Dettelbach

Eine Prügelei und ihre Folgen - Entstehung der Wallfahrtskirche Maria im Sand

Wallfahrtskirche Maria im Sand:Vor über 500 Jahren kam zum ersten Mal ein Pilger nach Dettelbach

 

"Wallfahrer ziehen durch das Tal,

mit fliegenden Standarten.

Hell grüßt ihr doppelter Choral

den weiten Gottesgarten. . .“

 

 

Diese Verse aus der dritten Strophe des Frankenlieds von Victor von Scheffel beschreiben die Wallfahrtsfrömmigkeit des Frankenlandes. Sie könnten aber auch explizit für die Gnadenstätte „Maria im Sand“ /Maria in Arena, ehemals Maria in den Weinbergen, in Dettelbach stehen. Zu dem beliebten Wallfahrtsort pilgern seit über 500 Jahren zahlreiche Gläubige, um den Schutz der Gottesmutter Maria zu erflehen.

Die Wallfahrtskirche liegt auf einer Anhöhe unweit der Weinberge, die das Winzerstädtchen Dettelbach auf der einen und der Main auf der anderen Seite malerisch umrahmen. Der DuMont-Kunstreiseführer beschreibt Maria im Sand als ein Musterbeispiel dafür, wie leicht und anmutig-elegant sich Bauelemente der Gotik und Renaissance, des Barock, Rokoko und frühen Klassizismus zu einem harmonischen Ganzen vereinen können.“ Mit seinen etwa 80 Wallfahrten im Jahr ist Dettelbach einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte im Bistum Würzburg. „Die Wallfahrt entstand, so erzählt die Ursprungssage, nach einer Wirtshausschlägerei“, berichtet Pater Richard Heßdörfer, Guardian des Franziskanerklosters. Der Tagelöhner Nikolaus Lemmerer aus Melkendorf bei Bamberg wurde „auf den Tode zerhauen und verwundet“, wie ein Chronist berichtet. Er überlebte, wurde aber zum Pflegefall.

 

Prachtvoll: das Renaissanceportal.
In seiner Not wandte er sich an Maria und erfuhr in einer Traumvision, dass er geheilt würde, wenn er eine Kerze zur schmerzhaften Madonna in den Weinbergen bei Dettelbach trüge. Lemmerer gelobte dies und wurde im Sommer 1505 auf wundersame Weise geheilt. „Seine Heilung sprach sich schnell herum“, weiß Pater Richard. Bereits ein Jahr später kamen die Leute in Prozessionen nach Dettelbach. 1511 wurde die erste Kapelle erbaut. 100 Jahre später ließ der Würzburger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn das dortige Kirchlein in großem Stil erweitern und sorgte damit dafür, dass die Wallfahrt richtig aufblühte.

„In der ersten Zeit werden etwa 70 Wunder berichtet“, sagt der Guardian. In der Wallfahrtskirche berichten heute noch 25 Mirakelbilder von diesen wunderbaren Ereignissen. Da ist zum Beispiel eine Frau, die von einem Dach in einen Zaun fiel und Dank der Fürsprache der Muttergottes unversehrt blieb. „Manche sagen, da habe ich einfach Glück gehabt“, erklärt der Franziskaner. „Andere sagen, Maria hat mir geholfen.“ Auch Julius Echter merkte bald, dass diese Wallfahrt eine richtige Betreuung brauchte. So siedelte er 1616 die Ordensleute der Franziskaner an, die sich bis heute um die Kirche und die Pilger kümmern. Vier Brüder und vier Priester leben heute noch dort. Und sie betreuen heute neben der Wallfahrt auch noch die Pfarreiengemeinschaft Dettelbach mit ihren fünf Pfarreien.

