Schwemmelsbach

Ein Barockjuwel hoch über dem Dorf - Die Barockkirche Sankt Cyriakus in Schwemmelsbach

Fast vornehm, nobel, ja höfisch erscheint der Innenraum dieser barocken Dorfkirche Sankt Cyriakus in Schwemmelsbach (Lkr. Schweinfurt). Weiße Stuckornamente streben zur Decke, unterstreichen die reiche Gliederung des Raumes, dessen barocke Ausstattung sich vom Hochaltar über die Kanzel bis zur Orgelempore erhalten hat.

 

Sankt Cyriakus in Schwemmelsbach: barocker Volutengiebel neben Julius-Echter-Kirchturm. Foto: Silvia Eidel

Wie ungewöhnlich, so ein barockes Kleinod auf dem Land zu finden. Und dass diese Kirche, basierend auf Plänen des Residenz-Baumeisters Balthasar Neumann, mit ihrem Volutengiebel überhaupt über dem 400-Seelen-Dorf thront, hat eine noch ungewöhnlichere Geschichte. Denn ursprünglich sollte sie im Nachbarort Greßthal triumphieren.

Dort war seit dem späten Mittelalter der Sitz einer sogenannten Oberpfarrei, reich ausgestattet mit Pfründen, groß an Territorium. Ein Würzburger Domherr stand ihr vor. Da es ihm zu anstrengend war, ständig zwischen Oberpfarrei und Domherrensitz in der Bischofsstadt Würzburg zu pendeln, setzte er vor Ort einen Vikar ein.

In diesem Amt waltete ab 1729 auch ein gewisser Johann Sigismund Kilian, offenbar ziemlich vermögend und beseelt davon, in Greßthal eine große barocke Kirche zu errichten. Er ließ sich von Balthasar Neumann die Pläne zeichnen. Doch das dortige Kirchengelände war ungeeignet, es lag an einem steilen Abhang.

Also überredete er die zu seiner Oberpfarrei gehörige Nachbargemeinde Schwemmelsbach, ihre alte Kirche abzubrechen und dort das neue Barockgotteshaus zu errichten. Nach einigem Sträuben willigten die Katholiken ein, die neue Kirche wurde, wenn auch kleiner als in den Originalplänen von Neumann, von 1738 bis 1744 dort gebaut.

Von der alten Kirche aus der Zeit Julius Echters um 1600 kündet heute der typische Turm: quadratisch und mit Spitzhelm. Noch älter aber, wohl aus dem 15. Jahrhundert, ist im Innern ein anderes Juwel: Eine kleine sitzende Madonna mit Zepter und Kind. Fast versteckt saß die gotische Figur bis zur jüngsten Kirchenrenovierung 2003/04 an der hinteren Wand des Gotteshauses, bis sie jetzt einen würdigen Platz an der linken Seite des Langhauses erhielt: Vor einer goldenen Scheibe auf dem früheren Volksaltar.

 

Die Madonna mit Kind stammt aus dem 15. Jahrhundert.
Neben Maria begegnet der Kirchenbesucher zahlreichen weiteren Heiligenfiguren und -gemälden: Allen voran dem Kirchenpatron Cyriakus an der Außenfassade sowie auf dem Altarbild. Hier ist er nach der Legende dargestellt, wie er der Tochter des römischen Kaisers Diokletian den bösen Geist austreibt. Rechts vom Hochaltar hat auch der frühere zweite Patron, Sankt Gallus, seinen Platz. Die Figur ist gemeinsam mit einem Bären abgebildet, der Holz im Maul trägt – ebenfalls der Legende geschuldet. Und selbstverständlich haben die drei Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan ihren Platz im barocken Gotteshaus: auf dem rechten Seitenaltar.

An dieser Stelle wird auch seit 30 Jahren wieder, nach etwa 50-jähriger Unterbrechung, ein alter Brauch gepflegt: Ein „Heiliges Grab“ wird von Karfreitag bis Christi Himmelfahrt aufgebaut. Aus Kartonagen setzen Pfarreiangehörige eine Szenerie zusammen, die den Leichnam Jesu, bewacht von zwei Engeln, in einem Grab zeigt. In der Osternacht wird der liegende Jesus mit dem Auferstandenen getauscht. Allerdings, so wissen Verantwortliche, war diese Figur nach der langen Pause verschwunden, weshalb eine neue beschafft werden musste.

Diese Tradition der bildlichen Darstellung biblischer Szenen war in vielen Regionen schon in der Barockzeit weit verbreitet. Und wer weiß, vielleicht war schon vor 250 Jahren den Schwemmelsbacher Gläubigen die anschauliche Darstellung der Auferstehung Jesu ein Anliegen.

 

 

Barockkirche

Die Kirche Sankt Cyriakus wird jeden Tag um 7.30 Uhr aufgeschlossen und ist bis 18 Uhr geöffnet. An der Kirche vorbei führt auch der Themenradweg „Auf den Spuren Balthasar Neumanns“, der am Schloss Werneck startet und nach 78 Kilometern dort wieder endet. Das Kartenmaterial ist in Rathäusern der Gemeindeallianz Oberes Werntal sowie beim Regionalmanagement im Rathaus Euerbach erhältlich.

 

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