Haßfurt

Fast eine Kathedrale: Die Ritterkapelle in Haßfurt

Der spätromanische Bau wurde jahrelang restauriert. Jetzt öffnet die Kirche wieder ihre Pforten.

 

Für Carl Alexander Heideloff war die Gotik der Baustil der Deutschen Nation schlechthin. Der 1789 in Stuttgart geborene Architekt, Maler und Denkmalpfleger war ein Kind der Mittelalterromantik und des „Teutsch“-Nationalismus. Mitte des 19. Jahrhunderts wollte er die spätgotische Marienkapelle in Haßfurt, die er mit neugotischen Elementen veränderte, in eine Kathedrale verwandeln.

Zwei Türme sollte „dieser herrliche Tempel“ haben, wie der Kölner Dom, den Heideloff als „heiliges Denkmal“ anbetete. Diese Idee konnte der „Königliche Conservator“, der auch den Titel „Conservator der Denkmäler in Franken“ trug, nicht verwirklichen. Er starb 1865 in Haßfurt, vereinsamt und von seinen Zeitgenossen am Ende seines Lebens zuweilen heftig kritisiert. Seit Heideloffs Zeiten wird die Marienkapelle meist Ritterkapelle genannt.

Heute gilt Heideloff als Wegbereiter der Denkmalpflege. Seine konservatorische Herangehensweise an historische Bauten ist jedoch passé. Zukunftsweisend war jedoch, dass Heideloff bei jedem Objekt großen Wert auf eine Bauuntersuchung legte. Das verbindet ihn mit der jüngsten, gerade vollendeten Restaurierung von Haßfurts Wahrzeichen.

Heideloff hätte sicher mit Freude auf die neue Farbe der Ritterkapelle reagiert. Die Fassade erstrahlt in einem Silbergrau, fast Weiß, in der Farbe der neugotischen Kathedralen. Dunkel abgesetzte Fugen deuten große Quadersteine an. Die 276 Schilde des berühmten Wappenfrieses hoch oben am Chor setzen bunte Akzente. Die Ritterkapelle wirkt von außen so neu, als wäre sie gerade errichtet worden. Im Inneren der Kirche wurde bei den Restaurierungsarbeiten jedoch auf das Werk eines Vorgängers von Heideloff Bezug genommen.

Bereits Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (1573 – 1617) hatte im frühen 17. Jahrhundert eigene Vorstellungen von der Ritterkapelle. Er erhöhte unter anderem das Langhaus, wölbte es ein, ebenso den Chor, und baute Strebepfeiler ein. Eine Tafel an der Westfassade erinnert an seine Umgestaltung. Die aktuelle, sich an Echter orientierende Konzeption des Kirchenraums hat Jürgen Lenssen, Leiter des Bau- und Kunstreferats der Diözese Würzburg, entworfen. „Es sollte ein Kirchenraum entstehen, der dem historischen Befund entspricht – die Einheit von Architektur und Fassung unter Julius Echter.“

Filigrane Blumenornamente

Der Kirchenraum wirkt nun größer, heller, transparenter. Die bei einer Renovierung nach Kriegsende vor 60 Jahren überputzten Ausmalungen im Gewölbe des Hochchors wurden wieder freigelegt und teilweise ergänzt. Zu sehen sind filigrane Blumenornamente. Sogar ein Echter-Wappen wurde bei der Restaurierung entdeckt. Die einst grau überstrichenen Konsolsteine der Gewölberippen, dargestellt sind Mischwesen, Affen oder Drachen, leuchten in ihrer einstigen Farbigkeit. Auch die Fassung der mehrere Tonnen schweren Schlusssteine des Chorgewölbes wurde rekonstruiert. An der Langhauswand kam sogar ein mehrere Meter hoher gemalter Christophorus zum Vorschein.

Zu denen, die nach Heideloff'scher Manier eine Bauuntersuchung durchgeführt und jedes Detail genau unter die Lupe nahmen, gehört Johannes Wald, Mitinhaber der Restaurierungsfirma Wald Gebrüder GmbH aus Fladungen. Er hat jedoch andere Ansichten als Heideloff. Auch mit der Umgestaltung vor sechs Jahrzehnten hat er seine Probleme. „Im 19. Jahrhundert, wurden viele Dinge einfach abgeschlagen, in den 1950er Jahren Gemälde abgewaschen“, sagt er. Damals sollte eine gotische Kirche entstehen. Aber „die Leute, die vorgaben, die Gotik zu erhalten, haben sie zerstört“, sagt Johannes Wald.

„Es wurde von einem falschen Mittelalterbild ausgegangen“, erläutert Domkapitular Lenssen. Bei der Umgestaltung im Jahr 1948 sei man ohne Bauuntersuchung und ohne Befund ans Werk gegangen und habe gedacht, im Mittelalter hätte es keine farbigen Fassungen gegeben. „Man hat Tabula rasa gemacht und dabei auch Heideloffs Werk zerstört aufgrund der Vorstellung, die Gotik sei kahl und steinsichtig gewesen.“ Für den Mittelalterromantiker Carl Alexander Heideloff findet Jürgen Lenssen entschuldigende Worte: „Das 19. Jahrhundert hat wenigstens einen eigenen Stil entwickelt.“ Wie dieser aussah, zeigt beispielsweise ein Rest hinter dem neugotischen Hochchor. Dieses Wandstück lag nicht im Blickfeld. Deshalb hat man sich nach Kriegsende die Arbeit erspart, die Bemalung zu entfernen beziehungsweise abzuwaschen und zu überputzen. Zu erkennen ist ein gemalter Teppich mit geometrischen Mustern in einer schweren, dunklen Farbgebung. Wie düster, starr und auch ein wenig unheimlich muss damals die neugotische Ritterkapelle gewirkt haben.