 

Magnet für Pilger: Hoch über Dettelbach thront die Wallfahrtskirche. Foto: Th. Obermeier
Die Wallfahrer kommen aus der Umgebung von Würzburg, Schweinfurt, Miltenberg bis nach Herzogenaurach, viele auch aus anderen Regionen. Sie beten, sie singen, sie kommen zu Fuß, teils mit dem Bus oder mit dem Fahrrad. Aber alle Gläubigen wissen genau, dass sie hier über ihre Sorgen sprechen können. Entweder mit Pater Richard oder einem anderen Bruder bei der Beichte oder im stillen Gebet mit der schmerzhaften Muttergottes. Dreimal umkreisen die Pilger den Gnadenaltar mit der Pieta. Geschaffen hat das Rokokokunstwerk Agostino Bossi. Der aus Stuckmarmor errichtete, mit einem Baldachin versehene Gnadenaltar ist ein faszinierendes Kunstwerk aus der Übergangszeit vom Rokoko zum Klassizismus und gilt als der kunsthistorische Höhepunkt der Wallfahrtskirche. An allen vier Seiten sind Altarnischen angebracht, um verschiedenen Wallfahrtsgruppen gleichzeitig Andachten zu ermöglichen.

Nicht wenige Leute kommen aufgrund ihres kunstgeschichtlichen Interesses an diesen Ort. „Ich zeige ihnen gerne die Kirche. Mein Ziel ist es, die Menschen über die Kunst zum Nachdenken über den Glauben zu bewegen“, sagt Pater Richard. Und: „Jedes Kunstwerk hat eine Botschaft.“ So auch das Renaissanceportal von Bildhauer Michael Kern. „Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert sind die Säulen der Kirche.“ Das Wappen über dem Portal kündet vom Stifter: Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn, eingerahmt von einer Verkündigungsgruppe und bekrönt von der Anbetung der Könige. Der Fürstbischof hatte die Wallfahrt in der Gegenreformation wiederbelebt und stiftete die Kirche.

Zu den Kostbarkeiten im Inneren, die Kunstliebhaber und historisch Interessierte in die Kirche ziehen, gehört eine Kreuzigungsgruppe aus der Riemenschneider-Schule und eine – frisch restaurierte – Alabasterkanzel, die Michael Kern 1626 schuf. Sie zeigt ein in der Gotik beliebtes Thema: den Ahnherren Jesse (Vater Davids), aus dessen Brust die Äste mit Abkömmlingen sprießen, die mit der Figur Mariens enden.

Im September werden besonders viele Wallfahrer in Dettelbach erwartet, an den Marienfeiertagen Maria Geburt (8. September), Maria Namen (12. September) und Maria Schmerz (15. September). „Hier an dieser Stelle haben die Leute Gottes Hilfe gespürt“, sagt Pater Richard. Das merke man. „Im Heiligtum der Gottesmutter können die Menschen ein weinig Himmel auf Erden spüren, denn hier hat der Himmel die Erde berührt und berührt sie noch“, da ist sich Pater Richard ganz sicher. Menschen der Bibel, aber auch viele andere Menschen gerade an Wallfahrtsorten wie Dettelbach und anderswo, haben Gott gespürt. Wo Menschen Gott suchen, sind solche Erfahrungen hilfreich.

 



Muskatzinen

Dettelbachs Bäcker bewahren ein Geheimnis. Kein trauriges, sondern eines, das auf der Zunge zergeht. Der Zuckerbäcker Urban Degen entwickelte 1810 das Rezept für die Muskatzinen, ein Wallfahrtsgebäck. Die Kunst der Bäcker stand schon lange in Verbindung mit der Wallfahrt. Als diese um 1500 in Dettelbach richtig in Schwung kam, brachen für die Zunft goldene Zeiten an, denn die vielen Wallfahrer stärkten sich gerne mit Gebäck und Süßwaren. Doch erst 300 Jahre später gelang Urban Degen der große Wurf: Er kreierte ein neues, würziges Gebäck – die Muskatzinen. Sie unterschieden sich im Geschmack von den bisher bekannten Leckereien, da sie neben Zimt oder Nelken eine ganz besondere Zutat enthalten: Muskat. Auch die schleifenähnliche Form des Gebäcks ist ungewöhnlich. Da Degen keine Nachfolger hatte, weihte er die ansässigen Bäcker ein und forderte von ihnen das Versprechen, die Rezeptur nur unter den Einheimischen weiterzugeben.

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