KLEINBARDORF

Große Kirchenkunst im Dörfchen : Die Sankt Ägidiuskirche in Kleinbardorf

Mit seinen 340 Seelen gehört Kleinbardorf zu den kleinsten Ortschaften im Landkreis Rhön-Grabfeld. Es geht auch deshalb sehr beschaulich zu im Dörfchen, das idyllisch am Fuße der Haßberge liegt. Eine Gastwirtschaft oder einen Kaufladen sucht man dort vergebens. Dafür beeindrucken zwei sehenswerte Baudenkmäler umso mehr: Das Wasserschloss am westlichen Ortsrand und die mitten im Dorf stehende Kirche Sankt Ägidius, die im Jahr 1712 eingeweiht wurde und nicht nur durch ihr markantes Äußeres auffällt, sondern auch durch ihr Inneres besticht.

 

Außergewöhnlich: Das Deckenfresko von Johann Peter Herrlein.

Die Pfarrei Kleinbardorf ist schon sehr alt. 1378 wurde sie gegründet und unter den Schutz des heiligen Ägidius gestellt, daher der Name der Kirche. Der heilige Ägidius (640 bis vermutlich 720) war griechischer Kaufmann und später Abt in Südfrankreich. Er ist einer der Vierzehn Nothelfer und Schutzpatron der stillenden Mütter und der Hirten. Als Schutzheiliger wurde Ägidius ab dem Mittelalter beliebt.

Als der Turm des Kleinbardorfer Kirchleins einzustürzen drohte, sammelte man ab 1700 für eine neue Kirche. Kein Geringerer als der fürstbischöfliche Baumeister Joseph Greising persönlich lieferte die Pläne, entsprechend repräsentativ fiel der Neubau aus.

Das fängt schon beim äußeren Erscheinungsbild an: Der Kirchenbau hat eine barocke Fassade, gegliedert durch flache Kolossalpilaster und überragt von einem geschweiften Blendgiebel. Den mächtigen Turm krönt eine Welsche Haube. Die Welsche Haube wurde während der Renaissance und des Barock oft als Bedachung von Kirchen- und Rathaustürmen verwendet. Dabei besteht die Turmbekrönung meist aus mehreren übereinanderliegenden Hauben und laternenartigen Zwischenstücken.

 

Erhaben: Die Kirche Sankt Ägidius in Kleinbardorf fällt durch ihre Barockfassade aus dem Rahmen. ALFRED KORDWIG Foto: Fotos(2):
Ist St. Ägidius in Kleinbardorf schon von außen ein sehenswerter Kirchenbau, wie man ihn in der Umgebung nur selten findet, verstärkt sich dieser Eindruck noch, wenn man sich der Kirche über die großzügige Freitreppe nähert und sie durch die mächtige Holztür betritt. Sofort fällt auf, dass der Kirchenraum ungewöhnlich reich ausgestattet ist. Dies ist den begnadeten Bildhauern Johann Christian und Johann Adam Lux zu verdanken, die damals die am meisten beschäftigten Künstler im gesamten nördlichen Grabfeld waren. Sie lieferten ab 1718 die Skulpturen und den Aufbau des prächtigen Hochaltars.

Einige Jahrzehnte später ereignete sich ein zweiter Glücksfall: Eine Stiftung ermöglichte das Ausmalen der Kirche durch den in Kleinbardorf aufgewachsenen Maler Johann Peter Herrlein. Er gilt als einer der führenden Künstler im Unterfranken des 18. Jahrhunderts. Neben anspruchsvollen Arbeiten, vor allem in den katholischen Kirchen des Grabfelds, führte er auch viele Aufträge in den evangelischen Kirchen des damals thüringischen Sondheim vor der Rhön und Herpf aus. Im Mittelpunkt seines herrlichen Deckenfreskos steht der Patron der Kirche, der heilige Ägidius.

Schließlich fällt auch noch die Orgel in der Kirche aus dem üblichen Rahmen. Elmar Wolf, seit zehn Jahren Kirchenpfleger in Kleinbardorf, weiß zu berichten, dass das um 1670 vom Orgelbauer Konrad Kitzinger angefertigte Instrument zunächst in der Bad Neustädter Karmelitenkirche eingebaut wurde und dann über 50 Jahre später im Jahr 1722 von der Kleinbardorfer Kirchengemeinde erworben wurde.

Damit sie an ihren neuen Standort passte, musste sie aufwendig umgebaut werden. Glücklicherweise blieb dabei die originelle Bemalung erhalten. „Diese Bemalung ist etwas ganz Besonderes“, schwärmt Kirchenpfleger Elmar Wolf. Allein sie lohnt schon einen Besuch in der Kirche Sankt Ägidius im kleinen Grabfelddörfchen Kleinbardorf.

 

 

Sankt Ägidius

Die Kirche Sankt Ägidius in Kleinbardorf steht im Sommer täglich von 9 bis 18 Uhr und im Winter von 9 bis 16 Uhr für Besucher offen. Führungen sind nach telefonischer Absprache unter Tel. (09761) 1494 mit Kirchenpfleger Elmar Wolf möglich. Der gesamte Innenbereich der Kirche ist 1995 renoviert worden. In der Veröffentlichung „Renovatio“ von Annette Faber ist ein Kapitel der Kirche St. Ägidius in Kleinbardorf gewidmet.

 

 

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