ging durchs Dorf, als in der kupfernen Kugel unterm Kreuz, uralte Urkunden zum Vorschein kamen. Die Waldbüttelbrunner begannen, sich intensiv mit ihrer Geschichte zu beschäftigen.

In einer Urkunde aus dem Jahre 1355 ist erstmals eine Kirche an dieser Stelle erwähnt. Dort, wo die Alte Kirche heute steht, sind Turm und ein Teil des Kirchenschiffes 1476 erbaut worden. Just das Jahr, in dem ein Bauernheer von der Tauber an den Main zog, um von Bischof Rudolf von Scherenberg die Freilassung des Predigers Hans Böheim zu fordern, bekannt als „Pauker von Niklashausen“ oder „Pfeiferhänslein“. In dem Buch „Der große deutsche Bauernkrieg“ schreibt Wilhelm Zimmermann, dass des Bischofs Reiter den Aufständischen in den Rücken fielen, als sie abzogen. „Aber die Bauern stellten sich zur Wehr, zwölf bleiben auf dem Platz, viele entflohen verwundet, manche in die Kirche von Büttelbronn, wo sie, mit Feuer und Hunger bedroht, sich gefangen gaben.“

 

Bühne frei! Foto: Tilman Toepfer
Erwähnenswert noch das Jahr 1631, als neben 43 Häusern auch die Kirche durch plündernde schwedische Soldaten zerstört wurde. Schon 1705 will man erkannt haben, dass die Kirche zu klein geworden war. Aber erst im Jahre 1892 wurde das Kirchenschiff um 6,5 Meter bis zur Lindenstraße erweitert.

Großartig ist das Kapitel, das 1980 aufgeschlagen wurde. Seither haben Künstler einen Ausstellungsraum, Schauspieler eine Bühne, Musiker einen Konzertsaal, die Empore ist Vereinsraum der Sänger. Auch standesamtliche Trauungen und andere Veranstaltungen der Gemeinde finden in der Alten Kirche statt.

Ohne sie gäbe es vermutlich kein „Kulturforum“. Als der Verein 2009 zehnten Geburtstag feierte, konnte Vorsitzender Siegfried Hutzel auf mehr als 120 Veranstaltungen mit 7000 Besuchern zurückblicken. Nicht immer sind alle 100 Stühle besetzt, aber immer öfter.

Knapp 70 begleiten an einem Abend im Juli „Mozart auf der Reise nach Prag“, eine Lesung nach der Novelle von Eduard Mörike mit Spielszenen in historischen Kostümen und Musik. Die tropische Hitze draußen prallt an den dicken Mauern ab, allein das Ensemble heizt den Besuchern ein. Als ein Darsteller sagt, Mozart-Arien seien wie für diese Kirche gemacht, mögen viele wohl gedacht haben: Auch Kabarett, Blasmusik und „Jugend musiziert“ sind für die Kultur-Kirche wie gemacht.


Alte Kirche

  • 1355: Erstmals wird eine Kirche in Waldbüttelbrunn urkundlich erwähnt.
  • 1602/03: Das Ritterstift St. Burkard lässt das Gotteshaus erneuern.
  • 1631: Die Kirche wird durch schwedische Soldaten zerstört.
  • 1771: Die Kirche ist seit Jahren zu klein. Das Ritterstift St. Burkard beginnt mit der Erweiterung.
  • Juli 1929: Die Neue Kirche wird geweiht, die alte nicht mehr genutzt.
  • Juni 1940: die Gemeinde kauft die Alte Kirche für 2000 Reichsmark.
  • Juli 1976: Der Gemeinderat stimmt für Erhalt und Umbau.

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