Die Bauuntersuchung in Zusammenarbeit mit Annette Faber vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gab auch Aufschluss darüber, worauf der Erbauer der Ritterkapelle, Fürstbischof Johann II. von Brunn (1411 – 1440) sein Augenmerk gelegt hatte. Beim Anblick der Sakristei kommt Restaurator Wald ins Schwärmen. Sie sei der älteste Raum der Ritterkapelle, „rein Brunn“. Er erkennt feine, qualitätvolle Steinmetzarbeiten. Nicht nur dort. Beim Treppenaufgang zur Empore an der Westseite zeigt sich in dem Konsolkopf der Blendarkaden, dass die Kirche bis ins Detail „großartig angelegt“ war.

Irgendwann ging dem Bauherrn jedoch das Geld aus. Brunn konnte die Kapelle nicht fertigbauen. Der Baustopp muss plötzlich erfolgt sein. So hörten die Steinmetze bei einem kleinen Kapitell, das sich an der Westwand hinter der Orgel befindet, mitten in der Arbeit auf. Brunns Nachfolger änderten zudem das Baukonzept, stellte Johannes Wald bei seinen Untersuchungen fest. Dabei wurde nicht immer darauf Rücksicht genommen, was bereits vorhanden war. Gerade im Bereich der Empore erkennt Wald mehrere Bauabschnitte.

Nahtstelle zwischen Chor und Langhaus

Umfassend waren sicher auch die Veränderungen unter Fürstbischof Julius Echter. Bei ihm standen „liturgische Gründe“ im Vordergrund, sagt Kunstreferent Lenssen. „Echter hat damals das Gnadenbild in die Mitte, an die Nahtstelle zwischen Chor und Langhaus gesetzt und damit die Bedeutung der Kapelle als Wallfahrtskirche hervorgehoben.“ Generell habe Echter in der Gegenreformation die Wallfahrtsfrömmigkeit gefördert. Deshalb sei unter ihm auch das Langhaus zur weiten Halle umgebaut worden, damit viele Menschen Platz und einen freien Blick auf das Gnadenbild haben.

„Mein Konzept für die Marienkirche ist die Fortführung einer Tradition“, betont Lenssen im Hinblick auf die goldfarbene Stele, die für einige Zeit in Haßfurt für viel Aufregung sorgte. Der Domkapitular erklärt, dass die Stele dort steht, wo schon Echter das Mariengnadenbild in den Blickpunkt gerückt hat – mit einer Neuerung: „Mit dieser Stele wollte ich nicht nur ein Gnadenbild, sondern beide Werke präsentieren, das hölzerne Gnadenbild in Richtung Langhaus und das steinerne in Richtung Altar.“ Der Raum, der „zuvorderst ein Sakralraum ist und kein Museum“, wird laut Lenssen durch die Stele und die Ausrichtung der Gnadenbilder in den Bereich privater Frömmigkeit und den Bereich der Liturgie getrennt. Gleichzeitig kann die Stele von den Gläubigen umrundet werden. Diese Betonung auf eine Wallfahrtskirche sei unter Heideloff aufgegeben worden, denn er setzte die Gnadenbilder an die rechte Langhauswand.

Letztlich war ein Baufehler unter Echter der Auslöser dafür, dass Lenssen den einstigen Echter-Kirchenraum wieder auferstehen lassen konnte. Am Gewölbe des Langhauses und am Chorbogen tauchten vor einigen Jahren Risse auf. Die von Echter nachträglich eingestellten Strebepfeiler waren nicht mit der Außenwand verbunden und konnten die Schubkräfte nicht auffangen. Vor fünf Jahren wurde die Ritterkapelle, zu der die Haßfurter eine besondere Beziehung haben, geschlossen. Ziel der notwendig gewordenen und rund 3,4 Millionen teuren Restaurierung war „die Betonung des historischen Erbes. Die Geschichtlichkeit dieses ehrwürdigen Raumes sollte spürbar werden“, so Domkapitular Lenssen. Vorbei sei nun der Zustand, „der weder der Architektur entsprach noch den einzelnen historischen Bauphasen“.

Ritterkapelle in Haßfurt

Am 12. September wird die Marien- beziehungsweise Ritterkapelle in Haßfurt wiedereröffnet. Die Altarweihe beginnt um 17 Uhr. Das Gotteshaus befindet sich am östlichen Ende der Altstadt von Haßfurt. Es ist während der Sommerzeit von 8.30 bis 18 Uhr geöffnet, während der Winterzeit von 8.30 bis 17 Uhr. Wer sich für eine Führung interessiert, der meldet sich bei der Stadtverwaltung, Tel. (0 95 21) 6 88 - 0, oder beim Pfarrbüro, Tel. (0 95 21) 14 84.

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